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In Gossau werden pro Stunde bis zu 40'000 Briefe sortiert. (Bild: Lisa Jenny)

In Gossau werden pro Stunde bis zu 40'000 Briefe sortiert. (Bild: Lisa Jenny)

Reportage

«Wer hier arbeitet, hat gelbes Blut»: Hinter den Kulissen der Briefzentrale Gossau

Während andere schlafen, geht im Logistikzentrum für Briefverarbeitung in Gossau die Post ab. Ein Blick hinter die Kulissen.
Melissa Müller

Draussen dunkelt es ein, drinnen packt die Gossauerin Claudia Constantino einen Stapel Briefe und stellt ihn auf die Maschine. Das wird sie in dieser Nacht noch zigtausend Male tun. 40'000 Briefe donnern pro Stunde über eine 48-Meter-Bahn. Es dröhnt und rattert im Logistikzentrum für Briefverarbeitung im Industriegebiet zwischen Gossau und St.Gallen. 120 Leute arbeiten hier Tag und Nacht.

Claudia Constantino ist seit 14 Jahren bei der Post. Manche Leute sind ganz verwundert, dass sie Nachtschicht leistet. «Wenn du einen Brief an deine Tante einwirfst, kommt er nicht einfach so am nächsten Morgen um 8 Uhr im Briefkasten deiner Tante in Genf an», erklärt sie dann. «Dazwischen muss etwas passieren. Und das passiert in der Nacht.»

Frauen in der Mehrheit

Betriebsleiter Tom Wepfer führt durch die 6100 Quadratmeter grosse Halle. Herzstück sind drei Maschinen, die fast 50 Meter lang sind. «Sie sortieren die Briefe so, wie der Pöstler am nächsten Morgen auf seiner Zustelltour läuft», sagt der 47-Jährige. Auf Pöstler-Deutsch rede man von der «Gangfolgesortierung».

Viele der Arbeitnehmerinnen sind weiblich. (Bild: Lisa Jenny)

Viele der Arbeitnehmerinnen sind weiblich. (Bild: Lisa Jenny)

Arbeiterinnen und Arbeiter laden Briefe in graue Fächer. Die Frauen sind in der Mehrheit; etliche seien alleinerziehend. «Hier kann fast jeder auch ohne Ausbildung zu arbeiten beginnen», sagt Wepfer. Wichtig sei, dass man gerne zupackt. Auch ein gutes Zahlenverständnis sei von Vorteil, da man mit Postleitzahlen zu tun hat.

Gossau ist eines von acht Brief­verarbeitungszentren der Schweiz. Sie sehen alle identisch aus. Das heisst aber nicht, dass es hier unpersönlich ist. Die Leute fühlen sich verbunden mit der Firma. «Ich habe gelbes Blut», sagt Betriebsleiter Tom Wepfer, seit 30 Jahren bei der Post. Als er die Lehre zum Betriebssekretär antrat, hiess es noch: «Das ist ein Job fürs Leben.»

Tausende Briefe werden jede Nacht in Gossau sortiert. (Bild: Lisa Jenny)

Tausende Briefe werden jede Nacht in Gossau sortiert. (Bild: Lisa Jenny)

Damals musste er noch alle Postleitzahlen der Schweiz auswendig lernen. Was heute nicht mehr nötig ist, da «intelligente» Sortiermaschinen den Job übernommen haben.

Claudia Constantino sortiert Briefe in Gossau. (Bild: Lisa Jenny)

Claudia Constantino sortiert Briefe in Gossau. (Bild: Lisa Jenny)

Auch Claudia Constantino hat gelbes Blut. «Ich komme aus einer Post-Familie, meine Eltern arbeiteten beide bei der Post.» Mit 17 Jahren schmiss sie ihre Lehre als Charcuterieverkäuferin hin.

Über ihren Vater, der damals bei der Hauptpost beim St.Galler Bahnhof tätig war, wurde auch die Tochter in die Nachtschicht eingespannt. «Ich war schon immer eine Nachteule», sagt die 32-jährige, die blaugrünen Augen schwarz umrandet, und wenn sie erzählt, glänzt ein Zungenpiercing.

Mitarbeiterin klaute Geld, Schmuck und Reka-Schecks aus Briefen

Wer hier arbeitet, untersteht dem Postgeheimnis. «Das ist das erste, worauf du aufmerksam gemacht wird, wenn du hier arbeitest», sagt Peter Ruf, stellvertretender Betriebsleiter. Denn ob Arztrechnungen, Mahnungen oder Briefe vom Untersuchungsamt :

«Das geht niemanden etwas an ausser den Empfänger oder die Empfängerin.»

Transparente Taschen sollen präventiv gegen Diebstahl sein. (Bild: Lisa Jenny)

Transparente Taschen sollen präventiv gegen Diebstahl sein. (Bild: Lisa Jenny)

Claudia Constantino und ihre Kolleginnen und Kollegen dürfen nur durchsichtige Plastiktaschen in die Briefverarbeitung mitnehmen. Dazu trug auch ein Fall bei, der die Post vor 18 Jahren erschütterte: Eine Angestellte stahl in der Handsortierung im Briefverteilzentrum in Luzern Geld, Schmuck und Reka-Schecks im Wert von über 140'000 Franken. «Ich würde Bargeld niemals per Post verschicken», sagt Claudia Constantino.

Briefe zu sortieren hat seine Tücken. (Bild: Lisa Jenny)

Briefe zu sortieren hat seine Tücken. (Bild: Lisa Jenny)

Handschuhe und Stahlkappenschuhe

Die meisten Angestellten tragen Handschuhe, da ein scharfkantiger Brief die Haut verletzen kann. Und Stahlkappenschuhe, falls einem etwa ein Hubstapler über die Füsse rollt. Rutschfeste Fussmatten sorgen für einen guten Stand. Ein Roboter hebt Briefstapel auf. Der habe den Zweck, die Mitarbeiter körperlich zu entlasten, sagt Wepfer. Regelmässig schaue auch eine Physiotherapeutin vorbei und gebe Tipps für die Körperhaltung.

Wepfer schildert den Weg eines Briefs: Ein Pöstler leert den Briefkasten. Der Inhalt wird in eines der drei Knotenpunkte der Briefverarbeitung gebracht, nach Eclépens, Härkingen oder Zürich-Mülligen.

Der Barcode enthält alle Informationen um direkt eingelesen zu werden. (Bild: Lisa Jenny)

Der Barcode enthält alle Informationen um direkt eingelesen zu werden. (Bild: Lisa Jenny)

Dort wird den Briefen der orange Barcode unten rechts aufgespritzt. Nach dieser ersten Sortierung werden die Schriftstücke mit Güterzügen zu den regionalen Logistikzentren transportiert. Alle Briefe, deren Postleitzahl mit 9 beginnt, landen in Gossau, wo sie dann für die Zustelltouren der Pöstler feinsortiert werden.

Höhere Mathematik

Die «intelligenten» Sortiermaschinen können Hand- und Computerschriften auf den Briefen lesen. Wie von Zauberhand spucken sie die Briefe so aus, dass sie in der richtigen Reihenfolge parat sind für die Briefkästen. Wie das genau funktioniert, erschliesst sich von aussen nicht. Peter Ruf: «Es funktioniert ähnlich wie ein Postkartentrick und hat etwas mit Trigonometrie zu tun.»

Rund 40'000 Briefe sortiert die Anlagen in der Stunde.. (Bild: Lisa Jenny)

Rund 40'000 Briefe sortiert die Anlagen in der Stunde.. (Bild: Lisa Jenny)

Manche Briefe sind zu dick oder zu gross für die Maschine. Alles, was über sechs Millimeter ist, wird von Hand sortiert. «Die A-Post funktioniert in der Schweiz zu 98 Prozent», sagt Zentrumsleiter Tom Wepfer, stolz auf die hohe Zustellqualität.

«Mehr Mahnungen sind gut für unser Geschäft»

Allerdings schrumpft das Geschäft. E-Mail, Whatsapp und weitere kostenlose Kommunikationsmittel verdrängen Briefe und Postkarten. Parallel dazu wächst der Paketmarkt und der «Gelbe Riese» eröffnet immer mehr Paketpostzentren – Zalando lässt grüssen. Wepfer sagt: «Das Briefgeschäft ist ein sterbender Markt.»

Die Töffli der modernen Pöstler laden über Nacht ihre Akkus. (Bild: Lisa Jenny)

Die Töffli der modernen Pöstler laden über Nacht ihre Akkus. (Bild: Lisa Jenny)

Ehrensache, dass der Chef per Post abstimmt und Karten verschickt, statt auf Facebook «Happy Birthday» zu wünschen.

Tom Wepfer, Betriebsleiter Postlogistikzentrale Gossau. (Bild: Lisa Jenny)

Tom Wepfer, Betriebsleiter Postlogistikzentrale Gossau. (Bild: Lisa Jenny)

Doch die Digitalisierung macht auch vor der Schweizer Post nicht Halt. 2018 hat sie rund 1,9 Milliarden adressierte Briefe verarbeitet. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang von 5,2 Prozent.

«Der Mengenrückgang zwingt die Post seit Längerem zu einem Stellenabbau», sagt Mediensprecher Thomas Schifferle. Bisher sei es ihr aber gelungen, diesen durch natürliche Abgänge wie Pensionierungen, also ohne Kündigungen zu bewältigen.

Dies gilt auch für das Logistikzentrum Gossau. «Uns ist es recht, wenn Sie Ihre Rechnungen nicht bezahlen», sagt Tom Wepfer nach der Führung mit einem schelmischen ­Lächeln. «Dann werden Mahnungen verschickt, und wir haben hier mehr zu tun!»

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