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Violinistin am Beckenrand

Sie ist aus Finnland und bald Musikerin. Diesen Sommer aber jobbt Martta Kukkonen im Freibad Rotmonten.
Diana Hagmann-Bula
Tauscht als Badmeisterin Geigenbogen gegen Rettungsring aus: Martta Kukkonen in der Badi Rotmonten. (Bild: Michel Canonica)

Tauscht als Badmeisterin Geigenbogen gegen Rettungsring aus: Martta Kukkonen in der Badi Rotmonten. (Bild: Michel Canonica)

Martta Kukkonen lebt in zwei Welten. Da ist jene der angehenden Violinistin, die beim schönsten Wetter alleine drinnen an ihrer Technik feilt. Und da ist die der Bademeisterin, die an der prallen Sonne darüber wacht, dass in der Badi Rotmonten alle Schwimmenden wohlbehalten aus dem Wasser steigen.

Die 25-jährige Finnin liebt ihren Sommerjob am Beckenrand. Vor allem der Menschen wegen. «Ich bin sehr extrovertiert und eine untypische Finnin.» Viele Witze gebe es über die verschlossene Wesensart ihrer Landsleute. «Es ist etwas Wahres daran. Und die Schweizer sind ähnlich.» Vielleicht fühlt sie sich auch darum hier so wohl.

Sie vermisst Sauna und Familie

Regen setzt ein. Martta Kukkonen trinkt ihren Kaffee unter freiem Himmel seelenruhig fertig. Von daheim, dem finnischen Rovaniemi, ist sie anderes Wetter gewohnt. Im Winter Schneestürme, Temperaturen von bis zu -40 Grad und Tage, an denen es nie richtig hell wird. Sogar im Sommer zeigt das Thermometer selten über 15 Grad. «Misst es doch mal 27 Grad, muss man von der Arbeit frei nehmen. Denn am nächsten Tag ist es mit der Hitze wieder vorbei», sagt sie lachend. Schwimmen gehen die Finnen dennoch. Am liebsten in einer Hütte am See, wie sie fast jede Familie besitzt. «Allerdings baden wir meist nur in Kombination mit Sauna. Zuerst heizen wir uns auf, dann steigen wir über eine Leiter ins Wasser und kühlen uns ab.» Die Sauna und die Familie vermisst Kukkonen in St.Gallen denn auch am meisten. Die lauen Sommerabende hier trösten sie darüber hinweg.

Vor sechs Jahren hat Martta Kukkonen das Leben über dem Polarkreis aufgegeben und ist mit ihrer Violine nach Österreich ausgewandert, um dort klassische Musik zu studieren. Zwar schwärmt sie von Jean Sibelius, dem finnischen Komponisten, der es mit seiner Musik eindrücklich schaffe, ein Gefühl von langen dunklen Wintern und kargen Landschaften heraufzubeschwören. «Aber die Wiege der klassischen Musik liegt in Mitteleuropa. Hier wollte ich hin, um mich inspirieren zu lassen.» Für den Masterlehrgang wechselte sie an die Hochschule Luzern.

In der Schweiz hat sie ihren Freund kennengelernt, einen HSG-Studenten, der gerade ein Austauschsemester in Bangkok verbringt. Er hatte letztes Jahr im Freibad Rotmonten als Bademeister gejobbt. Als der Vorgesetzte Daniel Gut ihn anfragte, eine Saison zu verlängern, sagte er ab, empfahl aber seine Partnerin. Martta Kukkonen spielt zwar ein filigranes Instrument, wirkt selber aber kein bisschen zerbrechlich. Sie habe zehn Jahre lang wettkampfmässig Basketball gespielt, erzählt sie denn auch. Erst als sie sich entschieden habe, die Geige zum Beruf zu machen, habe sie mit dem Sport aufgehört. Sie fährt Ski und Snowboard, joggt regelmässig. «Wenn man fit ist, gibt das einem in diesem Beruf Sicherheit.» Zur Vorbereitung auf ihre Sommerjob in der Badi hat sie Kurse in Rettungsschwimmen und Erster Hilfe besucht.

Obwohl der Sommer schon lange andauert, hat sie noch keinen Ernstfall erlebt. Durchsetzen, dass keine Luftmatratzen ins Wasser genommen werden, dass niemand an unerlaubter Stelle ins Wasser springt, keine kleinen Kinder unbeaufsichtigt im Becken planschen, Toiletten und Kabinen putzen, Gäste mit Pflastern versorgen oder einfach mit ihnen reden: Auch das gehört zu Kukkonens Aufgaben. An Hitzetagen lösen bis zu 2500 Gäste einen Eintritt. «Dann muss man sich konzentrieren, um den Überblick zu behalten», sagt Kukkonen.

«Ich kann direkt sein»

Die Finnin ist die einzige Frau im sechsköpfigen Bademeisterteam des Freibads Rotmonten. Anerkannt und wertgeschätzt von ihren Berufskollegen, nicht aber von allen männlichen Besuchern. Bademeisterinnen würden immer wieder angerempelt, beschwerte sich kürzlich der Präsident des Schweizerischen Bademeisterverbands in den Medien. Kinder und Erwachsene würden ihre Anweisungen meist befolgen, meint Kukkonen. Männliche Teenager hingegen müsse sie manchmal mehrmals ermahnen. Sie bleibe jeweils ruhig und gehe nicht auf Provokationen ein. «Es hilft, dass ich direkt sein kann.»

Ihnen schenkt sie Geduld. Den Zuhörern, die sie einst als Violinistin eines Sinfonieorchesters unterhalten will, Musik, die nicht perfekt wie von einer Maschine tönt. Sondern wie von einem jungen Talent, das sich in grosse Komponisten einfühlt und deren Werk mit eigenen Gedanken bereichert. «Klassische Musik darf heute auch Spass machen.» Wie ein Sprung ins Wasserbecken.

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