Wegen Corona: Stromverbrauch sinkt in der Stadt St.Gallen um zehn Prozent

St.Galler Haushalte benötigen nur kaum mehr Energie, die Industrie hingegen deutlich weniger. Das zeigt eine Analyse der Stadtwerke.

Sandro Büchler
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Stromverbrauch im Homeoffice: Nicht der Laptop, sondern der Kochherd fällt dabei ins Gewicht.

Stromverbrauch im Homeoffice: Nicht der Laptop, sondern der Kochherd fällt dabei ins Gewicht.

Bild: Sebastian Gollnow/DPA

In der Stadt läuft das Leben in diesen Tagen auf Sparflamme. Das wirkt sich auf den Strombedarf aus. Die St.Galler Stadtwerke verzeichnen einen Rückgang von rund zehn Prozent beim Bedarf an elektrischer Energie, sagt Florian Zürcher, Abteilungsleiter für den Betrieb Netz Elektrizität und Telecom.

Am 17. März, also am Tag nachdem der Bundesrat die ausserordentliche Lage erklärt hatte, wurden in St.Gallen 1324000 Kilowattstunden Strom bezogen. Ein Minus von mehr als 13 Prozent, wenn man die Zahl mit dem Mittel der vergangenen drei Jahre vergleicht. Denn an einem vergleichbaren Dienstag im März wurden 1530000 Kilowattstunden, oder 1,530 Gigawattstunden, bezogen.

Industrie braucht bis zu 17 Prozent weniger Strom

In St.Gallen floss jedoch bereits in der Woche vor dem Bundesratsentscheid weniger Strom als üblich. Rund drei Prozent weniger, sagt Zürcher. Die Gründe dafür seien nicht einfach festzustellen. «Vermutlich sind unter anderem die relativ warmen Aussentemperaturen für die Abweichung verantwortlich.» Um vergleichen zu können, wie sich der Stromverbrauch durch den Lockdown verändert hat, haben die Stadtwerke die Zahlen ausgewertet von Grosskunden, die mehr als 100000 Kilowattstunden pro Jahr beziehen, und Kleinkunden, deren Verbrauch darunter liegt.

Florian Zürcher, Abteilungsleiter für den Betrieb Netz Elektrizität und Telecom bei den Stadtwerken St.Gallen.

Florian Zürcher, Abteilungsleiter für den Betrieb Netz Elektrizität und Telecom bei den Stadtwerken St.Gallen.

Bild: PD

Zu den Grosskunden zählen vor allem Industrie- sowie grössere Gewerbebetriebe. In dieser Kategorie ging der Stromverbrauch nach dem Lockdown am stärksten zurück. Am Donnerstag, 19. März, etwa bezogen die St.Galler Industriebetriebe 768000 Kilowattstunden elektrische Energie, in den Jahren zuvor durchschnittlich aber 925000 Kilowattstunden, was einem Minus von 17 Prozent entspricht.

Zu den Grosskunden der Stadtwerke gehören auch die Verkehrsbetriebe St.Gallen. Der Fahrplan wurde ausgedünnt, es fahren weniger Busse. Daher brauchen sie weniger Strom. Einer der wohl wichtigsten Grosskunden sei aus naheliegenden Gründen das Kantonsspital. Der Abteilungsleiter der Stadtwerke geht nicht davon aus, dass das Spital aktuell mehr Strom benötigt.

«Viel wichtiger ist für das Spital ohnehin die Versorgungssicherheit.»

Stadtwerke versichern: Energieversorgung ist gewährleistet

Die aktuelle Pandemie stellt die Gesellschaft und die Wirtschaft auf den Prüfstand. Die Versorgung mit Strom, Wasser, Wärme, Gas und Telekomdienstleistungen ist durch die St.Galler Stadtwerke sichergestellt. «Die Coronapandemie hat keinerlei Auswirkungen auf die Energieversorgung oder die Trinkwasserqualität», heisst es in einer Mitteilung der Stadtwerke. Die zuverlässige Versorgung der Stadt habe oberste Priorität. «Unsere Kundinnen und Kunden können sich auch in schwierigen Zeiten auf uns verlassen», wird Unternehmensleiter Marco Letta zitiert.

Dafür seien die Betriebsabläufe der aktuellen Situation angepasst worden: Mitarbeitende mit als versorgungskritisch eingestuften Funktionen arbeiten im Rotationsprinzip, wodurch der persönliche Kontakt zwischen Schlüsselpersonen verhindert wird. Sitzungen finden als Telefonkonferenzen statt und ein Teil der Belegschaft arbeitet im Homeoffice.

Nicht dringend nötige Wartungen werden verschoben

Versorgungssicherheit sei nicht erst seit den jüngsten Entwicklungen oberstes Gebot bei den Stadtwerken. Ein Energieversorger entwickle ständig Szenarien zur Vorbereitung auf mögliche ausserordentliche Situationen.

Trotzdem haben die Stadtwerke weitere Vorkehrungen getroffen. «Nicht dringend nötige Wartungsarbeiten sind zurzeit ausgesetzt und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden», erklärt Abteilungsleiter Florian Zürcher. So wolle man das Risiko einer Störung und die Gefahr für einen Stromunterbruch minimieren. «Wir gehen auf Nummer sicher.»

Wichtige Anlagen für die Versorgung seien zudem jeweils doppelt vorhanden, sagt Zürcher. Nicht zwingend notwendige Wartungen an diesen Redundanzen werden aber aufgeschoben. Sei ein Unterhalt unausweichlich, versuche man, die Arbeiten daran so kurz wie möglich zu halten. «Denn die Zeitspanne, während der wir quasi nur auf einem Bein stehen, ist natürlich besonders kritisch.»

Zugutekommt den Stadtwerken, dass auch zahlreiche Baustellen ihren Betrieb reduziert haben. Denn Baustellen bergen laut Zürcher das grösste Risiko für eine Störung, wenn etwa ein Bagger ein Kabel beschädigt. (sab)

Der Stromverbrauch der Grosskunden wird viertelstündlich erfasst und digital an die Stadtwerke übermittelt. Deshalb lassen sich bereits heute detaillierte Aussagen über den schwindenden Stromverbrauch machen. Denn im Vergleich dazu wird bei den Kleinkunden aktuell der Zähler zu Hause nur einmal pro Jahr abgelesen. Zu den Kleinkunden gehören aber nicht nur die Haushalte, sondern auch kleinere Gewerbebetriebe, beispielsweise Restaurants oder Coiffeure. So ist es nicht möglich, bei den Kleinkunden das Gewerbe von den Haushalten zu unterscheiden. Deshalb seien Rückschlüsse auf den zusätzlichen Energiebedarf der Haushalte mit Vorsicht zu geniessen, so Zürcher.

Kosten durch Homeoffice von rund sieben Franken monatlich

In anderen Städten, wie etwa in Wien, ist der Stromverbrauch in den Haushalten deutlich gestiegen, weil viele Menschen wie angeordnet zu Hause bleiben und im Homeoffice arbeiten. Nicht so in St.Gallen: Hier sank der Energiebedarf bei den Kleinkunden der Stadtwerke in der Woche, als der Lockdown beschlossen wurde. Möglicherweise wurde ein allfälliges Plus bei den Haushalten durch den gesunkenen Stromverbrauch des Kleingewerbes, geschlossenen Restaurants etwa, neutralisiert.

Erst vor gut einer Woche, am 25. März, übertraf der Energiehunger der Kleinkunden erstmals den Durchschnitt der vergangenen drei Jahren. Florian Zürcher sagt, dass solche kleinen Schwankungen für das Stromnetz kein Problem seien. Er erwartet in den kommenden Wochen auch keinen erhöhten Strombedarf durch die Haushalte.

«Die Leitungen sind entsprechend ausgelegt.»

Ob nun einige Herdplatten oder Laptops mehr in Betrieb seien, falle nicht allzu sehr ins Gewicht. Der durchschnittliche elektrische Energiebedarf eines Vier-Personen-Haushalts liegt laut Zürcher bei knapp 4000 Kilowattstunden pro Jahr. Das macht rund 10 Kilowattstunden pro Tag aus.

Klar hingegen ist, die zusätzliche Energie fürs Homeoffice kostet. Zürcher relativiert aber: «Ein zusätzlicher Bildschirm oder ein Laptop benötigt nur wenig mehr Strom.» Viel mehr ins Gewicht fallen jene Geräte, die elektrische Energie in Wärme umwandeln. «Also der Kochherd, allenfalls eine Kaffeemaschine.» Zürcher rechnet damit, dass jemand, der zu Hause arbeitet, ein bis zwei Kilowattstunden mehr elektrische Energie pro Tag benötigt. Über den Daumen gepeilt mache das zirka sieben Franken mehr pro Monat aus.

Auf den Bedarf von Gas, Wasser und Fernwärme haben die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Übrigen derzeit keinen signifikanten Einfluss, sagt Andrea Bischofberger, Sprecherin der St.Galler Stadtwerke.