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Weniger Stress für Sekundarschüler: Die Stadt St.Gallen streicht ab Sommer 2019 die Probezeit

Die Stadt St.Gallen schafft die Probezeit in der Sekundarschule ab. Die elfwöchige Bewährungsprobe sei zu viel Stress für Schüler und Lehrer und pädagogisch nicht mehr zu rechtfertigen.
Roger Berhalter
Zu viele Prüfungen in zu kurzer Zeit: Die meisten St.Galler Lehrer stehen der Probezeit kritisch gegenüber. (Symbolbild: Imago)

Zu viele Prüfungen in zu kurzer Zeit: Die meisten St.Galler Lehrer stehen der Probezeit kritisch gegenüber. (Symbolbild: Imago)

Die ersten elf Wochen des neuen Schuljahres sind fast vorbei, und an den städtischen Sekundarschulen läuft damit die Probezeit ab. Seit den Sommerferien mussten die neuen Sekschülerinnen und -schüler mit guten Noten zeigen, dass sie am richtigen Ort sind – und nicht in der Realschule besser aufgehoben wären. Es ist der letzte Jahrgang, der sich auf diese Art behaupten muss. Die Stadt St.Gallen schafft die Probezeit auf der Oberstufe nämlich ab, wie die Direktion Bildung und Freizeit am Mittwoch mitteilte. Jene Schüler, die ab Sommer 2019 die Sekundarschule besuchen, können ohne diese Bewährungsprobe in die Oberstufe starten.

Viel Neues auf einmal, viele Prüfungen

Der Stadtrat hat diesen Entscheid auf Wunsch der Mehrheit der städtischen Lehrpersonen gefällt, deren Meinung man vorgängig eingeholt habe, sagt Florian Sauer, Abteilungsleiter Schulen bei der Dienststelle Schule und Musik. «Es spricht eigentlich nichts für eine Probezeit.» Die Stressfaktoren und Verunsicherungen in dieser Phase würden schwerer wiegen als der pädagogische Nutzen. Stress hätten einerseits die Schüler, die sich innert kürzester Zeit beweisen müssten – und dies in einer ohnehin schwierigen Situation. Sie haben ihre bekannte Primarklasse verlassen und finden sich in der Sek in einer neuen Lernumgebung mit neuen Klassenkameraden und neuen Lehrern wieder.

Stress haben laut Sauer aber auch die Lehrpersonen. Sie sähen sich gezwungen, innert weniger Wochen viele Prüfungen anzusetzen. Nur so würden sie genügend Noten erhalten, um ihre Beurteilung der Schüler abzusichern. Auf diese Weise bleibe in der Probezeit aber das Entscheidende etwas auf der Strecke: «Dass die Schülerinnen und Schüler lernen dürfen, denn das Lernen findet in einer prüfungsfreien Zeit statt.»

Das kantonale Recht schreibt auf der Oberstufe keine Probezeit vor. Jeder Schulgemeinde steht es frei, eine solche einzuführen oder wieder abzuschaffen. Viele Gemeinden im Kanton verzichten mittlerweile auf eine Probezeit und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Die Stadt St.Gallen zieht nun nach.

Nur 10 bis 20 Schüler werden zurückgestuft

Künftig wird die Beurteilung eines Schülers durch den Primarlehrer noch wichtiger werden. Für Florian Sauer ist das kein Problem, im Gegenteil: «Die Lehrpersonen entscheiden sehr gut! Sie können mit ihrer Erfahrung die Leistung ihrer Schüler bestens beurteilen.» Dies, obwohl es sich um eine schwierige Prognose handle. Der Entscheid, ob sich ein Primarschüler für die Sek eignet, fällt schon im Februar, also ein halbes Jahr bevor der Schüler in die Oberstufe kommt. Im Leben eines Zwölf- oder Dreizehnjährigen ist das eine lange Zeit. Und trotzdem sind Rückstufungen in der Stadt St.Gallen relativ selten. Von den 300 bis 400 Sekschülern eines Jahrgangs würden jeweils nur 10 bis 20 in die Realschule zurückgestuft, sagt Sauer. Deswegen alle durch eine Probezeit zu schicken, sei ein unverhältnismässiger Aufwand.

Laut Sauer bietet die Abschaffung der Probezeit den Sekschülern die Chance, ihre Leistung besser zu entfalten. Dies entspreche auch dem neuen Lehrplan der Volksschule, der auf Kompetenzen ausgerichtet ist. Solche Kompetenzen zu erwerben, dauere nun einmal länger. «Die Probezeit lässt solche längeren Lernprozesse gar nicht zu.»

Die Stadt St.Gallen hinkt anderen Gemeinden hinterher

Die Stadt St.Gallen schafft die Probezeit beim Übertritt in die Oberstufe ab dem kommenden Schuljahr ab. Damit vollzieht sie einen Schritt, den andere Schulgemeinden im Kanton schon vor Jahrzehnten umgesetzt haben. Neben vielen beispielsweise Wil, Gossau und Wittenbach. Eine Nachfrage bei den Schulleitern ergibt klar, dass die Probezeit schon längst ein veraltetes System ist. Sie verursache bloss Stress, sowohl bei der Schüler- als auch bei der Lehrerschaft, sagen sie.

Die Stadt Wil hat die Probezeit beim Übertritt in die Oberstufe schon vor über 20 Jahren abgeschafft. «Ende jedes Schuljahres findet dann erneut ein Promotionsentscheid statt», sagt Mathias Schlegel, Schulleiter der Oberstufe Lindenhof. Mit diesem System habe die Schule durchwegs positive Erfahrungen gemacht. Vielmehr müsse das Verfahren beim Übertritt in die Oberstufe stets verbessert werden. Denn: «Jeder Fall, bei dem ein Jugendlicher falsch eingeteilt wurde, ist einer zu viel», sagt Schlegel.

In der Stadt Gossau müssen die Oberstufenschülerinnen und -schüler seit 2012 keine Probezeit mehr absolvieren. Anders als in Wil findet die Beurteilung aber nach jedem Semester statt – also zweimal jährlich. «Wir haben mit dem neuen System absolut positive Erfahrungen gemacht», sagt Thomas Eberle, Schulleiter des OZ Buechenwald. So habe ein gewisser Druck von den Schülern genommen werden können. Aber nicht nur von ihnen, sondern auch von den Lehrern. Das heisst jedoch nicht, dass es keine Wechsel mehr von der Sekundar- in die Realschule oder umgekehrt gibt. «Bei dringenden Fällen gehen wir auf die Eltern zu», sagt Eberle. So könne es auch sein, dass schon vor dem Semesterende ein Promotionsentscheid falle. «Jedoch immer in Absprache mit den Eltern.»

Die Oberstufe Gossau verfügt zudem über eine sogenannte Niveaugruppe im Fach Englisch. «Dort gibt es drei verschiedene Stärkeklassen», sagt Eberle. Dadurch entstünden in diesem Fach homogenere Lerngruppen. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: «Wir teilen die Schülerinnen und Schüler aus zwei Klassen in drei Gruppen ein, wodurch die Anzahl Schüler kleiner ist», sagt Eberle. Die restlichen Fächer werden in der Stammklasse unterrichtet. Doch was für Schüler und Lehrer positiv ist, macht es den Lehrbetrieben schwieriger, die Noten zu lesen. Welcher Wert hat nun welche Note in welchem Niveau? Hier setzt die Oberstufe Gossau auf den Dialog. «Wir setzen uns regelmässig mit dem Gewerbeverband zusammen, um über Änderungen zu informieren.»

In Wittenbach gilt dasselbe System wie in Gossau: ohne Probezeit, mit einer Niveaugruppe im Englisch und halbjährlichem Promotionsentscheid. Bis vor kurzem führte die Oberstufe Grünau zudem eine Niveaugruppe im Fach Mathematik. «Diese haben wir aber wieder abgeschafft», sagt Schulleiter Dominik Rechsteiner. Denn dadurch habe der Klassenverband gelitten. Der Verzicht auf die Probezeit sei hingegen der richtige Entscheid. «Diese ist für die Schüler ein riesiger Stress.» Zudem bringe es nichts, in den ersten Wochen primär Prüfungen zu schreiben. «So lernen die Lehrer ihre Schüler nicht kennen.»

Die Probezeit habe zudem noch einen anderen negativen Effekt auf die neuen Oberstufenschülerinnen und -schüler. «Sie geben zwar während der ersten Wochen Vollgas, danach ist aber oft die Luft draussen», sagt Rechsteiner. Wie in Gossau kann die Lehrerschaft auch in Wittenbach bei Einzelfällen zusammen mit den Eltern reagieren. (ren)

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