«Den Baum fällen ist keine Option»: Bangen um 370-jährige Zeder beim Schloss Wartensee in Rorschacherberg

Ein Gewitter hat eine 370-jährige Zeder beim Schloss Wartensee im August stark beschädigt. Der Schlossverwalter hat den Baum zurechtgestutzt und hofft, dass er wieder austreibt. Falls nicht, hat er eine Idee.

Martin Rechsteiner
Drucken
Teilen
Zersplittert ragt der Stamm des einmal über 20 Meter hohen, geschützten Baums in die Luft. Ob er überlebt, wird sich im kommenden Jahr zeigen. (Bild: Rudolf Hirtl)

Zersplittert ragt der Stamm des einmal über 20 Meter hohen, geschützten Baums in die Luft. Ob er überlebt, wird sich im kommenden Jahr zeigen. (Bild: Rudolf Hirtl)

Just am Nationalfeiertag hat ein Unwetter vergangenes Jahr die Region Rorschach heimgesucht. Sturm und Regen forderten ein prominentes Opfer: die 370-jährige Zeder vor dem Schloss Wartensee in Rorschacherberg. Mehrere Äste, dick wie mittlere Baumstämme, brachen ab und stürzten auf die Terrasse, auf der sich wegen des starken Gewitters glücklicherweise niemand mehr aufhielt.

Dem Schlossherrn Urs Räbsamen ging das nahe. «Es ist tragisch. Die finanziellen Schäden sind zweitrangig. Den Baum kann man mit keinem Geld der Welt ersetzen», sagt er. Es war nicht klar, wie es mit dem markanten Gewächs weitergeht. Die Schäden an der Zeder waren massiv. Ob sie überleben wird oder ob sie gefällt werden muss, stand in den Sternen. Knapp ein halbes Jahr später hat Elias Räbsamen, Bruder von Urs und Verwalter des Schlosses, gute Nachrichten: «Der Baum steht noch und es besteht Hoffnung, dass er überlebt.» Genaueres könne er aber erst in ungefähr einem Jahr sagen. «Die Zeit wird zeigen, ob die Zeder ihre starke Verwundung verarbeiten kann oder nicht. Wir hoffen natürlich, dass sie überlebt, sie gehört zum Schloss.»

«Den Baum fällen ist keine Option»

Räbsamen hat den Baum laut eigenen Angaben so geschnitten, dass er wieder neue Triebe bilden sollte und die verbliebenen Äste keine Gefahr mehr für Terrassengäste darstellen können. «Ich gebe selber Baumschneidekurse», sagt er. Er wolle alles mögliche dafür tun, dass die Zeder überlebt. «Falls jedoch alle Stricke reissen, haben wir schon eine Idee, was wir tun werden. Sie einfach zu fällen, ist keine Option.» Räbsamen will in diesem Fall aus dem Stamm einen grossen Engel schnitzen. «Er soll als Mahnmal an das Unwetter und als Erinnerung an den Baum dienen.»

Schlosslandschaft steht unter Schutz

Auf dem Boden der Gemeinden Thal und Rorschacherberg befindet sich ein Gebiet, das im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) verzeichnet ist. Die drei Schlösser Wartegg, Wartensee und Wiggen sowie deren Umgebung zeichnet sich laut ISOS aus durch «bemerkenswerte räumliche Qualitäten» aus. So gebe es einen «gegenseitigen Sichtbezug der drei Schlossanlagen über den Rorschacherberg hinweg». Dazu komme ein subtiler Zusammenhang imposanter Einzelbauten mit den umgebenden Parkanlagen sowie die «raumgliedernde Wirkung durch Mauer, Alleen und Einzelbäume». Als besonders schützenswert betrachtet das Inventar dabei das Schloss Wartensee und seinen Umschwung. Das ISOS, das vom Bundesamt für Kultur geführt wird, erfasst nur die äusseren Erscheinungsmerkmale von Objekten. Es dient als eine Entscheidungsgrundlage für die Denkmal- und Ortsbildpflege auf Bundes- aber auch auf Kantons- und Gemeindeebene.

In der Angelegenheit hat jedoch die kantonale Denkmalpflege ein Wort mitzureden. Denn die Schlosslandschaft Rorschacherberg ist im Bundesinventar nationaler Ortsbilder verzeichnet. Änderungen der Landschaft, an Gebäuden oder eben an markanten Bäumen müssen mit der kantonalen Stelle abgesprochen oder von ihr bewilligt werden. «Falls die Zeder stirbt, muss als Ersatz wieder ein Baum gepflanzt werden», sagt der Kantonale Denkmalpfleger Michael Niedermann. «Naheliegend wäre eine Zeder, notfalls könne auch eine verwandte Baumart geprüft werden.»

Auf die Engel-Idee reagiert Niedermann zurückhaltend. «Das wäre möglicherweise eine starke Veränderung des Ortsbildes, man müsste das sicher diskutieren und dafür wäre ebenfalls eine Bewilligung nötig.» Solange der Baum aber lebe und nicht weg müsse, gebe es keinen Grund für die Denkmalpflege, aktiv zu werden.