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Wenn Einsamkeit krank macht: Eine Ostschweizer Freiwillige der Dargebotenen Hand erzählt

Ein Traum führte Rebekka zu ihrer Arbeit als freiwillige Mitarbeiterin bei der Dargebotenen Hand in St.Gallen.
Rossella Blattmann
Freiwillige bei der Dargebotenen Hand müssen psychisch belastbar sein und gut zuhören können. (Bild: Ralph Ribi)

Freiwillige bei der Dargebotenen Hand müssen psychisch belastbar sein und gut zuhören können. (Bild: Ralph Ribi)

«Stopp. Reden hilft!» So lautet der Leitsatz der Dargebotenen Hand. Wer in seinem Leben nicht mehr weiter weiss, wählt die Nummer 143. 365 Tage im Jahr, 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag ist unter dem Sorgentelefon immer jemand erreichbar. Auch in der Stadt St.Gallen.

In einem Haus in der Nähe des Hauptbahnhofs klingeln die Telefone rund um die Uhr. Rebekka* gehört zu den rund 60 Freiwilligen, die bei der Dargebotenen Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein Menschen in einer Notsituation zuhören und mit ihnen reden. Auch im Sommer ist die Telefonseelsorge auf der Suche nach Freiwilligen wie Rebekka, wie ein aktueller Eintrag auf der Website der Dargebotenen Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein zeigt.

Einsamkeit in den Städten

Ob telefonisch oder online: Die Beratungen der Dargebotenen Hand sind beidseitig strikt anonymisiert. Darum kann Rebekka nicht sagen, wie viele Stadtsanktgaller sie schon beraten hat oder welche Sorgen die Menschen in der Stadt am meisten umtreiben. Sie sagt:

«Einsamkeit plagt die Menschen und macht sie krank.»

Und in den Schweizer Städten sei dieses Problem besonders akut. Sie wünsche sich mehr Aufmerksamkeit im Alltag. «Die Menschen in den Städten sollen auch mal den Blick vom Handy lösen, die Kopfhörer aus den Ohren nehmen und einander mehr in die Augen schauen.»

2018 haben in der Ostschweiz mit 20,8 Prozent am meisten Anrufende die 143 gewählt, weil sie Probleme mit der Bewältigung ihres Alltags hatten. Doch für Rebekka ist die Einsamkeit die Wurzel vieler Probleme, die in der Statistik nicht darauf zurückgeführt würden.

«Kontakt ist ein menschliches Bedürfnis wie Essen und Trinken.»

Fehle die Nähe, werde ein Mensch krank. «Genau so, wie man krank und schwach wird, wenn man keine Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nimmt.»

«Lebt die Person noch?»

«Ich arbeite seit zehn Jahren bei der Dargebotenen Hand in St.Gallen», sagt Rebekka. Damals habe sie den sechsmonatigen Ausbildungskurs für freiwillige Mitarbeitende absolviert. Der Auslöser für ihren Entscheid sei ein Traum gewesen. An den genauen Inhalt erinnere sie sich nicht mehr.

«Doch als ich am Morgen aufwachte, wusste ich ganz genau, dass es meine Bestimmung ist, bei der Dargebotenen Hand den Menschen zu helfen.»

Nach Schichtende habe sie keine Mühe, sich von ihrem oftmals psychisch belastenden Einsatz als Freiwillige zu distanzieren. «Beim Autofahren oder beim Joggen draussen in der Natur kann ich gut abschalten», sagt Rebekka.

Dennoch gebe es Fälle, die sie bis heute beschäftigten. «Einmal hat eine Person aus den Bergen angerufen, der es sehr schlecht ging. Ich weiss nicht, ob das Gespräch geholfen hat, was ich aber sehr hoffe.» Die Person habe nicht mehr angerufen.

«Manchmal frage ich mich: ‹Lebt die Person noch? Hat sie sich etwas angetan? Oder geht es ihr gut?›»

Schweigen, Scherze und Sex

Ab und zu kommt es vor, dass bei der Dargebotenen Hand das Telefon klingelt, und der Anrufende schweigt. «Dann stelle ich bewusst Fragen und warte ab», sagt Rebekka. Antwortet der Anrufende nicht, hänge sie den Hörer nach einer Weile auf. «Manche geben sich auch einen Ruck, rufen nochmals an, und sprechen über ihr Problem.»

Laut Rebekka gibt es auch Anrufende, welche die kostenlose Nummer 143 als Sexhotline missbrauchen. «Sexanrufer mache ich darauf aufmerksam, dass es für ihre Befriedigung andere Nummern gibt», sagt sie schmunzelnd. «Sex- und Juxanrufer sind ein Ärgernis, weil sie unsere Leitungen blockieren», sagt Rebekka. Sie erkenne meist ziemlich rasch, ob es sich um einen Ernstfall oder um Jux handle. «Ein erfundenes sexuelles Problem oder Gelächter im Hintergrund entlarven die Scherzbolde schnell.»

*Die Telefonberatungen der Dargebotenen Hand sind beidseitig anonymisiert. Die Freiwilligen arbeiten unter einem Decknamen. Dieser wurde von der Redaktion geändert.

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