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«Es war die Hölle und trotzdem hatte ich Glück»: Die Holocaust-Überlebende Agnes Hirschi hat nur ein Ziel

Seit bald 25 Jahren hat Agnes Hirschi eine Mission. Sie will die Heldentaten ihres Stiefvaters bekannt machen.
Marlen Hämmerli
Für die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» wurde auch Agnes Hirschi fotografiert. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Für die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» wurde auch Agnes Hirschi fotografiert. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die 81-jährige Agnes Hirschi hat eine Mission: Sie will die Taten des Judenretters Carl Lutz’ bekannt machen und sich für eine angemessene Würdigung einsetzten. Ganz so, wie sie es ihrem Stiefvater am Totenbett versprochen hatte. Seit 1995 setzt sich Hirschi unermüdlich für diese Mission ein. Auch dann noch, wenn sie an keiner Gedenkveranstaltung auftritt, sondern privat eine Holocaust-Ausstellung besucht. So geschehen am vergangenen Dienstag.

In einem blaugemusterten Oberteil sitzt Agnes Hirschi an einem Bistrotisch im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, vor sich ein Glas Wasser. Mit vor Alter zittrigen Händen blättert sie in einem Mäppchen, zieht Blatt um Blatt hervor und erzählt Provenienzforscher Peter Müller von einer neuen Wanderausstellung und einer SRF-Doku über Carl Lutz. Dann blickt sie auf, lacht schelmisch und sagt: «Wenn ich schon da bin, kann ich auch ein wenig weibeln.»

Hirschi wollte nicht Teil der Ausstellung sein

Eigentlich ist Hirschi von Münchenbuchsee nach St.Gallen gefahren, um sich die Ausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen» anzusehen. Erst betritt die gebürtige Ungarin aber die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors», in der auch ihr Porträt hängt. «Der Fotograf hat alle Falten ausgeleuchtet, schrecklich», sagt sie im breiten Berndeutsch und wendet sich schaudernd ab. Ursprünglich wollte sie nicht Teil der Ausstellung sein. «Meine Geschichte ist viel zu positiv und zu wenig spektakulär.» Doch es fehlten noch Frauenporträts und:

«Weil ich mitmache, kann ich auch über Carl Lutz reden.»

Hirschi ist eng mit dem Judenretter verwoben. 1938 wurde sie als Agi Gausz in London geboren und erhielt so die englische Staatsbürgerschaft. Ihre Kindheit verbrachte sie in Budapest. Als die Sechsjährige deportiert werden sollte, bat Agis Mutter Carl Lutz um Hilfe. Der Walzenhauser vertrat Grossbritannien während dem Weltkrieg in Budapest und stellte Zehntausenden Juden Schutzpässe aus, um sie vor der Deportation zu schützen. Aber nicht nur das: Zusätzlich hisste er die Schweizer Flagge an etlichen Häusern und stellte so deren Bewohner unter diplomatischen Schutz.

«Er hat alles riskiert und Zivilcourage gezeigt.»

Für Agi stellte Lutz keinen Schutzbrief aus, sondern engagierte ihre Mutter, Magda Gausz, als Hausdame und nahm die zwei bei sich und seiner Ehefrau auf. Im folgenden Winter wurde Budapest bombardiert, nur knapp entgingen die Familien dem Tod. Die zwei letzten Kriegsmonate verbrachten sie mit weiteren Familien im Luftschutzkeller. Während über ihnen das Haus der englischen Gesandtschaft abbrannte, wurden im Keller die Vorräte knapp.

«Es war die Hölle und trotzdem hatte ich Glück.»

Holocaust ist heute aktueller denn je

Nach dem Krieg kehrte Lutz in die Schweiz zurück, trennte sich von seiner Ehefrau und heiratete Magda Gausz. Agi kam in die Schweiz, wo sie Agnes genannt wurde. Sie besuchte eine Handelsschule, heiratete einen Berner und bekam zwei Söhne. Schliesslich wurde Hirschi Journalistin bei der «Berner Zeitung», wo sie bis zur Pensionierung arbeitete.

All die Jahre verdrängte sie ihre Vergangenheit, auch wegen des Schmerz’. Tränen stehen ihr in den Augen, als sie sich in der Ausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen» umsieht. «Es ist wahnsinnig. Furchtbar.» Bis vor kurzem kannte kaum jemand Hirschis Geschichte, die sie verdräng hatte. «Ich stand mitten im Leben und wollte dieses möglichst normal führen.» Heute aber sei der Holocaust aktueller denn je. Nun da die letzten Überlebenden sterben.

Ausstellung läuft noch bis 4. August

Die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» ist noch bis 4.August in St.Gallen zu sehen. Die Ausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen» läuft noch bis 29.September.

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