Was stellt Social Distancing mit Kindern an? Bei Ostschweizer Beratungshotlines klingeln die Telefone

Gspänli-Entzug, geschlossene Spielplätze und gestresste Eltern: Familien sind momentan gefordert. Und die Beratungshotlines gefragt.

Diana Hagmann-Bula
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Statt draussen zu spielen, sitzen Kinder derzeit wegen Corona vermehrt zu Hause. Das hat Folgen.

Statt draussen zu spielen, sitzen Kinder derzeit wegen Corona vermehrt zu Hause. Das hat Folgen.

Bild: Keystone/Julia Stratenschulte

Da sind jene, die sagen: Uns geht es wegen des Lockdowns so gut, wie schon lange nicht mehr. Der schulische Druck, weg. Der soziale Druck, weg. Mama und Papa so oft daheim wie nie.

Und da sind die anderen. «Jene Familien, die leiden, die Ängste und Konflikte haben, denen nun ohne Schule die Struktur fehlt», sagt Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen.

Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen.

Hannah Iten-Schlegel, Psychologin bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen.

Bild: PD

Sie sind es, für die sie eine Telefonberatung eingerichtet hat. Das war vor vier Wochen. «Das Angebot wird gut genutzt», sagt Iten. Konkrete Zahlen liegen noch nicht vor, fest steht aber: Auch wenn am 11. Mai die Schulen wieder öffnen, die Telefonberatung wird weitergeführt.

Die Mutter denkt, der Sohn habe ein Problem mit ihr, dabei hat er Angst

Iten-Schlegel erzählt von Eltern, die berichten, dass ihre Kinder unruhiger sind als sonst. Sie habe viele Gespräche über Verunsicherung geführt. «Sie kann der Grund für die Unruhe sein. Meist machen sich in diesen Fällen auch die Eltern viele Gedanken wegen der aktuellen Situation und übertragen das auf die Kinder.»

Angst als solche zu erkennen, ist nicht immer einfach. Wie im Fall eines zehnjährigen Buben, der sich schon immer gegen Regeln gewehrt hat, sich nun aber ganz verweigert, viel Zeit am Handy verbringt und gamet. Die Mutter suchte Rat, weil er sich immer häufiger aggressiv verhält und die Familie beschimpft. «Wir fanden heraus, dass sein Verhalten Ausdruck von Verunsicherung ist. Eine wichtige Erkenntnis für die Mutter, die sich gedacht hat, er hätte ein Problem mit ihr persönlich», sagt Iten-Schlegel.

Jugendliche würden ihre Sorgen am ehesten offenbaren, wenn man etwas mit ihnen unternehme, so die Psychologin weiter. Während einer Wanderung etwa beginnen sie plötzlich zu erzählen.

«Möglichst viel Stabilität und Normalität tut nun gut.»

Und Kontakt mit Freunden, mit Grosi und Opa, wenn auch nach wie vor besser per Videoanruf. Doch nicht alle Familien haben diese Kraft. Je länger man eng aufeinander daheim sitzt, desto eher beginnt man sich gegenseitig zu nerven. «Man sollte jetzt nicht den Anspruch haben, sich nie zu streiten», sagt Iten-Schlegel.

Ehemalige Patienten, die einen Rückfall erleiden, beanspruchen die Telefonberatung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste ebenso wie Familien, die bisher nie Kontakt mit der Stiftung hatten. Eltern etwa, die in Trennung leben und sich Sorgen machen, weil sich das Kind zurückzieht.

«Eine solche Ausnahmesituation ist kein guter Moment, um ein tief greifendes Problem lösen zu wollen. Ziel muss jetzt nur sein, gut durch diese Zeit zu kommen.» Verdeutlicht Iten-Schlegel das, geht es den Anrufenden meist gleich besser.

Um die Wette hüpfen im Treppenhaus

Anderen fallen gerade jetzt, wo sich das Leben verlangsamt hat, kreative Lösungen ein. Iten erzählt von einer Mutter, deren Sohn bewegungsfaul ist. «Sie hat seit dem Lockdown Sport fix in den Tag eingeplant. Vergeblich.» Nun gehe die Mutter spielerisch vor. Sie hüpft mit ihrem Sohn im Treppenhaus um die Wette.

Nicht nur Eltern, auch Forscher und Politiker fragen sich, was Social Distancing mit Kindern anstellt. Kristina Schröder, ehemalige deutsche Familienministerin, fand gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» deutliche Worte: «Ich glaube, es gibt Kinderseelen, in denen wir jetzt viel anrichten.» Da gebe es Fälle, wo es ihr den Hals zuschnüre, wo sie an Gewalt und Vernachlässigung denke. «Da werden aber auch Kinder zu Hause von überforderten Eltern vor dem Fernseher parkiert, um irgendwie Arbeitszeit zu bekommen.»

Lieber mehr Bildschirmzeit, als sich anzuschreien, meint Beatrice Truniger, die als Sozialarbeiterin bei der Kinder- und Jugendhilfe St.Gallen arbeitet.

«Alles, was verhindert, dass man sich streitet, ist nun richtig.»

Eltern sollten Medien aber bewusst einsetzen und betonen, dass es sich um eine Ausnahme handle.

Truniger und ihr Team haben viel zu tun. Zwei bis drei Telefonanfragen gehen täglich wegen Corona ein. Sie hören der erschöpften Frau zu, deren Säugling seit Wochen schlecht schläft und die ohne Hilfe der Grosseltern auskommen muss. Der Mutter, deren Teenager sich weiter mit Freunden treffen will, obwohl man daheim bleiben sollte. Truniger sagt:

«Kinder brauchen andere Kinder, um sich gesund zu entwickeln.»

Sie hat der Teenagermutter geraten, den Sohn ziehen zu lassen. Trotz der Furcht, er könnte das Virus nach Hause bringen. Welche möglichen negativen Auswirkungen kann Social Distancing auf Kinder haben? Truniger denkt an Mädchen und Buben, denen es ohnehin schwerfalle, Freundschaften zu schliessen. «Sie könnten nun noch mehr verlernen, auf andere zuzugehen.»

«Schule bietet eine Auszeit von daheim»

Anita Waltenspül ist Leiterin der Schulsozialarbeit der Stadt St.Gallen und zweifache Mutter. Sie weiss aus eigener Erfahrung wie herausfordernd die aktuelle Situation für Familien sein kann.

Die Schulsozialarbeit bot dieses Jahr deshalb auch während der Frühlingsferien eine telefonische Beratung an. Zurecht, es gab Anfragen. «Bei Familien, die schon zuvor in einem Tief steckten, kann sich die Lage nun verschärfen.» Der Schulalltag, er mag für einige Kinder herausfordernd sein. Waltenspül: «Er bietet aber auch Orientierung und eine Auszeit von daheim.»

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