Vom Dienstmädchen zur Vize-Oma einer St.Galler Bäckereidynastie: Rösli Bischof wird 100 Jahre alt

Fürsorglich, gutmütig, bescheiden: Rösli Bischof, das ehemalige Kindermädchen der Familie Schwyter, wird in St.Gallen 100 Jahre alt. Hier erzählt sie aus ihrem Leben.

Diana Hagmann-Bula
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Rösli Bischof in ihrem Zimmer an der Neugasse 44, in dem sie seit 78 Jahren schläft.

Rösli Bischof in ihrem Zimmer an der Neugasse 44, in dem sie seit 78 Jahren schläft.

Bild: Lisa Jenny (St. Gallen, 12. Dezember 2019)

Neben ihr auf dem Sofa türmt sich ihr Jahreswerk. Rund zwanzig Decken in den schönsten Farben, gehäkelt aus fester, dicker Wolle. «Meine Hauptarbeit», sagt Rösli Bischof. Einfach da sitzen und träumen, das ist nichts für die zierliche Frau mit dem gutmütigen Blick, die heute ihren 100. Geburtstag feiert. Nach den Mahlzeiten ruht sie eine Stunde lang. Dann liest sie Zeitung, hört Radio, schaut Fernsehen, empfängt Besuch. «Habe ich ein Loch, beginne ich zu häkeln. Mal eine Stunde, mal zwei, je nach Tag.» Die Decken spendet sie der Osteuropahilfe.

Früher hat sie auch gestrickt. Und genäht. Handschuhe für die Schwyter-Backstube. Die Angestellten holten damit die heissen Bleche aus dem Ofen. «Ich wollte Schneiderin werden. Oder Kinderschwester», sagt Rösli Bischof. Sie hat beides kombiniert, irgendwie. Sie wächst in St.Gallen auf, bewirbt sich 1941 mit 21 Jahren als Kindermädchen bei den Schwyters.

«Ich dachte, wenn ich bei einer Bäckereifamilie arbeite, habe ich während des Kriegs genug zu essen.»

Matthias Schwyter – letzter Inhaber vor dem Verkauf des Familienbetriebs im Jahr 2017 – ist ein Jahr alt, als Rösli Bischof ihren Dienst antritt. Und für immer bleibt. «Es gab genug zu tun.»

Göttibub reist von der Session in Bern an

Matthias Schwyters Vater stirbt nur wenige Tage, nachdem Rösli Bischof in den Haushalt kommt. Nach einem Herzinfarkt fährt er zur Kur und erleidet dort eine nicht auskurierbare Grippe. Maria Schwyter, seine Frau, führt den Betrieb weiter. Rösli Bischof hilft, wo sie kann. Das Kindermädchen springt als Verkäuferin im Laden ein, kocht für die Belegschaft, flickt Schürzen. «Unsere Hausschneiderin», nennt Matthias Schwyter sie auch. Und erzählt dann von seinen sieben Cousinen und Cousins, den Kindern seines Onkels, dem Backstubenchef. Auch sie haben Rösli Bischof geliebt. «Zum Znüni und Zvieri kamen sie immer zu ihr.» Rösli Bischof, nie selber Mutter, hat dennoch viele Kinder. Vizeoma rufen Matthias Schwyters Kinder sie. Unterdessen ist sie auch Vizeuroma. Hinzu kommen die «etwa sieben Urenkel» ihres Bruders. Bischof sagt:

«Am meisten Freude macht mir, wenn wieder ein Baby dazukommt.»

Die Familie, Schwyters und ihre eigene, stossen mit ihr auf den grossen Tag an. Direkt von der Session in Bern reist ihr Göttibub an, der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof. Interessiert sie sich für Politik? Sie bejaht. Leider habe sie wegen Gästen die Bundesratswahlen verpasst.

Yuna, eine belgische Schäferhündin, stürmt ins Zimmer. «Jo, sali, du», begrüsst die Frau das Tier von Matthias Schwyter und lässt sich die Finger schlecken. «Das Zeichen dafür, dass sie Guetzli will.» Keine Hundekekse, echte Kamblys. Rösli Bischof bricht sie in Stücke, Yuna frisst ihr aus der Hand. Man könnte meinen, die Rentnerin möge Hunde. «Nur diesen», sagt sie. Einst hatte sie sogar mit der Kündigung gedroht, sollte ein Tier ins Haus kommen. Eines Tages stand Struppi dennoch vor der Tür. Der kleine Matthias hatte ihn sich gewünscht. Schwyter sagt:

«Zuerst war es ein Schock für sie. Doch dann wickelte der Vierbeiner Rösli um den Finger und sie behandelte ihn wie ein weiteres Kind.»

Als fürsorglich und herzlich beschreibt er die Frau, die ihn mitaufgezogen hat. Als dienstfertig und bescheiden. «Zufrieden, mit dem, was ist und was sie hat.»

Es soll bleiben, wie es ist

Seit 78 Jahren wohnt Rösli Bischof im fünften Stock an der Neugasse 44. Zuerst in einem Zimmer für Bedienstete, seit 1995 in der ganzen Wohnung, heute unterstützt von der Spitex. Als Maria Schwyter starb, sprach sie ihrer treuen Helferin das lebenslange Wohnrecht aus. Rösli Bischof selber mag es konstant. Um sie herum hat sich aber vieles verändert. Die Brotbranche etwa. «Anfänglich verkauften wir nur einfaches dunkles Brot. Heute ist die Vielfalt riesig.» Auch die Neugasse erkennt sie kaum wieder. Früher gab es hier eine Apotheke, einen Blumenladen und ein Gummigeschäft, einen Kinderwagen- und Fotoladen, zwei Hutgeschäfte. «Die Hausbesitzer waren die Geschäftsinhaber. Das ist nicht mehr so.» Die Neugasse momentan: viele Filialen, oft Kleidergeschäfte, die eingemietet sind. «Diese Fremden kenne ich alle nicht mehr», bedauert Rösli Bischof. Und verfüttert Hündin Yuna noch ein Guetzli. Selber hat sie sich mit Süssem stets zurückgehalten, obwohl die Versuchung als Kindermädchen einer Bäckereifamilie gross gewesen ist. Ihr Rezept für gesundes Altern? Ein normales Leben führen, es mit nichts übertreiben.

«Ich bin nie ausgiebig ausgegangen. Meine Kolleginnen haben mich im Laden besucht, um mit mir zu plaudern.»

Noch immer gönnt sie sich nur sonntags Zopf, unter der Woche gibt es Körnlibrot. Vermutlich hat Rösli Bischof auch einfach gute Gene: «Viele meiner Verwandten sind 90 Jahre alt geworden.»

Mit 97 musste sie zum ersten Mal ins Spital. Eine Streifung. Vor ein paar Tagen kehrte sie zum zweiten Mal aus dem Krankenhaus zurück. Ihr Gesicht war halbseitig gelähmt. Verdacht auf einen Schlaganfall. Die Untersuchungen zeigten aber: Es war ein Zeckenstich. Nun fühlt sie sich wieder gut. Und wünscht sich, dass es weitergeht wie bisher. Mit der Gesundheit, mit den Besuchen, mit den gelegentlichen Ausfahrten mit Matthias Schwyter. Man würde es ihr von Herzen gönnen.