«Wenn Firmen Home-Office anbieten, wollen wir mithalten» – wegen des Corona-Virus ist der Schulbesuch in den Neuen Stadtschulen St.Gallen jetzt freiwillig

Für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums der Neuen Stadtschulen St.Gallen findet der Unterricht in Corona-Zeiten zu Hause statt – wenn sie das wollen. Wie funktioniert das? 

Linda Müntener
Hören
Drucken
Teilen
Nicht alle Plätze besetzt: 29 von 37 Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums der Neuen Stadtschulen St.Gallen sind Anfang Woche zu Hause geblieben.

Nicht alle Plätze besetzt: 29 von 37 Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums der Neuen Stadtschulen St.Gallen sind Anfang Woche zu Hause geblieben.

Bild: Benjamin Manser

Acht Schülerinnen und Schüler sind am Montagmorgen gekommen. Freiwillig. Die restlichen 29 blieben zu Hause. Aus Angst, zur Vorsicht - oder weil sie es jetzt einfach können. Im Gymnasium der Neuen Stadtschulen St.Gallen ist der Schulbesuch wegen des Corona-Virus seit kurzem fakultativ. Die Schulleiter Michael Hasler und Sacha Meyer sehen darin nicht nur eine Vorsichtsmassnahme gegen die Verbreitung des Virus, sondern auch die Chance, ein aussergewöhnliches Lernmodell zu vertiefen. «Wenn Firmen Home-Office anbieten, wollen wir mithalten», sagt Sacha Meyer, Leiter des Gymnasiums. 

Die Idee entspringt aus der Schülerschaft. Corona sei im «Mitarbeitergespräch» mit den Lernpartnerinnen – so heissen die Schülerinnen und Schüler hier – schon länger Thema gewesen. Auch, weil Einzelne mit dem öffentlichen Verkehr aus Zürich anreisen. Sie hätten nicht in erster Linie Angst um sich selbst, sondern wollten andere schützen, etwa ihre Grosseltern.

Michael Hasler, Gesamtschulleiter.

Michael Hasler, Gesamtschulleiter.

Bild: Benjamin Manser

Auch einzelne Lehrpersonen seien besorgt, zwei von ihnen fallen in die vom Bund definierte Risikogruppe. «Als Schulleiter trage ich diesbezüglich Verantwortung», sagt Sacha Meyer. Deshalb dürfen auch die Lehrpersonen von zu Hause aus arbeiten. Den Älteren habe er dies gar empfohlen, ergänzt Meyer. Michael Hasler, Gesamtleiter der Neuen Stadtschulen, präzisiert: 

«Das ist keine Panikmache. Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, die Ansteckungskette zu unterbrechen. Solidarisch. Und weil wir es können.»

Auch auf der Oberstufe sind die Lernbegleiter bereit für den digitalen Wechsel. Dort wartet man mit Blick auf das Alter der Jugendlichen und den Betreuungsaufwand für die Eltern aber noch zu.

Von den Eltern gibt's Lob

Die Neuen Stadtschulen St.Gallen sind Privatschulen. Dazu gehören eine Oberstufe/Untergymnasium, ein Gymnasium und eine Talentschule. Hier setzt man auf autonomes Lernen. Es gibt keine Klassen, gelernt wird individuell, altersdurchmischt, in Niveaugruppen am eigenen Arbeitsplatz, im Lernatelier oder in einem der Zusatzräume. Man erarbeitet den Stoff nicht im Frontalunterricht, sondern unterstützt durch Lernbegleiter und didaktisierte digitale Lehrmittel auf dem iPad.

«Wir sind im Zweifelsfall ohnehin durch und durch digitalisiert und hyperflexibel. Wieso dieses Experiment also nicht wagen?», sagt Meyer. Der Server wurde vergangene Woche eingerichtet, die Info-E-Mail an die Eltern ging am Freitagabend raus. Die Rückmeldungen seien grundsätzlich positiv – Lob für den offenen Umgang mit dem Thema und für die Innovation. Bisher habe lediglich ein Vater kein Verständnis für die Massnahme gezeigt.

Bund will nicht Schulen präventiv schliessen

«Home Office» oder «Digital Schooling» statt Klassenzimmer– das gibt es in der Schweiz derzeit nur, wenn Quarantäne angeordnet wird. Der Bund greift in Sachen Corona-Virus zwar mit strikten Massnahmen durch, von einer präventiven Schliessung der Schulen sah er bisher aber entschieden ab. Einerseits weil Kinder und Jugendliche nicht zur Risikogruppe gehören, andererseits weil bei Schulausfall in der Volksschule oft Oma und Opa die Betreuung übernehmen. Und ebendiese gefährdet sind.

Die Empfehlungen des Bundes hängen auch in den Neuen Stadtschulen.

Die Empfehlungen des Bundes hängen auch in den Neuen Stadtschulen. 

Bild: Benjamin Manser

Am Gymnasium der Neuen Stadtschulen gebe es dieses Problem nicht, sagt Meyer. Die Schülerinnen und Schüler sind alle zwischen 15 und 20 Jahre alt und haben die obligatorische Schulzeit hinter sich. «Wir haben hier parallel zu unseren klassischen Lernpartnern auch Spitzensportler, Hochbegabte und ab Sommer eine international auftretende Musikerin. Sie alle sind oft abwesend und brauchen sowieso einen flexiblen Lernplan.»

Bücher via Videokonfernez besprechen

Wie funktioniert das? «Bei uns ist der Unterricht ähnlich wie an einer Uni organisiert», sagt Hasler. Es gibt «Vorlesungen» zu bestimmten Themen. Beispiel Deutsch: Wenn Michael Hasler nächste Woche «Das Parfum» von Patrick Süskind bespricht, können sich die Schülerinnen und Schüler per Videokonferenz einloggen oder vor Ort anwesend sein. Ergänzendes Unterrichtsmaterial gibt es digital, mit den Lernbegleitern wird per Videochat gearbeitet. Ergänzende Planung und Begleitung findet in den wöchentlichen Coachinggesprächen statt.

In den Neuen Stadtschulen gibt es keine Klassen. Gelernt wird individuell, altersdurchmischt, in Niveaugruppen am eigenen Arbeitsplatz, im Lernatelier oder in einem der Zusatzräume.

In den Neuen Stadtschulen gibt es keine Klassen. Gelernt wird individuell, altersdurchmischt, in Niveaugruppen am eigenen Arbeitsplatz, im Lernatelier oder in einem der Zusatzräume.

Bild: Benjamin Manser

Am Gymi wird ein Grossteil der Lerninhalte komplett eigenständig erarbeitet, an der Oberstufe bis zu 50 Prozent des Stoffs. Das erfordere natürlich Selbstdisziplin, sagen die Schulleiter. Eine gewisse Kontrolle gebe es dennoch. Den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und Netflix schauen? Geht nicht, sagt Meyer. 

«Über den Server sehen wir genau, wer eingeloggt ist und wer nicht.»

Unterrichtszeit ist auch während dieses Pilotprojekts von 8:30 bis 16:30 Uhr. In diesem Zeitraum müssen die Schülerinnen und Schüler online und damit für die Lehrpersonen erreichbar sein. 

Das Ende des Experiments lassen die beiden Schulleiter offen. Ein Fazit lässt sich frühestens nach ein paar Tagen ziehen. So oder so sind Hasler und Meyer davon überzeugt: Diese Methode ist auch in der Volksschule anwendbar. Man müsse einfach umdenken. Und: flexibel sein. 

Stadtschulen eröffnen Gymnasium in Zürich

Plätze sind gefragt

Als Michael Hasler und Sacha Meyer vor dreieinhalb Jahren die Leitung der Neuen Stadtschulen übernahmen, zählte die Oberstufe 19 Jugendliche. Ein halbes Jahr später entstand dennoch das gleichnamige Gymnasium, welches sich im Sog der rasch wachsenden Oberstufe ebenfalls schnell in der Bildungslandschaft etablierte. Die Akzeptanz der beiden Innovationsschulen, die mittlerweile beide eine Ausstrahlung über die Schweizer Grenzen hinaus geniessen, habe sich gefestigt, so die Schulleiter. Bis zum Sommer können sowohl am Gymnasium als auch an der Oberstufe der Neuen Stadtschulen nur noch wenige Jugendliche aufgenommen werden. Beide Lernhäuser sind mit knapp 100 Jugendlichen eigentlich voll besetzt. Bis zum Sommer 2021 folgt an der Dufourstrasse in St. Gallen deshalb der Bau eines eigenen Gymnasiumgebäudes, welches knapp 60 Jugendlichen einen Platz im Co-Learning-Space anbieten wird. Das Investitionsvolumen für das Gymnasium plus drei Wohnungen beträgt rund 7 Millionen Franken. Und die Idee wird auch nach Zürich weitergetragen. Dort entsteht im Sommer ein weiteres Gymnasium mit derselben pädagogischen Gesinnung. 

Mehr zum Thema

Schulen im Appenzellerland trotzen dem Corona-Virus

Für Schüler und Lehrer gelten die offiziellen Schutzmassnahmen. Diese werden kreativ umgesetzt – etwa in Form alternativer Begrüssungsrituale. Mancherorts wird das Virus auch Teil des Unterrichts.
Janine Bollhalder