Waldkirch
Durch morsches Scheunendach sechs Meter in die Tiefe gestürzt: Arbeitsunfall hat juristisches Nachspiel

Ein Bauunternehmer vernachlässigte die Unfallsicherung sträflich. Weil der Arbeitgeber die Vorschriften nicht einhielt, verletzte sich ein 72-jähriger Angestellter schwer.

Sandro Büchler
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Die Unfallstelle: Die Dachkonstruktion war nicht mehr tragfähig und brach unter dem Gewicht des 72-Jährigen.

Die Unfallstelle: Die Dachkonstruktion war nicht mehr tragfähig und brach unter dem Gewicht des 72-Jährigen.

Bild: Kantonspolizei St.Gallen

Es geschieht an einem Montagnachmittag im März 2020. Im Weiler Leh bei Waldkirch will ein 72-Jähriger Ziegel vom Dach einer Scheune entfernen. Der Dachstuhl ist marode, die Holzlatten morsch. Unter dem Gewicht des Mannes gibt das Holz nach, er fällt rund sechs Meter auf einen Heuboden. Der Arbeiter verletzt sich schwer und muss von der Feuerwehr geborgen werden, ehe er ins Spital gebracht wird.

Wegen des Unfalls ergehen nun Strafbefehle an zwei Männer, einen 59-Jährigen und einen 48-Jährigen. Sie haben sich gemäss St.Galler Staatsanwaltschaft der Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über die Unfallversicherung strafbar gemacht. Sie hätten andere gefährdet, indem sie den Vorschriften zur Verhütung von Berufsunfällen zuwiderhandelten.

Das Dach wird als nicht mehr tragfähig beurteilt

Der Weiler Leh bei Waldkirch

Was ist passiert? Der ältere der beiden Beschuldigten ist Inhaber eines Tiefbauunternehmens. Seine Firma soll das Scheunendach im Weiler beim Golfplatz abdecken. Einige Tage vor dem Unfall beurteilt der Unternehmer zusammen mit einem Architekten das Dach. Sie kommen zum Schluss: Es ist nicht mehr tragfähig. Deshalb soll ein Mitarbeiter mit einem Teleskopstapler auf Dachhöhe gehoben werden und gesichert aus einem Arbeitskorb heraus die Ziegel vom Dach entfernen.

Niemand sollte auf das Dach steigen.

Da der Firmenchef jedoch zu einem anderen Auftrag gerufen wird, kann er an jenem Montag nicht selbst bei den Dacharbeiten dabei sein und für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften sorgen.

Der 59-Jährige beauftragt drei Mitarbeiter mit der Ausführung der Dacharbeiten: Den 48-Jährigen, den 72-Jährigen, der später durchs Dach stürzt, und einen zum Unfallzeitpunkt 17-Jährigen.

Der Unternehmer unterlässt es laut dem Strafbefehl, einen Arbeiter zu bezeichnen, der anstelle von ihm für die Sicherheit auf der Baustelle zuständig sein soll. Beziehungsweise macht er dies nur unzureichend. Im Strafbefehl schreibt die Staatsanwaltschaft, der 59-jährige Firmeninhaber habe den nicht zweckmässig ausgebildeten Jugendlichen lediglich angewiesen, mit dem Teleskopstapler zur Baustelle zu fahren und mit der Hebebühne die Ziegel vom Dach zu nehmen.

Kein Helm, kein Personenkorb, keine Sicherheit

Der Unternehmer beauftragt den Minderjährigen weiter mit der Aufgabe, mit einem Lastwagen die Mulden zu leeren. Das führt dazu, dass der 17-Jährige nicht ständig auf der Baustelle anwesend sein und für die Sicherheit sorgen kann. Der Inhaber erteilt zudem dem 48-jährigen Angestellten die Anweisung, den Teleskopstapler zu bedienen, obwohl dieser weder einen entsprechenden Staplerausweis noch über eine Hubarbeitsbühnenausbildung verfügte.

Mit einem solchen Teleskopstapler wurde der 72-Jährige auf die Höhe des Dachs gehoben. Statt eines Arbeitskorbs verwendeten die Arbeiter eine Schaufel.

Mit einem solchen Teleskopstapler wurde der 72-Jährige auf die Höhe des Dachs gehoben. Statt eines Arbeitskorbs verwendeten die Arbeiter eine Schaufel.

Bild: PD

Die verhängnisvollen Arbeiten am Dach starten. Der 59-Jährige hebt den 72-Jährigen auf dessen Anweisung hin in einer Schaufel mit dem Stapler aufs Dach. In luftiger Höhe ist der Mann weder gesichert noch trägt er einen Helm. Auch ein dafür vorgesehener Personenkorb oder entsprechende Sicherheitsausrüstung kommen nicht zum Einsatz.

Der 72-Jährige entfernt einen Ziegel nach dem anderen, legt sie in die Schaufel, damit sie anschliessend in die bereitstehende Mulde gekippt werden können. Während der Arbeiten steigt er ungesichert aufs Dach. Dann geschieht das Unglück. Die nicht mehr tragfähigen Dachlatten brechen, der 72-Jährige stürzt in die Tiefe.

Bussen und bedingte Geldstrafen ausgesprochen

Der 59-jährige Bauunternehmer erhält eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 100 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren. Zudem muss er eine Busse von 500 Franken bezahlen. Er habe gewusst, so die Staatsanwaltschaft St.Gallen, dass die Arbeiten mit besonderen Gefahren verbunden seien. Da die Arbeitnehmer nicht über die erforderliche Ausbildung verfügten, und niemand für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften zuständig war, habe es der Unternehmer zumindest in Kauf genommen, andere in Gefahr zu bringen.

Für den 48-jährigen Arbeiter gibt es eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 30 Franken, ebenfalls bedingt aufgeschoben bei einer zwei Jahre dauernden Probezeit. Er muss zudem eine 100-Franken-Busse bezahlen. Dies, weil er die Weisungen des Arbeitgebers punkto Arbeitssicherheit nicht befolgt und zudem den Teleskopstapler nicht bestimmungsgemäss verwendet habe.

Die beiden Strafbefehle sind noch nicht rechtskräftig.