Quartierbahnhöfe Bruggen und Haggen zusammenlegen – die Vision für einen St.Galler Westbahnhof

Im Streit um die S-Bahn auf St.Galler Stadtgebiet ist die Idee der Zusammenlegung der Bahnhöfe Haggen und Bruggen aufgetaucht. Ist das mehr als ein Hirngespinst? Für den Stadtplaner hat das Projekt langfristig Potenzial. Im Internet zeigen Pläne, wie es gemacht werden könnte.

Reto Voneschen
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In der Bildmitte ist der Bahnhof Haggen zu erkennen. Von ihm aus könnte man einen neuen Bahnhof Bruggen an der darunter erkennbaren SBB-Linie mit einem Neubau zwischen dem roten und blauen Industriegebäude verbinden.

In der Bildmitte ist der Bahnhof Haggen zu erkennen. Von ihm aus könnte man einen neuen Bahnhof Bruggen an der darunter erkennbaren SBB-Linie mit einem Neubau zwischen dem roten und blauen Industriegebäude verbinden.

Bild: Michel Canonica

Auf den ersten Blick scheint die Idee etwas verrückt zu sein: In der Diskussion um die Fahrplanprobleme der S-Bahn auf St.Galler Stadtgebiet wurde der Vorschlag gemacht, den Bahnhof Bruggen nach Osten zu verschieben und mit dem Bahnhof Haggen zu verbinden.

Erste Publikumsreaktionen am Rand von Veranstaltungen, an denen das Thema diskutiert wurde, waren vielsagend: Wie soll das gehen? Was soll das überhaupt bringen? Inzwischen sind im Internet Pläne aufgetaucht, die zeigen, wie man die Quartierbahnhöfe zum neuen Bahnhof St.Gallen West fusionieren und so einen neuen ÖV-Knoten schaffen könnte.

Fachleute qualifizieren das als langfristige Vision, für deren Verwirklichung aber viele offene Fragen geklärt werden müssten. Nicht zuletzt auch in Zusammenhang mit der Bereitschaft der Grundeigentümer, an einem solchen Vorhaben mitzuwirken.

Der Bahnhof West als neues Quartierzentrum

Die Konkretisierung der Vision eines Bahnhofs Bruggen/Haggen stammen von Markus Tofalo, der in seinem Internetauftritt regelmässig Fragen der Stadtentwicklung aufgreift. In seinen Plänen verschiebt er den Bahnhof Bruggen bis vor die Unterführung der Haggenstrasse an der SBB-Linie.

Die neue Haltestelle verbindet er mit dem Bahnhof Haggen durch einen Neubau, der Raum für publikumsintensive Nutzungen bieten soll. Als Möglichkeiten genannt werden Geschäfte, Behördenschalter, Büros, Schulen, Praxen, Gastronomie oder ein Hotel. Auf der Haggen- wie auf der Hechtackerstrasse gehören – bestehende – Bushaltestellen zum neuen ÖV-Knoten.

Der Niveauunterschied von etwa 30 Metern zwischen den beiden Bahnhöfen soll innerhalb des Neubaus mit Rolltreppen, Liften und Rampen überwunden werden. Unter dem Gebäude wäre allenfalls eine Tiefgarage für Park-and-Ride möglich. Zum neuen Quartierzentrum müsste nach Meinung von Markus Tofalo auch ein Bahnhofplatz im Bereich der heutigen Verzweigung Haggen- und Lehnstrasse gehören.

Stadtplaner findet Gedankenanstösse spannend

Der St.Galler Stadtplaner Florian Kessler hat von der Idee von Markus Tofalo, wie die Bahnhöfe Haggen und Bruggen zusammengelegt werden könnten, Kenntnis genommen. Hinter den Vorschlägen stecke eine Auseinandersetzung mit dem Stadtraum, sagte er:

«Entsprechend studiere ich sie mit Interesse. Solche Ideen sind keinesfalls lästig.»

Sie böten Chancen, neue Sichtweisen zu prüfen, und zeigten auf, dass Veränderungen denkbar seien und nicht zwingend die bestehende Situation das einzig Richtige für die Zukunft sei, sagt Stadtplaner Kessler.

Der St.Galler Stadtplaner Florian Kessler.

Der St.Galler Stadtplaner Florian Kessler.

Bild: Urs Bucher

Die Idee, den Bahnhof Bruggen nach Osten zu verschieben und mit dem Bahnhof Haggen zu verbinden, sei interessant, aber nicht neu. Sie sei eher eine langfristige Vision. Die Verknüpfung von zwei Bahnlinien und verschiedenen Verkehrsträgern, insbesondere auch die Erschliessung der neuen Bahnhaltestelle Bruggen mit dem Bus, schaffe einen neuen zentralen Ort und bringe Vorteile und Chancen.

Allerdings gebe es dabei auch Verlierer, da die neue Haltestelle Bruggen abseits des heute vom Bahnhof Bruggen erschlossenen Siedlungsgebietes liege. Vor- und Nachteile müssten da abgewogen werden. Weiter werde die Bahnhofsverschiebung grosse Investitionen erfordern. Ob diese durch den damit erzielten Mehrwert zu rechtfertigen seien, müsste geklärt werden.

Und mit der Verschiebung des Bahnhofs Bruggen nach Osten wäre gemäss Kessler das Anliegen des Viertelstundentakts für die S-Bahn in Winkeln nicht gelöst.

Impulse für die Stadt St.Gallen der Zukunft

Markus Tofalo äussert sich in seinem Blog regelmässig über Fragen der Stadtentwicklung.

Markus Tofalo äussert sich in seinem Blog regelmässig über Fragen der Stadtentwicklung.

Bild: PD/Matthew Worden

Hinter der Konkretisierung der Fusion der Bahnhöfe Haggen und Bruggen steckt Markus Tofalo. Der gelernte Hochbauzeichner ist 1969 geboren und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Mediendesigner. Er politisiert bei den Grünliberalen. Seine «Konzepte» für Probleme der Stadtentwicklung sind für Laien wertvoll: Er zeigt in seinem Blog «Vorwärts» auf, wie im ersten Moment unrealistisch wirkende Ideen angegangen werden könnten.

Bei seinen «Planspielen» nimmt er keine Rücksicht auf die aktuelle Situation rund um ein Idee. Was er im Blog als Gedanken, Ideen, Meinungen und «seinen Senf» bezeichnet, sind daher auch keine pfannenfertigen Lösungen, sondern Impulse zur Diskussion von Problemen der Stadtentwicklung.

Das meint der Kanton

In erster Priorität ein Thema der Stadtentwicklung

(vre) Auch Patrick Ruggli, Leiter des kantonalen Amtes für öffentlichen Verkehr, kennt die Idee, den Bahnhof Bruggen in die Nähe des Bahnhofs Haggen zu rücken und die beiden zu verbinden. Sie tauche seit Jahren immer wieder einmal auf. Aktuell – im Sinn, dass konkret geplant werde –, sei das Thema derzeit nicht. So ein Vorhaben lasse sich auch nicht von heute auf morgen umsetzen. Wenn, dann handle es sich um ein langfristiges Projekt der Stadtentwicklung.

Durch eine Zusammenlegung der Bahnhöfe und das Vorhandensein von Buslinien würde ein sehr gut mit dem ÖV erschlossener Ort entstehen, was – wenn andere Faktoren stimmten – eine gute Voraussetzung zur Schaffung eines neuen städtischen Entwicklungsschwerpunktes sei. Ein Projekt zur Zusammenlegung der Bahnhöfe sei aber mit grossen Herausforderungen verbunden, sagt Patrick Ruggli. Dazu zählt die bauliche Überwindung der Höhendifferenz von rund 30 Metern zwischen SBB- und SOB-Bahnlinie oder das Aufgleisen der Finanzierung.

Für Ruggli ist das Thema der Bahnhofzusammenlegung in erster Priorität eine städtebauliche Frage. Entsprechend liegt für ihn der Ball bei der Stadt: Wenn sie Interesse an diesem Thema habe, müsse sie die Initiative ergreifen und eine entsprechende städtebauliche Strategie entwickeln. Zur Lösung aktueller ÖV-Fragen, etwa rund um die S-Bahn, sei eine Bahnhofsverschiebung nicht nötig.

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