Fragen & Antworten

Vier Wände für ein Halleluja: Der St.Galler Stadtrat will eine aktivere Bodenpolitik betreiben und innovative Wohnformen fördern

Die neue Wohnraumstrategie des Stadtrats soll St.Gallen zu qualitativem Wachstum verhelfen. Unter anderem sieht das Papier vor, dass die Stadt bis 2030 ihre eigene Wohnbautätigkeit verstärkt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Luca Ghiselli
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Alt, neu, klein, gross: Damit die Stadt wachsen kann braucht es einen vielfältigeren Wohnungsmarkt.

Alt, neu, klein, gross: Damit die Stadt wachsen kann braucht es einen vielfältigeren Wohnungsmarkt.

Bild: Benjamin Manser

Die Einwohnerzahl der Stadt St.Gallen stagniert. Nachdem sie in den Jahren 2015 bis 2017 sogar rückläufig war, hat sie sich mittlerweile bei rund 80000 Personen eingependelt. Im kommenden Jahrzehnt soll St.Gallen aber wieder wachsen: 100000 Einwohnerinnen und Einwohner sollen es bis in zehn Jahren werden, so sieht es die Vision des Stadtrats für 2030 vor. Gleichzeitig mit den gesellschaftlichen Veränderungen wandeln sich die Wohnbedürfnisse.

Was braucht es also, damit die Stadt wächst und das Wohnangebot gleichzeitig für ihre Bewohner attraktiver wird? Diese Frage steht im Zentrum der Wohnraumstrategie, die Baudirektorin Maria Pappa und Stadtplaner Florian Kessler am Montag den Medien präsentiert haben. Das Strategiepapier fusst auf vier Studien, zwei Befragungen sowie partizipativen Workshops. Sie umfasst sechs Handlungsfelder, 14 Ziele und 27 Massnahmen.

Welche Wohnungen fehlen in St.Gallen?

In der Stadt St.Gallen wohnen prozentual deutlich weniger Familien als in anderen Ostschweizer Zentren. Vor allem Personen im Alter zwischen 31 und 40 Jahren und Kinder ziehen gemäss einer Studie der Forschungsstelle Sotomo in die Agglomeration oder andere städtische Gebiete. Die Schlussfolgerung: Es fehlt an attraktivem Wohnraum für junge Familien. Hier setzt die Strategie mit einer ganzen Reihe an Zielen und Massnahmen an. Es soll ein «familienorientierter Wohnungsmix» mit über drei Zimmern in Sondernutzungsplänen festgelegt werden. Die Stadt selbst will die Familienfreundlichkeit bei den Bauherrschaften einfordern und an geeigneten Lagen auch Land für den Bau familienfreundlicher Wohnungen abgeben.

Gibt es zu viele konventionelle Wohnungen?

Ja. Zwar verfügt die Stadt St.Gallen vergleichsweise über einen hohen Anteil Einfamilienhäuser. Das Wohnungsangebot auf Stadtgebiet ist aber insgesamt zu wenig divers. Oder anders gesagt: Es werden zu viele Wohnungen mit durchschnittlichen Grössen gebaut. Hingegen fehlen Leuchtturmprojekte, die auch innovative Wohnformen fördern oder auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Hat es zu wenig Wohnraum für junge Erwachsene?

Nein. Wie Maria Pappa an der Medienorientierung sagte, habe man hier ein Defizit erwartet. Die Sotomo-Studie habe aber ergeben, dass in St.Gallen überdurchschnittlich viele Personen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren lebten. Trotzdem will der Stadtrat auch in diesem Alterssegment nicht untätig bleiben. Konkret soll gemeinsam mit Bildungsinstitutionen geeigneter Wohnraum geprüft und Land im Baurecht abgegeben werden, um bei Bedarf mehr Wohnraum für Junge zu erstellen. Ausserdem sollen Wohnungen im Eigentum der Stadt künftig vorzugsweise an Junge vermietet werden.

Verfügt die Stadt über zu wenig günstigen Wohnraum?

Nein. Im Vergleich mit anderen Städten verfügt St.Gallen über genügend preisgünstige Wohnungen. Die durchschnittliche Bruttojahresmiete ist vergleichsweise tief. In der Wohnraumstrategie ist dennoch festgehalten, dass sich die Stadt für eine «sozialverträgliche» Umsetzung der Wohnbauentwicklung einsetzt. Heisst konkret: Der Bestand an günstigen Wohnungen wird überprüft, genauso wie Unterstützungsmittel für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

Will die Stadt mehr Wohnungen bauen und kaufen?

Ja. Ziel des Stadtrats ist es, beim Parlament einen Rahmenkredit abzuholen, um bis 2030 zehn Prozent neue stadteigene Wohnungen zu bauen oder zu kaufen und so eine aktive Bodenpolitik zu betreiben. Die Liegenschaftenstrategie, die bis Ende 2021 vorliegen soll, legt die Höhe des Rahmenkredits fest. Ausserdem sieht die Strategie vor, dass die Limite für den Liegenschaftenerwerb durch den Stadtrat nach oben angepasst wird. Derzeit liegt sie bei Grundstücken des Finanzvermögens bei 500000 Franken, mit Zustimmung der Baukommission bei maximal sechs Millionen Franken. Diese Absicht stellt einen Kurswechsel dar. Im nationalen Vergleich besitzt die Stadt St.Gallen nur sehr wenige Wohnungen – 649 Stück oder 1,5 Prozent des Gesamtbestandes von 42625 Wohnungen und 1210 Einfamilienhäusern.

Will die Stadt innovative Wohnformen fördern?

Ja, und zwar stark. Gerade weil Studien ergeben haben, dass die Stadt St.Gallen über zu viele konventionelle Wohnungen verfügt, sollen alternative Siedlungen in den kommenden Jahren aktiv vorangetrieben werden. Die Stadt setzt sich zum Ziel, bis 2030 auf dafür geeignetem Bauland je ein Projekt für Wohnen im Alter, Mehrgenerationenwohnen und Urbanes Wohnen zu realisieren – entweder als Bauherrin oder gemeinsam mit privaten Partnern. Gerade die geplante Überbauung an der Ruckhaldewürde sich dafür anbieten – eine Interessensgemeinschaft hat einen ähnlichen Vorschlag bereits vor über einem Jahr präsentiert. Maria Pappasagt dazu: «Wir können uns sehr gut vorstellen, dort alternative Wohnformen zu ermöglichen.» Darüber hinaus will der Stadtrat, dass auch in bestehenden Siedlungen die Grundlagen für diese Wohnformen geschaffen werden.

Was hat die Stadt in den Quartieren vor?

Im Rahmen einer Studie wurden für zwölf Quartiere sogenannte Profile erstellt und nach Faktoren wie Urbanität, Demografie, Sozialstatus und Wohnverhältnisse bewertet. Dabei zeigt sich: Die Quartiere haben alle ihren eigenständigen Charakter und weisen im Mittel hohe Erholungsqualitäten mit viel Freiraum auf. Die Stadt will die Wohnqualität in den Quartieren gemäss ihrer Strategie weiter stärken. So sollen Strategien und Massnahmen erarbeitet werden, um die Quartierkerne zu stärken. Belastete Wohnlagen sollen von Lärm und Schadstoffen entlastet, Grün- und Freiräume hingegen ausgebaut werden. Zudem sollen die Stadtquartiere durch eine grössere Vielfalt an Wohnangebotenstärker durchmischt werden.

Wie teuer ist die neue Wohnraumstrategie?

Die Erarbeitung der neuen Wohnraumstrategie hat laut Stadträtin Maria Pappa 265'000 Franken gekostet. Die Kosten für die Umsetzung der darin verankerten Massnahmen in den nächsten fünf Jahren betragen nochmals 132'000 Franken.