Weder Regen noch Schnee: In St.Gallen war es diesen Winter zu trocken – nun leiden die Bäume

In der Stadt war der vergangene Winter der schneeärmste seit Messbeginn. Auch der Regen fehlt. Das hat Folgen für die Natur.

Marion Loher
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Wegen der Trockenheit giessen die Mitarbeiter von Stadtgrün derzeit fleissig – so auch im Kantipark.

Wegen der Trockenheit giessen die Mitarbeiter von Stadtgrün derzeit fleissig – so auch im Kantipark.

Bild: Ralph Ribi

Langlaufen auf der Kreuzbleiche-Loipe oder Skifahren an den städtischen Hängen: Beides war im vergangenen Winter in St.Gallen nicht möglich. Der Schnee fehlte. Es ist zwar nicht so, dass es zwischen Oktober und März nie geschneit hätte. Aber die paar Flocken, die Ende November oder Anfang Februar fielen, waren eindeutig zu wenig, als dass es fürs regelmässige Langlaufen oder Skifahren gereicht hätte.

Gemäss Meteo Schweiz sind in der gesamten Winterperiode 2019/2020 lediglich 32 Zentimeter Neuschnee gefallen. «Für St.Gallen war dies der schneeärmste Winter seit Beginn der Messungen 1938», sagt Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz.

Die 32 Zentimeter Neuschnee liegen weit unter den bisherigen Tiefstwerten, die zwischen 70 und 80 Zentimeter lagen. Die bisher absolut geringste Neuschnee-Menge gab es im Winter 1971/72 mit insgesamt 57 Zentimetern. Am meisten Schnee seit Messbeginn fiel im Winter 2012/13 mit 385 Zentimetern. Im Vergleich dazu: Im Winter 2018/2019 gab es zwischen Anfang Oktober und Ende Februar 204 Zentimeter Neuschnee, im Jahr davor waren es im selben Zeitraum 128 Zentimeter:

Diesen Winter war es deutlich zu warm

Der vergangene Winter war für St.Gallen auch der zweitwärmste seit 156 Jahren. Durchschnittlich wurde es von Oktober bis März 5,4 Grad warm, das langjährige Mittel beträgt 2,9 Grad.

Es hat aber nicht nur selten geschneit, sondern auch kaum geregnet. «Vor allem von November bis Januar war es sehr niederschlagsarm», sagt der Klimatologe. «Der Februar brachte dann überdurchschnittliche und der März durchschnittliche Niederschlagsmengen.» Der April hingegen dürfte wohl wieder weit unter dem Durchschnitt liegen.

Vor allem den Fichten geht es schlecht

Der trockene Winter und die regenarmen Frühlingstage haben Auswirkungen auf Fauna und Flora. «Am offensichtlichsten leiden momentan die Bäume. Sie waren vergangenes Jahr bereits gestresst und sind es jetzt wieder», sagt Biologe Jonas Barandun. Insbesondere die Fichten sähen schlecht aus.

«Viele haben ungewöhnlich viele Nadeln verloren und zeigen ein schütteres Kronendach. Ein Zeichen dafür, dass sie stark geschwächt sind.»
Jonas Barandun hat sich selbstständig gemacht, um sich voll dem Artenschutz zu widmen.

Jonas Barandun hat sich selbstständig gemacht, um sich voll dem Artenschutz zu widmen.

Bild: Ralph Ribi

Die geschwächten Bäume bieten dem Borkenkäfer ideale Bedingungen, sich rasch zu vermehren. «Er wird unseren Bäumen in absehbarer Zeit viele Probleme machen», sagt Barandun, der zehn Jahre lang das regionale Kompetenzzentrum für Fauna und Artenschutz des Naturmuseums St.Gallen geleitet und sich nun mit seinem Beratungsbüro Ökonzept selbstständig gemacht hat.

Auch Flüsse und Bäche führen derzeit weniger Wasser, als zu dieser Jahreszeit üblich. Mit Folgen. «Es kommt zu mehr Verschlammung in den Gewässern, was beispielsweise den Nachwuchs der Forellen schädigt und den Kleintieren den Lebensraum nimmt.»

Für die Mitarbeitenden von Stadtgrün bedeutet das trockene Wetter: giessen, giessen, giessen. Adrian Stolz, Leiter Stadtgrün, sagt:

«Es ist schon ungewöhnlich, dass wir bereits im April regelmässig bewässern müssen.»
Adrian Stolz leitet Stadtgrün, das Gartenbauamt der Stadt St.Gallen.

Adrian Stolz leitet Stadtgrün, das Gartenbauamt der Stadt St.Gallen.

Bild: PD

Es seien vor allem neugepflanzte Bäume und Sträucher sowie Rabatten und Rasen-Sportplätze, die zurzeit mehr Wasser bräuchten als in den Frühlingen der vergangenen Jahre. «Die Laubbäume trieben dieses Jahr wegen der milden Temperaturen viel früher aus als üblich», sagt Stolz. Mittlerweile aber habe sich ihr Wachstum wieder verlangsamt. «Da sie momentan noch wenig Laub haben, benötigen sie nicht so viel Wasser wie in den heissen Sommermonaten.»

Die ökologischen Folgen sind enorm

Noch aber sei die Situation nicht dramatisch, sagt der Leiter von Stadtgrün. Ähnlich sieht es auch Biologe Jonas Barandun: «Wenn es im Mai einige ausdauernde Regentage gibt, bin ich zuversichtlich, dass die Natur vieles aufholen kann.»

Die aktuellen Bedingungen seien ähnlich wie im Frühling 2018 vor dem Hitzesommer. «Es zeigt sich deutlich, dass die Klima-Modelle sich langsam verdichten», so der Experte. «Wir haben je länger desto mehr stabile Wetterlagen mit langen schönen, warmen und trockenen Perioden.» Ein Trend, der sich fortsetzen wird, zeigt sich Barandun überzeugt. «Wir befinden uns in einer Umbruchphase, die grosse Auswirkungen auf uns und unsere Ökologie haben wird.»