Warum jedes kleine Kind ein Sprachgenie ist: Pädagogin ermutigt Gossauer Eltern 

Früher galt die Mehrsprachigkeit von Migranten als Makel. Heute liegt sie im Trend und wird gefeiert. In der Gossauer Stadtbibliothek gab es praktische Tipps für Mütter und Väter.

Melissa Müller
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«Beim gemeinsamen Spiel das Kind optimal fördern»: Pädagogin Alexandra Waibel (hinten) leitet türkische Eltern an.

«Beim gemeinsamen Spiel das Kind optimal fördern»: Pädagogin Alexandra Waibel (hinten) leitet türkische Eltern an.

Bild: Ralph Ribi

Ein Gehirn leuchtet auf der Power-Point-Präsentation bunt wie ein Regenbogen. «Sprachen lernen ist Futter für das Gehirn Ihres Kinds», sagt Alexandra Waibel. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Pädagogischen Hochschule St. Gallen ist auf die Sprachförderung spezialisiert. In der Gossauer Stadtbibliothek hat sie am Montag einen Vortrag für Eltern gehalten, die ihren Nachwuchs mehrsprachig aufziehen. «Damit bereiten Sie Ihrem Kind ein kostbares Geschenk», begrüsst sie drei Mütter und vier Väter albanischer und türkischer Herkunft.

Dozentin Andrea Waibel: «Jede Sprache ist ein Geschenk.» In der Gossauer Stadtbibliothek finden Familien auch Bilderbücher auf Türkisch und Albanisch.

Dozentin Andrea Waibel: «Jede Sprache ist ein Geschenk.» In der Gossauer Stadtbibliothek finden Familien auch Bilderbücher auf Türkisch und Albanisch.

Ralph Ribi

«Meine Frau und ich können beide nicht so gut Deutsch, wie können wir unserem Sohn helfen?», fragt ein Vater. «Reden Sie mit ihm in Ihrer Herzenssprache», rät Alexandra Waibel. Jene Sprache also, auf die man automatisch zurückgreift, wenn man besonders wütend, glücklich oder traurig ist.

Lästiges Vokabelpauken fällt weg

Danach zeigt die Dozentin ein Foto von einem Baby mit einem Staubsauger. «Kleine Kinder sind Sprachstaubsauger», sagt Waibel dazu. Sie würden alles Neue begeistert entdecken und aufsaugen. Papa redet Albanisch, Mama Russisch? Kinder hätten damit kein Problem. Im Alter von null bis sieben könne man ganz natürlich parallel mehrere Sprachen lernen. Ohne mühsames Vokabelpauken.

«Das Gehirn ist in dieser Zeitspanne
ganz offen».

Natürlich könne man sein Leben lang Sprachen lernen. «Aber so einfach wie als Kleinkind hat man es nie wieder.»

Albanische Eltern erhalten in der Stadtbibliothek Gossau von Alexandra Waibel (rechts) Tipps, wie sie ihre Kindern in mehreren Sprachen aufwachsen lassen können.

Albanische Eltern erhalten in der Stadtbibliothek Gossau von Alexandra Waibel (rechts) Tipps, wie sie ihre Kindern in mehreren Sprachen aufwachsen lassen können.

Ralph Ribi

Wenn die Muttersprache verloren geht

Dabei galt Mehrsprachigkeit lange als Makel. Eltern befürchteten, ein mehrsprachiges Aufwachsen könnte die Entwicklung behindern. In den 1970ern wurde Einwanderern eingebläut, ihre Sprache sei ein Problem und kein Mehrwert. Sie wurden angewiesen, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen und auch mit ihren Kindern Deutsch zu reden. Was dazu führte, dass Kinder die Sprache ihrer Eltern nie richtig erlernten. Und auch den Kontakt zu Verwandten verloren, weil sie sich mit der Oma oder dem Onkel in der Türkei oder in Portugal nicht verständigen konnten. «Man forderte die totale Anpassung und sah lange Zeit die Vorteile der Zweisprachigkeit nicht», sagt Roman Caduff, der Integrationsbeauftragte der Stadt Gossau. Heute weiss man es besser. Linguisten, Psychologen und Hirnforscher singen ein Loblied auf die Bilingualität:

Wer viele Sprachen spricht, habe bessere Chancen im Beruf, könne besser in fremde Kulturen eintauchen und sogar schneller denken.

Das kantonale Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung veranstaltet deshalb in verschiedenen Einrichtungen ein Modul für Eltern. Unter dem Titel «Sprich mit mir und hör mir zu» erhalten sie Anregungen, wie sie ihre Kleinkinder beim Sprechenlernen unterstützen können. Etwa indem sie mit ihnen spielen, einen Kuchen backen, Geschichten vorlesen oder beim Spazieren Dinge benennen, auf die das Kind zeigt, wie eine Katze oder eine Kuh. «Reden Sie mit Ihrem Kind, hören Sie ihm zu, umgeben Sie es mit Sprache», sagt Waibel. Im Kopf des Kindes sei für mehrere Sprachen Platz.

«Mit jedem neuen Wort wächst es und entdeckt die Welt.»
Wimmelbilder und Bilderbücher sind ideal, um Kindern spielerisch eine Sprache beizubringen.

Wimmelbilder und Bilderbücher sind ideal, um Kindern spielerisch eine Sprache beizubringen.

PD

Wichtig sei auch, dass das Kind so früh wie möglich mit Deutsch in Berührung kommt: in der Bibliothek, in der Kita, in der Spielgruppe, auf dem Spielplatz. In Gossau gebe es ganz umsonst viele Gelegenheiten für Familien, sagt Roswitha Hanselmann, die Präsidentin der Spielgruppe Bärehüsli. Es gebe jeweils am Dienstag und Freitag von 9 bis 11 Uhr sowie am Montag von 14 bis 16 Uhr einen Elterntreff an der Quellenhofstrasse 4; eine Anmeldung ist nicht nötig.

Gleich viele Betroffene wie Fachleute vor Ort

Nadja Eberle, die stellvertretende Gossauer Bibliotheksleiterin, stellt ebenfalls ihr vielfältiges Angebot vor. Für zehn Franken im Jahr kann ein Kind Medien ausleihen. Die Ludothek ist gleich nebenan. «Sie sind bei uns auch ohne Abo willkommen und dürfen jederzeit gratis Bücher vorlesen, spielen oder Kaffee trinken», sagt sie zu den türkischen und albanischen Eltern. Gerade mal sieben Mütter und Väter haben am Montag am Anlass teilgenommen – etwa gleich viele Integrationsbeauftragte, Dolmetscherinnen, Sprachspezialistinnen und Babysitterinnen waren vor Ort. «Ich kann mir nicht erklären, warum so wenige Leute da waren und wünschte, dass mehr Eltern von diesem sinnvollen Angebot profitieren könnten», sagt der Integrationsbeauftragte Roman Caduff. Er habe über 40 Eltern eine Einladung geschickt. Das Sozialamt, das Einwohneramt und Kitas hätten ebenfalls zweisprachige Flyer unter die Leute gebracht. Caduff will mit seinem Team über die Bücher, um das Zielpublikum künftig besser zu erreichen.

Jene Eltern, die dem Vortrag in Gossau gelauscht hatten, zeigten sich positiv überrascht und erleichtert. «Es ist gut zu wissen, dass unser kleiner Sohn so mühelos Sprachen lernen kann», sagt eine junge Türkin.