Wer wird Stadtpräsident? – Ein Besuch an Rorschachs Stammtischen

Was halten die Gäste in Rorschachs Kneipen von den drei Kandidaten fürs Stadtpräsidium? Die Meinungen gehen auseinander im «Hirschen», «Toggenburg» oder «Fuchsschwanz».

Jolanda Riedener, Martin Rechsteiner
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Nach Feierabend ist ist am meisten los in der Rorschacher «Kornhausbräu». Hier ist trifft sich ein durchmischtes Publikum. (Bild: Benjamin Manser)

Nach Feierabend ist ist am meisten los in der Rorschacher «Kornhausbräu». Hier ist trifft sich ein durchmischtes Publikum. (Bild: Benjamin Manser)

«Thomas Müller hat nicht alles schlecht gemacht», sagt eine Frau mittleren Alters. Sie sitzt mit zehn weiteren Frauen und Männern an einem grossen runden Holztisch. Darauf haben sich Gäste mit ihren Namen verewigt: «Rosmarie» oder «Heinz» ist ins Holz geritzt. An diesem Freitagabend nach 22 Uhr ist das «Töggi» gut besucht, die Luft alkoholgeschwängert.

Sie wünsche sich nun jemanden für Rorschach, der nicht so konservativ ticke. «Lasch! Alles ist so lasch in Rorschach!», sagt sie. Man brauche jemanden, der etwas reisse. Ihre Augen glitzern im gedimmten Licht. Die Frau gibt gerne und breitwillig darüber Auskunft, wen sie denn wählen würde. Ihren Namen will sie jedoch – wie alle Gäste, die in diesem Text vorkommen – nicht in der Zeitung lesen.

Die Meinungen sind gemacht

Es ist Wahlkampf in der Hafenstadt. «Engagiert für ein lebendiges Rorschach» oder «für ein Rorschach mit Rückgrat» lauten die Werbesprüche der Kandidaten Guido Etterlin (SP) und Röbi Raths (FDP). An jeder Ecke sind sie zu lesen auf den Wahlplakaten. Viele Rorschacherinnen und Rorschacher haben ihren Favoriten bereits, wie ein Besuch an den Stammtischen zeigt. Wer am 19. Mai das Rennen machen wird, darüber wird bei einem kühlen Bier gemutmasst. Nur eines ist klar: Dem parteilosen Beat Looser werden kaum Chancen zugeschrieben.

Stopp in der «Kornhausbräu»: Die schlichten Holztische- und -Bänke sind gut gefüllt. Jung, alt, links, rechts – ein durchmischtes Publikum trifft sich hier gegen 19 Uhr auf Bier und Wurst.

Hier treffen sich auch drei Männer aus der Region regelmässig, seit 30 Jahren pflegen sie ihre Freundschaft beim Bier. Wie viele Besucher in Rorschachs Kneipen kommen auch sie aus den Nachbargemeinden. Den neuen Rorschacher Stadtpräsident können sie nicht wählen, eine Meinung haben sie trotzdem. «Röbi Raths behalten wir gerne», sagt einer aus Thal. Er fände es schade, sollte der Thaler Gemeindepräsident in Rorschach gewählt werden.

Zwar sei die FDP nach seinem Gusto politisch zu wenig weit rechts, sagt einer der Gruppe. Dennoch werde Raths wohl das Rennen machen, ist er überzeugt und nimmt einen grossen Schluck Bier. Politisch sei er eher auf Müllers Schiene. Und sowieso: «Viele Probleme existieren gar nicht wirklich, sie werden lediglich durch die Medien aufgebauscht.» Der Klimawandel zum Beispiel. Oder der Sozialhilfe-Streit zwischen Rorschach und St.Gallen.

«Wie er sich macht, erfährt man erst nach der Wahl»

Im Restaurant Hirschen ist an diesem Freitag wenig los. Natürlich sei sie für Guido Etterlin als Stadtpräsident, sagt Wirtin Adriana Alismeno. «Das ist kein Geheimnis.» Ob es für ihn reicht, weiss sie nicht. Der «Hirschen» jedenfalls sei offen für alle, unabhängig von der politischen Orientierung.

Im «Fuchsschwanz» sitzt eine kleine Runde beim Bier. Bereits im Eingangsbereich grinst ein Schnauzträger zur Begrüssung: «Röbi Raths – Einer der’s anpackt.»

Röbi Raths Wahlplakate sind allgegenwärtig im Restaurant Fuchsschwanz. (Bild: Jolanda Riedener)

Röbi Raths Wahlplakate sind allgegenwärtig im Restaurant Fuchsschwanz. (Bild: Jolanda Riedener)

Angesprochen auf die Wahlplakate drückt der Wirt den Gästen Flyer in die Hand. Der Kandidat sei schon persönlich vorbeigekommen, um sich den Gästen zu präsentieren. Beim Wirt jedenfalls – er trägt ebenfalls Schnauzer – hat Raths Eindruck hinterlassen. Die Gäste sehen es differenzierter. Er sei noch unschlüssig, lässt einer durchblicken. Er habe zwar das Wahlpodium im Stadthofsaal besucht, aber wie sich der neue Präsident bewährt, erfahre man halt erst nach der Wahl. «Fusion, Fusion, Fusion», das sei momentan alles, was die Kandidaten von sich geben würden, sagt ein Gast aus Rorschacherberg und lacht. Das sei ja nicht grundsätzlich schlecht, sagt er. Die Stimmung ist ausgelassen, einer will eine Runde Bier spendieren.

«Töggi» wird das Restaurant Toggenburg von seinen Gästen liebevoll genannt. Angestossen wird nicht nur mit Bier, sondern auch mit Wein. Besonders lautstark ergreift die Pro-Röbi-Fraktion das Wort. Etterlin-Wähler halten sich zurück oder relativieren: «Die Entscheidung ist nicht ganz einfach.»

Im «Perron», einer Bar an der Rorschacher Hafenmeile, ist die Musik laut aufgedreht, eine Handvoll Gäste spielt Dart. Redebedarf besteht hier nicht.

Arbeiten und Steuern zahlen aber nicht wählen 

Ein paar hundert Meter weiter: Im «Treppenhaus» herrscht am späten Abend gähnende Leere. Hier trifft sich sonst vor allem die Jugend aus der Region Rorschach. Unter dem Dachgiebel des Gebäudes an der Kirchstrasse thront Guido Etterlin auf einem Plakat.

Die Barfrau räumt das Kühlfach auf, holt verklebte Likörflaschen heraus und putzt sie mit einem Lappen. Sie lässt sich auf einen Schwatz ein. Sofort würde sie Guido Etterlin wählen, wenn sie könnte, sagt sie. Sie wohnt allerdings nicht in der Stadt. Sein Feierabendbier geniesst auch ein Rorschacher mit Deutschem Pass an der Bar. Er ist einer von vielen, die hier arbeiten und leben, aber nicht wählen dürfen. Eine Meinung hingegen hätte er schon: Auch er würde Etterlin die Stimme geben.

Nachfolgersuche für Thomas Müller in Rorschach wird zur reinen Männersache

Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller tritt auf Ende des kommenden Jahres zurück. Mit dem Thaler Gemeindepräsidenten Robert Rahts (FDP) und dem Rorschacher Stadtrat Guido Etterlin (SP) stellen sich zwei Männer im kommenden Mai zur Wahl um das Stadtpräsidium. Eine Kandidatin ist bis anhin nicht auszumachen.
Rudolf Hirtl