Tschechische Möwe macht Winterferien in Rorschach

Ein Rorschacher Vogelfreund beobachtet am See eine Lachmöwe. Ein Ring um deren Bein verrät, dass sie eine über 1000 Kilometer lange Reise hinter sich hat. In ein paar Monaten zieht sie vermutlich wieder weiter.

Jolanda Riedener
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Möwen sehen Passanten bei der Rorschacher Badhütte häufig. (Bild: Franziska Hoerler)

Möwen sehen Passanten bei der Rorschacher Badhütte häufig. (Bild: Franziska Hoerler)

Als Hobby-Ornithologe ist der Rorschacher Gieri Battaglia regelmässig mit dem Feldstecher – oder mit dem etwas schwereren Fernrohr – unterwegs. Dem «Tagblatt» schildert er eine besondere Beobachtung, die er am Bodensee machte.

Früher war Battaglia oft am Eselschwanz, im Rheinvorland und am Alten Rhein unterwegs. Heute beobachtet er Vögel vor allem in Arbon, in Steinach, an der Goldachmündung und in Rorschach. «Ich freue ich mich jedes Mal, wenn ich einen Eisvogel erblicke», schreib er. Kürzlich habe der Hobby-Ornithologe bei der Badhütte eine Wasseramsel überrascht. Am fast stehenden Wasser sei das gemäss des Vogelfreundes nicht alltäglich. Ein Ohrentaucher unter vielen Haubentauchern zu sehen, auch das sei für ihn ein Höhepunkt. Im Mai könne er es jeweils kaum erwarten, bis er die ersten Rufe der Mauersegler (Spiren) höre.

Auch «gewöhnliche» Vogelarten würden Überraschungen bieten: «Zum Beispiel ein (wie ein Turmfalke) rüttelndes, an einer Mauer Insekten ablesendes Rotkehlchen. Oder eine Blaumeise, die kopfvoran einen Baumstamm herunterklettert.»

Im Winter sind viele Möwen nicht heimisch

Weniger Beachtung würden in der Regel die zierlichen Lachmöwen finden. «Wahrscheinlich, weil es hier in Rorschach so viele sind», vermutet Battaglia. Trotzdem lohne es sich, genau hinzuschauen. Denn: An ihren Läufen findet sich gelegentlich ein Ring aus Metall oder Plastik, mit Ziffern und Buchstaben darauf. Solche Kennzeichen erlauben Rückschlüsse über deren Reisen. Am 22. Dezember entdeckte Battaglia von der Hafenmole aus eine beringte Lachmöwe, die auf einem Holzpfahl sass. Es regnete leicht. «Ich konnte das Kennzeichen dennoch auf dem gelben Plastikring ablesen: WC69.»

Seine Beobachtung übermittelte er an die Vogelwarte Sempach. Dank der Zusammenarbeit unter den europäischen ornithologischen Instituten konnte ihm die Vogelwarte bereits nach sechs Tagen mitteilen: Diese Lachmöwe wurde am 2. Juni 2018 in Ostrava, Tschechien, als Nestling beringt. Acht Wochen später wurde sie am Walensee beobachtet. Anfang August flog sie an die Mündung des Alten Rheins und am 12. Dezember wurde sie erstmals in Rorschach gesichtet. Der Vogel war also schon seit mindestens 203 Tagen unterwegs. Die Distanz zwischen Ostrava und Rorschach beträgt 704 Kilometer. Die Lachmöve dürfte insgesamt aber mehr als 1000 Kilometer auf dem Buckel haben.

Eine lange Reise, um Futter zu finden

Livio Rey, Mediensprecher und Biologe der Vogelwarte Sempach. (Bild: PD)

Livio Rey, Mediensprecher und Biologe der Vogelwarte Sempach. (Bild: PD)

Dass Tschechische Lachmöwen in die Schweiz fliegen, ist gemäss Livio Rey, Biologe und Mediensprecher der Vogelwarte Sempach, keine Seltenheit. Insbesondere im Winter würden Vögel aus dem Norden oder Osten in die Schweiz und die Region am Bodensee kommen, weil sie hier eher Nahrung finden als in der Heimat.

«Über 40000 Lachmöwen überwintern jedes Jahr in der Schweiz. Dagegen ist der Brutbestand von 560 bis 800 Lachmöwenpaaren sehr klein», sagt Rey. Die Vogelwarte erhalte immer wieder Meldungen von Vogelbeobachtern, die Ringnummern ablesen.

«Nur dank der nummerierten Ringe ist es uns möglich, die Vögel individuell zu erkennen und so ihr Alter zu bestimmen und ihre Wanderungen zu rekonstruieren»

, sagt Rey. Die Biologen arbeiten länderübergreifend, zum Beispiel mit den Tschechischen Kollegen. Lachmöwen seien eher gross, weshalb sie einfacher beobachtet werden können. Weiter sind sie nicht scheu, halten sich am Wasser auf und verstecken sich nicht wie andere Arten in den Bäumen: So werden sie von Passanten eher wahrgenommen. «Das führt dazu, dass wir in unserer Datenbank schon rund 6000 Ringfunde und Ablesungen von Lachmöwen haben», sagt Rey.

Über Ringfunde und vollständige Ringablesungen von Hobby-Ornithologen und Vogelfreunden freue sich die Vogelwarte Sempach: «Diese Nachweise sind hilfreich.» Denn jede Meldung liefere Informationen, die das Wissen der Biologen erweitere. Und wohin fliegt die Lachmöwe WC69 als nächstes? «Vermutlich wird sie im Frühling wieder in ihre Heimat nach Tschechien zurückkehren», sagt Rey. Es komme aber vereinzelt vor, dass sich fremde Tiere auch in der Region niederlassen.

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