Vom ersten Fülli bis zum kompletten Büro: Die Papeterie «Zum Schiff» segelt seit 175 Jahren in der St.Galler Innenstadt

Die Papeterie Schiff ist ein St.Galler Traditionsbetrieb. Auf Veränderungen reagierten die Inhaber immer wieder mit kreativen Ideen. Sogar Verbote hielten sie nicht auf.

Claudia Schmid
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Inhaberin Regula Weigelt-Knecht und ihre Tochter Amanda Weigelt.

Inhaberin Regula Weigelt-Knecht und ihre Tochter Amanda Weigelt.

Bild: Tobias Garcia

Nur durch Zufall erfuhr Regula Weigelt-Knecht kürzlich von einem alten Appenzeller Kalender, in dem das Inserat abgedruckt war. «Ein befreundeter Kalligraf entdeckte ihn auf einem Flohmarkt in Basel», erzählt die Inhaberin der Papeterie Schiff. Dem Inserat war zu entnehmen, dass 1845 ein gewisser J.M. Deutsch im Hotel zum Schiff in St.Gallen eine kleine Papier-, Schreib- und Zeichnungsmaterialhandlung eröffnete.

«Mit diesem Fund wurde klar, dass die Papeterie zum Schiff seit 175 Jahren existiert.»

Die Anfänge der traditionsreichen Papeterie zum Schiff gehen auf einige Quadratmeter Verkaufsfläche im gleichnamigen ehemaligen Hotel an der Multergasse zurück. Heute präsentiert sich der Concept Store mit Verkaufsgeschäft, Bistro und Füllimuseum auf rund 500 Quadratmetern an der Marktgasse 5. Dazwischen liegen 175 Jahre, in denen sich die Papeterie zum Schiff immer wieder neu erfinden musste.

Erste Onlineshops trotz Widerstand eröffnet

Schon lange bekannt war, dass Anton Hungerbühler die Papeterie und Quincuaillerie (Haushaltswaren) zum Schiff 1881 kaufte. «Die Familie prägte den Papeteriefachhandel in St.Gallen über hundert Jahre lang. Der stadtbekannte Max Anton Hungerbühler war in vielfacher Hinsicht ein Visionär», erzählt Regi Weigelt. Er war es auch, der 1961 das Geschäft in die Liegenschaft Multergasse 4 und zwanzig Jahre später an den heutigen Standort an der Marktgasse 5 verlegte.

Als Max Hungerbühler 1991 altershalber Nachfolger suchte, übernahmen Regula und Kurt Weigelt-Knecht die Papeterie, die sich wie in den Jahrzehnten zuvor auch in der jüngeren Geschichte immer wieder neu erfinden musste. Die Inhaberin betont:

«Die Papeterie war immer ein Pionierunternehmen.»

So habe Max Hungerbühler beispielsweise als erster Schreibgeräte des japanischen Herstellers Pilot nach Europa gebracht.

Eine Mitarbeiterin berät eine Kundin.

Eine Mitarbeiterin berät eine Kundin.

Bild: Tobias Garcia

Kurt Weigelt führte diese Tradition weiter und lancierte 1997 mit www.schiff.ch den ersten Onlineshop für Büromaterial in der Schweiz. Vier Jahre später stellte Regi Weigelt den ersten Onlineshop für schöne Schreibgeräte ins Netz: www.schreibkultur.ch. Das geschah damals gegen den Widerstand des weltweit führenden Herstellers, der den Verkauf seiner Produkte über das Internet verbot. «Heute ist das kaum mehr vorstellbar», lacht Regula Weigelt. 2012 erhielt die Papeterie zum Schiff als erstes Unternehmen in der Schweiz die Bewilligung, die Schreibgeräte von Montblanc über ihren Onlineshop zu verkaufen.

Die Digitalisierung brachte die Papeterie in Bedrängnis

Die Digitalisierung und andere einschneidende Veränderungen im Einzelhandel gingen auch an der Papeterie zum Schiff nicht spurlos vorbei. Viele Produkte des täglichen Bürobedarfs fielen als Folge der Digitalisierung aus dem Sortiment: von Zeitplansystemen, über Fotoalben und Bildkalender bis zu den Abreibebuchstaben und Rapidographen für Architektur- und Grafikbüros. Gleichzeitig habe die St.Galler Innenstadt viel von ihrer Bedeutung als überregionales Zentrum verloren, bedauert Weigelt.

Auf diese Entwicklungen reagierte sie 2014 mit der Eröffnung der Schiffchuchi. Gemeinsam mit ihren vier Kindern realisierte sie ein von der Trendgastronomie in London inspiriertes Gastrokonzept. Unumwunden gibt sie zu, dass ihr das Vorhaben anfangs einige schlaflose Nächte bereitet hat. «Die Einrichtung mit Küche, Kühlschränken und Inventar erforderte grosse Investitionen. Oft ging mir der Gedanke durch den Kopf, was passieren würde, wenn das Konzept nicht erfolgreich ist.»

Die Gartenbeiz der Papeterie zum Schiff an einem Maitag im Jahr 2018.

Die Gartenbeiz der Papeterie zum Schiff an einem Maitag im Jahr 2018.

Bild: Ralph Ribi (22. Mai 2018)

Sechs Jahre später hat sich gezeigt, dass die Sorgen und Bedenken unnötig waren. Unter der fachkundigen Leitung von Tochter Amanda Weigelt hat sich die Schiffchuchi von Anfang an positiv entwickelt. Die Salate, Suppen, Sandwiches und fantasievollen Kuchen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Regi Weigelt ist überzeugt, dass der Schritt vom traditionellen Fachhändler zu einem Concept Store rund um die Themen Schreiben, Schenken, Schlemmen einen wichtigen Beitrag zum Überleben des Unternehmens geleistet hat.

«Die ungewöhnliche Verbindung von Verkaufsgeschäft, Bistro und Füllimuseum macht heute die Einzigartigkeit der Papeterie zum Schiff aus.»

Ideen lösten nicht nur für Verwunderung aus

Eigentlich wären bereits im Frühling Jubiläumsaktivitäten zum 175-jährigen Bestehen der Papeterie zum Schiff geplant gewesen. Als Folge von Corona mussten sie jedoch abgesagt werden – fanden jedoch Anfang September doch noch statt. Weiter soll die neu geschaffene Souvenirkollektion «St.Gallen – eifach schöö» die Jubiläumsfreude zum Ausdruck bringen. «Mit ihren Ideen hat die Papeterie zum Schiff schon oft für Verwunderung und manchmal auch für Stirnrunzeln gesorgt. Bekanntlich muss sich aber alles ändern, wenn wir wollen, dass es so bleibt, wie es ist», sagt Weigelt.

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