Welche Faktoren bestimmen die Anzahl Autos pro Gemeinde? Claudio Büchel, Professor für Verkehrsplanung, im Interview

Nebst dem ÖV beeinflussen zwei weitere Faktoren den Motorisierungsgrad einer Gemeinde. Claudio Büchel, Professor für Verkehrsplanung an der Hochschule Rapperswil, über die Gründe für die Unterschiede zwischen den Gemeinden. 

David Grob
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Viel Verkehr in Wittenbach – obwohl die Gemeinde am zweitwenigsten Autos der Gemeinden aus der Region aufweist. (Bild: Ralph Ribi, 20. Juni 2017)

Viel Verkehr in Wittenbach – obwohl die Gemeinde am zweitwenigsten Autos der Gemeinden aus der Region aufweist. (Bild: Ralph Ribi, 20. Juni 2017)

In Mörschwil hat es am meisten, in der Stadt St. Gallen am wenigsten: So sind 613 Autos pro 1000 Einwohner in Mörschwil angemeldet, aber nur deren 456 in St. Gallen.

Die Gemeindepräsidenten erklärten sich die Unterschiede unter anderem mit der Erschliessung ihrer Gemeinden durch den Öffentlichen Verkehr. Doch es gibt weitere Faktoren, die den Motorisierungsgrad bestimmen, wie Claudio Büchel, Professor für Verkehrsplanung in der Abteilung Stadt-, Verkehrs- und Raumplanung der Hochschule Rapperswil, im Interview erklärt.

Wie erklären Sie sich die Unterschiede zwischen den Gemeinden?

Claudio Büchel: Drei Faktoren bestimmen den Motorisierungsgrad in einer Gemeinde: Das ÖV-Angebot, die Infrastruktur fürs Auto und die Struktur der Gemeinde. Die Infrastruktur fürs Auto betrifft etwa die Frage, wie attraktiv das Strassennetz für das Auto ist. Also zum Beispiel die Nähe zur Autobahn oder ob es genügend Parkplätze gibt. Bei der Gemeindestruktur stellen sich die Fragen, wie dicht eine Gemeinde besiedelt ist, wie weit die Wege sind und ob es Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze vor Ort gibt.

Sie sprechen den ÖV an. Nun loben aber die Gemeindepräsidenten von Mörschwil und Wittenbach beide das gute ÖV-Angebot ihrer Gemeinde. Mörschwil liegt aber auf dem ersten, Wittenbach auf dem zweitletzten Rang.

Claudio Büchel, Professor für Verkehrsplanung. (Bild: PD)

Claudio Büchel, Professor für Verkehrsplanung. (Bild: PD)

Hier spielen eben die zwei anderen Faktoren eine grössere Rolle. Ab Mörschwil erreicht man die Autobahn sicherlich schneller als ab Wittenbach. Zudem hat Wittenbach eine dichtere Gemeindestruktur. Die Wege im Dorf sind kürzer, der Bahnhof liegt zentraler. Es zeigt sich somit, dass man den Motorisierungsgrad nicht auf einen einzelnen Aspekt reduzieren kann.

Spielt es auch eine Rolle, dass in Mörschwil viele Vermögende leben?

Das Vermögen ist sicher auch ein Faktor. Mörschwil bietet viel Wohnraum für Einfamilienhäuser. Ein tieferer Steuerfaktor kann sich dann auch auf die Anzahl Autos auswirken, da sich dadurch gewisse Leute eher ein Zweitauto leisten.

In der Stadt St. Gallen gibt es hingegen am wenigsten Autos pro 1000 Einwohner. Warum?

Dieses Bild zeigt sich in allen Agglomerationsgebieten: In urbanen Zentren ist der Motorisierungsgrad immer am niedrigsten. Dies liegt an den kurzen Wegen zu Schulen, Einkaufszentren und Arbeitsorten. Zudem sind die Bedingungen für den Autoverkehr oftmals nicht ideal. Parkplätze sind häufig zu wenige vorhanden, die Fahrten dauern zu Stosszeiten länger. Zudem ist das ÖV-Angebot in der Stadt deutlich stärker ausgebaut, womit viele Stadtbewohner ganz auf ein Auto verzichten können.

«Der Motorisierungsgrad stagniert in der Schweiz seit drei Jahren und liegt durchschnittlich bei 543 Autos pro 1000 Einwohnern.»

Gibt es schweizweit eine Zu- oder eine Abnahme des Motorisierungsgrades?

Weder noch. Er stagniert seit drei Jahren und liegt bei durchschnittlich 543 Autos pro 1000 Einwohnern. Zuvor ist der Motorisierungsgrad stetig gestiegen. 1970 lag er noch bei 271 Autos pro 1000 Einwohnern. Seither ging es konstant aufwärts.

Was sind die Ursachen für diese landesweite Stagnation?

Wir beobachten einen Rückgang von Autos in städtischen Kantonen. Ganz grundsätzlich ist die Stagnation sicher auf den starken ÖV-Ausbau der letzten zwei Jahrzehnte zurückzuführen. Diese Auswirkungen sind erst verzögert spürbar, etwa wenn Familien wegen des verbesserten ÖV-Angebots ein Auto nicht mehr ersetzen. Hinzu kommt in Städten die starke Zuwanderung, die in den 1990er-Jahren ausgeblieben ist. Heute wachsen Städte wieder. Jene, die neu in eine Stadt ziehen, verzichten teilweise auf die Anschaffung eines Autos. Diese beiden Faktoren – ein verbesserter ÖV und stärkere Zuwanderung – liessen den Motorisierungsgrad in Städten sinken.

So sieht's in der Region Rorschach aus:

Tübacher stehen auf Autos

Im Vergleich mit anderen Gemeinden in der Region hat Tübach die grösste Autodichte. Am ÖV-Netz kann es nicht liegen, denn dieses werde laut Gemeindepräsident rege genutzt.
Jolanda Riedener