UNTERWASSER: Toggenburger stärkt Kulturpolitik

Im Hinblick auf die neuen St. Galler Kulturgesetze gründet der Parteilose Martin Sailer aus Unterwasser eine kantonsrätliche IG. Tatsächlich gibt es bislang keine politische Lobby für die Kultur.

Marcel Elsener
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Marcel Elsener

Wenn einer neu in den Kantonsrat kommt, wundert er sich über manches: Das ging Martin Sailer, als Parteiloser auf der Toggenburger SP-Liste vor einem Jahr ins Kantonsparlament gewählt, nicht anders. Der Kulturveranstalter schüttelte in einem Fall nur den Kopf: «Dass ausgerechnet die Kultur keine politische Lobby hat, konnte ich nicht glauben. Obwohl sie zu den gesellschaftlichen Grundpfeilern gehört, läuft sie nur nebenher mit.» Dabei finden sich im Kantonsrat Lobbys, sprich Interessengruppen für alles Mögliche: 15 IG sind es, nämlich für Bildung, Ethik, Alter, Haus- und Grundeigentum, Landwirtschaft, öffentlicher Verkehr, Sport, Holz und Wald, Ökumene, Sicherheit, Wirtschaft, Fisch und Fleisch, und ja, sogar für Golf, Fussball und Skirennen.

Nur nicht für Kultur. Sailer will das ändern, rechtzeitig zu den Vorlagen für die neuen Gesetze zur Kulturförderung und zum Kulturerbe (Ausgabe vom 10. Januar), für die jetzt Kommissionen gebildet wurden. Als Mitglied der SP-Grünen-Fraktion lädt er heute Dienstag zur Bildung einer parlamentarischen Interessengruppe Kultur (IGK) ein. Drei Mitglieder aus den anderen Fraktionen hat er gewonnen, die Toggenburger Ratskollegen Christian Spoerle (SVP) und Ma­thias Müller (CVP) sowie den Wiler Jigme Shitsetsang (FDP), und über 20 weitere Interessierte aus allen Parteien folgen seiner Einladung.

Die Ziele der Gruppe, die sich unter Anwesenheit von Kulturamtsleiterin Katrin Meier in der St. Galler Kellerbühne trifft, stehen fest: Die IG will unter anderem einen Überblick über das Kulturschaffen im Kanton bieten sowie die Kulturförderung in den Regionen «ideell unterstützen». Und sie «schaut hinter die Kulissen wichtiger Kulturprojekte und lanciert Kulturdebatten».

Bedeutung der regionalen Kulturförderung erkannt

Martin Sailer ist überzeugt, dass die Politik stärker in die Kultur eingebunden werden muss, wie es auch die Regierung wünscht. Und er hat sich in Zeiten des «Sparwahns» vorgenommen, «jegliche Kürzung von Kulturbudgets vehement zu bekämpfen». Als Betreiber des «Zeltainer» in Unterwasser weiss er, was staatliche Unterstützung ausmacht: «Ohne Zustupf hätte ich schon lange aufgehört. In den ersten drei Jahren brauchte ich all mein Erspartes.» Dieses Jahr geht Sailers anfänglich skeptisch aufgenommenes Kleintheater mit 47 Veranstaltungen in die 14. Saison, der Kanton unterstützt es heute mit 20000 Franken aus dem Lotteriefonds.

Zudem hat Sailer im Vorstand der Förderplattformen Südkultur und Kultur Toggenburg – seine Gemeinde liegt just an der Schnittstelle – einige Erkenntnisse gewonnen. «Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte» nennt er den regionalen Effort für die Kultur: «Der gemeinsame Pott der Gemeinden, vom Kanton im Betrag verdoppelt, hat extrem viel bewirkt. Ein Veranstalter im Dorf muss nicht mehr beim Gemeinderat um ein paar hundert Franken betteln, sondern kann sein Gesuch regional einreichen.»

Kulturbatzen mit Mehrwert in der Randregion

Kultur braucht Überzeugungsarbeit, hat Sailer als Veranstalter auf dem Land gelernt; hier ein Turnvereinsmitglied zu gewinnen und dort eine Schreinerei für einen Firmenanlass, bringt vieles in Gang. Auch wirtschaftlich: ­Jeder Kulturbatzen fliesse drei-, vier-, fünffach zurück in die Region, betont Sailer und zählt die Kette seines Kleintheaters auf: ein halbes Dutzend lokaler Betriebe vom Getränkehändler bis zur Druckerei profitieren ebenso wie die Gemeinde (Quellensteuer), die Hotellerie und natürlich die Künstler. Was für kulturtouristisch bedeutsame Städte wie Barcelona oder Hamburg gelte, wirke auch in Randregionen. «Die Leute gehen dorthin, wo es Kultur gibt.» Oder wie Sailer in der IG-Einladung schreibt: «Wo die Kultur vielfältig ist und gelebt wird, da will man wohnen und arbeiten.» Einsichten, die der 45-Jährige in die Köpfe pflanzen will: «Manchen Kantonsräten bedeutet die Kultur wenig.»

Sailer wohnt mit Familie im alten Schulhaus, grosszügige Verhältnisse mit Blick auf die Churfirsten. Wie er von seinem Wirken erzählt, etwa der geplanten Pump-Track-Anlage, spürt man die Verankerung in der Region. Dabei ist er in der Stadt St. Gallen aufgewachsen, als Sohn kulturbeflissener Eltern, der Vater Paarberater und Erwachsenenbildner, die Mutter Atemtherapeutin, und rein beruflich hier gelandet, dankbar für die erste Stelle als Primarlehrer (Lütisburg); die Verwurzelung beschleunigte das Bassspiel in der lokalen Country-Popband Desert Rats. Und dann, 2003 beim Kantonsjubiläum entdeckt, die Containerburg, die ihn faszinierte und die er zum Start des eigenen Kleintheaters kaufte.

Stahlberger-Zitat für das verbesserte Klanghaus

Selbstverständlich engagiert sich Sailer auch fürs Klanghaus, das nach zehnjähriger Vorarbeit und der «Schande» im Kantonsrat «nun einfach vors Volk muss». Getreu dem Song «Jede Scheiss isch e Chance» von Manuel Stahlberger sei das «raffinierte Projekt jetzt noch besser» und berücksichtige die Einwände der Gegner. «Eine solche Riesenchance fürs Toggenburg dürfen wir nicht ablehnen. Sonst steht garantiert ein anderer in einem andern Kanton parat.»

In die St. Galler Kulturpolitik muss sich Sailer einarbeiten, er ist längst noch kein kulturpolitisches Schwergewicht wie einst der SP-Kantonsrat Walter Fuchs oder der Künstler und Visarte-Präsident Josef Felix Müller. Doch die Praxis hat ihn gelehrt, wie man sich behauptet. Auf ­seiner «schrägsten Bühne der Schweiz» veranstaltet er grosse und kleinere Namen, stets mit einem Sinn für «Otto Normalhumor», wie er sagt. Nebst Peach Weber oder Joachim Rittmeyer ist etwa auch der SVP-Liebling Andreas Thiel zu Gast. «Ich veranstalte, was mir gefällt.»

Im November hat sich Sailer im Rat mit einem Jauchzer für eine zusätzliche Stelle in der Kantonsarchäologie eingesetzt – vergeblich. Er werde wohl noch «öfters ausgelacht», grinst er, «aber das war auch so, als ich Elektro-Einräder importierte oder intelligentes Hundespielzeug entwickelte, von dem ich heute leben kann». Gerade in der Kultur werde oft «gelästert, siehe Lokremise, und dann gehen trotzdem alle stolz dorthin zum Brunchen».

Derzeit sei kein Bedarf für kulturpolitische Vorstösse, meint Sailer, weil nebst den Kulturgesetzen grosse Kulturprojekte anstehen: Klanghaus, Theatersanierung, feste Einrichtung der provisorischen Bibliothek Hauptpost. «Da braucht es alle kulturfreundlichen Kräfte im Kanton, und erst recht eine starke IG Kultur.»