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Der St.Galler Klosterplatz unter dem Radar: Was im Boden verborgen liegt

Mit modernsten Methoden haben Archäologen aus Wien den St.Galler Klosterplatz vermessen. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. Sie deuten darauf hin, dass man über den Untergrund des Stiftsbezirks noch längst nicht alles weiss.
Roger Berhalter
Schattierungen und Linien aus dem Computer: Das ist die neuste Darstellung des Klosterplatzes. (Bild: PD/Ludwig-Boltzmann-Institut)

Schattierungen und Linien aus dem Computer: Das ist die neuste Darstellung des Klosterplatzes. (Bild: PD/Ludwig-Boltzmann-Institut)

Nein, einen Goldschatz habe man leider nicht gefunden. Auch sonst kann Kantonsarchäologe Martin Schindler keine Sensation präsentieren. Aber dennoch ist er zufrieden mit der jüngsten Vermessung des Klosterplatzes und bezeichnet sie als äusserst wertvoll. Mit modernsten Methoden haben Archäologen des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts vor einem Jahr den Platz gescannt. Mit einem Gefährt, das an einen Rasenmäher erinnert, jagten sie Radarwellen in den Boden, um im Untergrund Verborgenes sichtbar zu machen. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Martin Schindler, Leiter Kantonsarchäologie St.Gallen (Bild: Sabrina Stübi)

Martin Schindler, Leiter Kantonsarchäologie St.Gallen (Bild: Sabrina Stübi)

Martin Schindler blättert im Zwischenbericht, den ihm die Radar-Archäologen aus Wien geschickt haben. Er stoppt bei einer Visualisierung, die den Klosterplatz in Schwarz-Weiss zeigt. Es ist ein Abbild der Daten, welche die Forscher aus dem Boden gewonnen haben. Der Laie erkennt darauf nicht mehr als Schattierungen und Linien, die kreuz und quer über die Wiesen verlaufen. Profi Martin Schindler hingegen sagt begeistert: «Doch, doch, man sieht etwas!» Beispielsweise die alte Schutzengelkapelle, deren Grundriss sich in der südwestlichen Ecke als dunkler Kreis abzeichnet. Oder Grundrisse früherer Klostergebäude, die sich heute unter der Wiese befinden.

Nach Ost-West ausgerichtete Klostergebäude

Vieles davon ist der Kantonsarchäologie zwar schon seit 2003 bekannt, als der Klosterhof ebenfalls mit Radarwellen gescannt wurde. Doch die heutigen Methoden sind laut Schindler viel feiner, viel genauer und sie reichen tiefer denn je, bis zu 1,6 Meter unter die Oberfläche. «Wir können den Boden schichtweise betrachten.» Auf diese Weise offenbaren die jüngsten Daten auch Neues. Unter dem bereits bekannten, schräg stehenden Äbtehaus und anderen Strukturen aus dem Hoch- und Spätmittelalter scheint sich laut Schindler noch eine ältere Phase abzuzeichnen: Grundrisse, die sauber nach der Ost-West-Achse ausgerichtet sind. «Frühere Klostergebäude», sagt Schindler. Um was für Gebäude es sich handelt, könne er derzeit nicht sagen. Dazu wären weitere Messungen oder Ausgrabungen nötig.

1000 Jahre fehlen noch

Noch längst ist den Archäologen nicht alles bekannt, was unter dem Klosterplatz verborgen liegt. Als älteste bekannte Darstellung des Stiftsbezirks gilt ein Stadtplan aus dem Jahr 1596. «Davor gab es allerdings schon fast 1000 Jahre Klostergeschichte. 1000 Jahre zurück bis Gallus», sagt Schindler. Archäologische Grabungen vor dem Dom gab es bisher erst vereinzelt, und sie sind seit dem Aufkommen der virtuellen Archäologie auch weniger wichtig geworden. Heute können die Forscher vieles aufspüren, ohne zu graben. «Es ist gut zu wissen, was sich unter der Erde befindet», sagt Schindler. Der Kantonsarchäologe spricht von einem «Archiv im Boden», dessen Wert die neusten Messergebnisse bestätigt hätten. «Da steckt unsere Vergangenheit drin.»

Virtuelle Archäologie

Wenn Archäologen Ausgrabungen machen, sehen sie immer nur einen winzigen Ausschnitt von dem, was im Boden liegt. In den vergangenen Jahren hat sich das aber geändert. Dank neuer Methoden – der so genannten geophysikalischen Prospektion oder virtuellen Archäologie – können die Forscher immer präziser in den Untergrund blicken. Und das ganz ohne Schaufel. Insbesondere das Team um den Rheintaler Archäologen Wolfgang Neubauer hat mit seinen Methoden in der Fachwelt Aufsehen erregt. Neubauer leitet das Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien und ist mit grossflächigen Feldstudien weltweit bekannt geworden. Beim berühmten Steinkreis im britischen Stonehenge entdeckte er neue Monumente im Boden. In der römischen Stadt Carnuntum bei Wien fanden die Forscher ein hölzernes Amphitheater sowie einen ganzen Stadtbezirk mit Bäckereien, Tavernen und Geschäften. In ganz Europa ist Neubauers Team im Einsatz, im vergangenen Jahr auch im Kanton St.Gallen, beispielsweise auf dem St.Galler Klosterplatz und am Montlingerberg. Sie arbeiten dabei mit Methoden, die ursprünglich entwickelt wurden, um Rohstoffe zu finden. Sie schicken zum Beispiel Radarwellen in den Boden oder messen mit sensibelsten Geräten das Erdmagnetfeld. Aus diesen Daten entstehen am Computer anschauliche Bilder von dem, was früher war. Es sind Übersichten, die das Ganze zeigen, nicht mehr nur einen winzigen Ausschnitt.

Diese Vergangenheit im Boden läuft so schnell nicht weg. Deshalb hat es die Kantonsarchäologie auch nicht eilig mit weiteren Forschungen auf dem Klosterplatz. «Die Fläche bleibt frei. Wir können auch in hundert Jahren noch untersuchen», sagt Schindler. Im Gegensatz zu anderen aktuellen Forschungsstätten im Kanton, wo die Zeit wegen Bauarbeiten drängt: So seien am Montlingerberg und in Kempraten bei Rapperswil gewisse Areale bald nicht mehr so einfach für die Forschung zugänglich, sagt Schindler. Auch dort waren die Archäologen des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts mit ihren Radargeräten unterwegs, ebenso in Sargans und Wartau.

Fast wie Rasenmähen: Archäologen aus Wien scannen mit einem Radargerät den Untergrund des Klosterplatzes. (Bild: 5. April 2017)

Fast wie Rasenmähen: Archäologen aus Wien scannen mit einem Radargerät den Untergrund des Klosterplatzes. (Bild: 5. April 2017)

Stein um Stein wird kartografiert

Aber auch den St.Galler Klosterplatz möchte die Kantonsarchäologie weiter erforschen. Derzeit arbeiten die Wiener Archäologen an einer feineren Auswertung der gewonnenen Daten. «Da wird jeder einzelne Stein im Boden kartografiert», sagt Schindler. Dies sei nicht zuletzt für künftige Grabungsarbeiten wichtig. Anschliessend gehe es darum, die im Untergrund gefundenen Strukturen Punkt um Punkt zu interpretieren und mit den bisherigen Messungen und Grabungen zu vergleichen.

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