Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen eröffnet einen neuen Waldlehrpfad: Das Reh riecht nach Essig

Die Ortsbürgergemeinde hat einen neuen Waldlehrpfad erstellt. «Walderlebnis Menzlen» soll Wissen auf spielerische Art vermitteln.

Marlen Hämmerli
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Patrik Hollenstein, Urban Hettich, Arno Noger und Johannes Stieger (von links) stehen an einer Station zum Wald als Lebensraum für Wildtiere.

Patrik Hollenstein, Urban Hettich, Arno Noger und Johannes Stieger (von links) stehen an einer Station zum Wald als Lebensraum für Wildtiere.

Bild: Ralph Ribi

Ein Reh steht mitten im Menzlenwald. Arno Noger, Präsident der Ortsbürgergemeinde (OBG) St.Gallen, nähert sich ihm, beugt sich hinab und stellt fest: «Es riecht nach Essig.» Das Reh ist eine von mehreren Skulpturen, die Holzbildhauer Dominik Hollenstein geschaffen hat. Sie zieren den neuen Waldlehrweg der Ortsbürgergemeinde.

«Walderlebnis Menzlen» – wie der Pfad heisst – ist kein klassischer Lehrpfad mit Täfelchen, die eine Buche als «Buche (Fagus sylvatica)» bezeichnen. Nein, es ist eine «grundlegende Neuinterpretation der altbekannten Pfade», wie Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaften bei der OBG, sagt.

«Der Weg soll nicht belehren, sondern Erlebnisse schaffen», sagt Noger. Alle Sinne würden angesprochen und nicht nur Täfelchen mit Texten aufgehängt. Die Besucherinnen und Besucher sollen sich spielerisch Wissen über den Wald und seine Bewohner aneignen, über seine Funktionen als Lebensraum und Wirtschaftsfaktor.

Vier Kilometer Weg, zehn Hauptthemen

Die Stationen decken zehn Hauptthemen ab und sind zwischen den Quartieren Riethüsli und Haggen über knapp vier Kilometer verteilt. Der Einstieg befindet sich am Waldrand an der Hochwachtstrasse:

Ein Rundgang dauert etwa eineinhalb Stunden. An einer Station etwa können Spaziergänger darüber abstimmen, was ihnen der Wald bedeutet. Ist er Energiequelle, Spiel- und Sportplatz, Fundstelle für Beeren und Pilze oder eigentlich uninteressant?

Abstimmen kann man, indem man etwas in eines der vier Gefässe wirft:

Bild: Ralph Ribi

Noch sind nicht alle Details fertig. So liegt an der ersten Station Kies lose auf dem Waldboden. Die letzten Tage war es zu nass, um es zu verdichten. Förster Patrik Hollenstein sagt:

«Irgendwie waren wir immer dran, wenn das Wetter schlecht war.»
Patrik Hollenstein, Förster bei der Ortsbürgergemeinde.

Patrik Hollenstein, Förster bei der Ortsbürgergemeinde.

Bild: Ralph Ribi

Die vergangenen zwei Wochen haben die zwei Förster und ihre sechs Mitarbeiter die Stationen installiert. Stämme platziert, Tafeln fixiert und unter anderem zwei Holztröge aufgestellt.

Waldboden schützt vor Hochwasser

Urban Hettich giesst mit einem metallenen Gefäss Wasser über die dunkle Erde im einen Trog. Es versickert sofort. Anders beim zweiten Haufen Erde. Dort läuft das Wasser ab. «Der Waldboden speichert je nach Beschaffenheit Wasser wie ein Schwamm und schützt so vor Hochwasser», erklärt Hettich.

Die Idee für den neu interpretierten Waldlehrpfad hat Arno Noger aus den Ferien in Kanada nach St.Gallen mitgebracht. Vor zehn Jahren war er mit seiner Ehefrau zwischen Vancouver und Whistler unterwegs. Die «sehr attraktive» Aufbereitung der dortigen Lehrpfade beeindruckten ihn.

«Zurück in der Schweiz kamen mir unsere Baumlehrpfade mit Täfeli zum Aufklappen öde und unattraktiv vor.»

Noger beauftragte den Forstdienst der Ortsbürger, solche «Täfeliwege» nicht mehr zu erneuern, sondern abzubrechen. So geschehen etwa bei einem Pfad beim Wildpark Peter und Paul. Stattdessen entstand Walderlebnis Menzlen. «Ein Weg, der gratis zugänglich ist, also keinen Eintritt kostet wie etwa der Baumwipfelpfad Mogelsberg», sagt Noger.

Der Menzlenwald ist mehrfach geeignet

Die Wahl fiel aus mehreren Gründen auf den Menzlenwald. «Er liegt nahe der Stadt, bietet Aussicht, ist mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen und nicht monoton», sagt Hettich. Es wachsen viele verschiedene Baumarten im Menzlenwald. Zudem sei er bereits gut besucht. Hettich sagt:

«Es hat sowieso schon Publikum und wir belasten nicht ein neues Waldstück zusätzlich.»

Die Wege sind befestigt und gut mit Kinderwagen begehbar. Die Informationstafeln leuchten in Gold und sind mit Bändern direkt an den Bäumen befestigt. Wächst der Baum, wird das Band auf den grösseren Umfang verlängert. «Der Wald lebt. Das wollten wir mit der Gestaltung transportieren», sagt Johannes Stieger vom Studio Das, welches auf Design und Szenografie spezialisiert ist.

Johannes Stieger vom Studio Das.

Johannes Stieger vom Studio Das.

Bild: Ralph Ribi

Betonfundamente sucht man auf dem Lehrpfad vergebens. Bei der Umsetzung wurde mit natürlichen Materialien gearbeitet.

So steht an einer Stelle ein moosbewachsener Stamm, an dem rotrandige Baumschwämme wachsen. Die Pilze zersetzten das Totholz und machen Nährstoffe wieder für das Pflanzenwachstum verfügbar, wird auf einer Tafel erklärt.

Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaften bei der OBG, sagt: «Die Pilze fressen das Holz komplett weg.»

Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaften bei der OBG, sagt: «Die Pilze fressen das Holz komplett weg.»

Bild: Ralph Ribi

Pilze die Holz fressen

Ein paar Schritte weiter liegt ein Stamm auf dem Waldboden. Schwarze Pilzfäden zieren ihn. Es sind die Fäden eines anderen Totholzzersetzers: des Hallimasch.

«Diese Pilze fressen das Holz komplett weg», sagt Uran Hettich. «Das dauert je nach Feuchtigkeit und Baumart unterschiedlich lang.» So sei die Zersetzung bei einer Buche nach zehn Jahren schon weit fortgeschritten, eine Lärche hingegen kaum angegriffen. Der Wald lebt und verändert sich laufend. Das wird auf dem neuen Waldlehrpfad der Ortsbürgergemeinde deutlich.

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