Vom Rathausabwart zum Stadtrat? Markus Müller kandidiert im Herbst für die St.Galler Exekutive

Am 27. September wird die St.Galler Stadtregierung neu bestellt. Kurz vor dem Anmeldeschluss steigt überraschend auch noch ein Kandidat ins Rennen, hinter dem keine Partei steht. Markus Müller ist seit 25 Jahren Leiter des Hausdienstes im St.Galler Rathaus. Er tritt mit dem Ziel an, die Stadtverwaltung grundlegend zu reformieren.

Reto Voneschen
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Markus Müller ist seit 25 Jahren Abwart des St.Galler Rathauses. Im Herbst will er den Aufstieg in die städtische Chefetage schaffen: Müller kandidiert am 27. September als Parteiloser für die Stadtregierung.

Markus Müller ist seit 25 Jahren Abwart des St.Galler Rathauses. Im Herbst will er den Aufstieg in die städtische Chefetage schaffen: Müller kandidiert am 27. September als Parteiloser für die Stadtregierung.

Bild: Benjamin Manser

Seit einiger Zeit war hintenherum bereits zu hören, dass auch zu den Stadtratswahlen 2020 ein Parteiloser, ein sogenannter wilder Kandidat, antreten würde. Die Person, die am Donnerstag ihre Kandidatur auf der Stadtkanzlei deponiert hat, ist trotzdem eine Überraschung: Markus Müller, seit 25 Jahren Leiter des Hausdienstes im St.Galler Rathaus, will in den Stadtregierung.

Seit 25 Jahren im Dienst der Stadt St.Gallen

Markus Müller hat Jahrgang 1967. Er wird Anfang Juli 53 Jahre alt. Müller ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Ursprünglich gelernt hat er Elektromonteur. 1997 schloss er eine Zweitausbildung als Hauswart mit eidgenössischem Fachausweis ab. Seit Dezember 1995 ist er Chef des Hausdienstes im St.Galler Rathaus. Bis März 2020 war er auch noch Sicherheitsbeauftragter für Rathaus und Gaiserbahnhof.

Christian Hostettler, ehemals Stadtparlamentarier der SVP.

Christian Hostettler, ehemals Stadtparlamentarier der SVP.

Bild: Ralph Ribi (20.7.2012)

Politisch ist Markus Müller rechts der Mitte einzuordnen: Er war SVP-Mitglied und sass in den Anfängen der SVP-Stadtpartei sogar einige Zeit in deren Vorstand. Aus der Partei endgültig ausgetreten ist er, nachdem diese sich vor einem Jahrzehnt aufgrund von Querelen von ihrem Stadtparlamentarier Christian Hostettler getrennt hatte.

Kandidatur aus eigenem Antrieb

Hinter seiner Kandidatur stehe aber weder die Unabhängige Volkspartei (UVP), mit der sich Hostettler erfolglos an städtischen Wahlen beteiligt hat, noch Christian Hostettler als Einzelperson. Er kandidiere aus eigenem Antrieb, versichert Markus Müller im Gespräch. Dieses findet bereits im Rathaus statt: Der Kandidat wohnt nämlich dort in der einmalig gelegenen Abwartswohnung mit grosser Dachterrasse über dem Zivilstandsamt.

Die Abwartswohnung des St.Galler Rathauses befindet sich über dem Zivilstandsamt im Flügel des Gebäudes, der dem Hochhaus auf der Ostseite vorgelagert ist.

Die Abwartswohnung des St.Galler Rathauses befindet sich über dem Zivilstandsamt im Flügel des Gebäudes, der dem Hochhaus auf der Ostseite vorgelagert ist.

Bild: Michel Canonica (20.12.2012)

Ins Rennen um den vakanten Stadtratssitz von Thomas Scheitlin startet der wilde Kandidat mit dem Slogan «Markus Müller, Stadtratskandidat - En Macher für #SanGallä». Der Hashtag ist kein Zufall: Der Kandidat ist computeraffin, hat ihn schon für berufliche Zwecke genutzt, als dies für Hauswarte noch absolut unüblich war. Die Internetseite für den Wahlkampf hat die Adresse mueller-sg.ch und ist im Aufbau begriffen.

Verwaltungsreform als Ziel: «Zeit der kleinen Königreiche vorbei»

Die Stadt St.Gallen ist für Markus Müller «gut so, wie sie ist». Visionen für eine Stadt mit 100'000 Einwohnerinnen und Einwohnern kann er nicht viel abgewinnen. «Echte Loyalität und der Gedanke ‹Wir alle sind Stadt› bringen uns weiter und schaffen gegenseitiges Vertrauen», heisst es zum Stichwort Stadtentwicklung in einem seiner schriftlichen Statements.

«Im Zentrum der politischen Arbeit müssen Gesamtgesellschaft und Bürgerschaft der Stadt St.Gallen stehen.»

Das politische Hauptanliegen des wilden Kandidaten ist die Reform der Stadtverwaltung. Als um die Jahrtausendwende das «New Public Management» eingeführt worden sei, sei man zu wenig konsequent vorgegangen, sagt Müller. Die Stadtverwaltung sei immer noch vertikal organisiert; die Direktionen arbeiteten unabhängig voneinander.

Synergien nutzen, Probleme effizienter lösen

Diese Struktur sei angesichts der heutigen Problemstellungen veraltet. «Die Zeit der kleinen Königreiche» sei auch in der öffentlichen Verwaltung definitiv vorbei, hält Markus Müller fest. Heute brauche es eine horizontal ausgerichtete Verwaltungsstruktur, die die Direktionen eng miteinander verknüpfe. Gemeinsame Aufgaben aller Direktionen - beispielsweise bei den Finanzen oder beim Personal - müssten gemeinsam und nicht in jeder Direktion separat gelöst werden.

Erste Echos auf seine Kandidatur hat Markus Müller aus eben dieser Verwaltung, die er reformieren will. Er habe sein berufliches Umfeld frühzeitig informiert, sagt der Kandidat. Er sei eine offene und ehrliche Person - und so wolle er auch informieren und politisieren. Das Echo auf die Ankündigung, im Herbst ebenfalls antreten zu wollen, sei durchaus positiv gewesen, sagt Müller: «Zuspruch habe ich gerade auch von Leuten erhalten, die sich selber Veränderungen in der Verwaltung wünschen.»

«Wilde» bringen Farbe in den Wahlkampf

In den vergangenen zwanzig Jahren sind zu den St.Galler Stadtratswahlen regelmässig Privatperson ohne Unterstützung durch eine Partei oder eine andere Gruppierung angetreten. Einige dieser wilden Kandidaten vertraten ziemlich wilde Theorien. Sie brachten damit aber oft Farbe in den Wahlkampf, nicht zuletzt bei Podiumsveranstaltungen in diesem Zusammenhang.

Schuldirektor Markus Buschor ist der einzige Parteilose, der je die Wahl in die St.Galler Stadtregierung geschafft hat.

Schuldirektor Markus Buschor ist der einzige Parteilose, der je die Wahl in die St.Galler Stadtregierung geschafft hat.

Bild: Michel Canonica (12.6.2020)

Der prominenteste und bisher in der Stadtgeschichte einzige erfolgreiche parteilose Kandidat ist Markus Buschor: Der heutige Schuldirektor schaffte 2012 dank einer sehr spezieller Ausgangslage im zweiten Wahlgang den Sprung in die Exekutive. Ein anderer Wilder, der den Ausgang einer Stadtratswahl beeinflusst hat, ist Franz Duss.

Er trat im Jahr 2000 an. Damals schlug im zweiten Wahlgang SP-Frau Elisabeth Beéry mit 6666 Stimmen SVP-Mann Hans M. Richle gerade einmal um 319 Stimmen. Auf Franz Duss entfielen 469 Stimmen. Da der «Wilde» aufgrund seiner Positionen für bürgerliche Protestwähler attraktiv erschien, folgerten Kommentatoren, dass er es gewesen sein könnte, der Richle um den Einzug in den Stadtrat gebracht hatte.

Bei einer Nichtwahl «breche ich nicht in Tränen aus»

Der« Wilde» Franz Duss spielte bei den Stadtratswahlen 2000 vermutlich das Zünglein an der Waage.

Der« Wilde» Franz Duss spielte bei den Stadtratswahlen 2000 vermutlich das Zünglein an der Waage.

Bild: Ribi Ralph (30.6.2005)

Wilde Kandidaten haben in St.Gallen höchstens Aussenseiterchancen für eine Wahl in die Stadtregierung. Die Stimmen, die auf sie entfallen, sind meist nur ein Bruchteil dessen, was von Parteien portierte Bewerberinnen und Bewerber einsammeln. Wie geht Markus Müller diesen Herbst damit um, dass er höchstwahrscheinlich nicht gewählt wird?

Natürlich trete er an, um den Stadtratssitz zu gewinnen, sagt der Kandidat. Er werde aber sicher nicht in Tränen ausbrechen, wenn das nicht gelinge. Einer aus der Stadtverwaltung habe ihn auch schon präventiv getröstet: Er dürfe nicht enttäuscht sein, wenn er nicht in die Stadtregierung gewählt werde. Antwort von Müller: «Das ist gut so, wenn ihr dann nicht enttäuscht seid, wenn ich die Wahl doch schaffe.»

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