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Kulturskandale in St.Gallen: Vier rote Tücher und viel Entrüstung

Nur knapp hat der St. Galler Gemeinderat 1971 der Versuchung widerstanden, Antoni Tàpies’ «Gran Esquinçal» im Theater wieder abzuhängen. Doch dann hat sich der Freisinnige Rolf Dubs eines Besseren besonnen.
Rolf App
Heute regt sich niemand mehr auf: Antoni Tàpies’ «Gran Esquinçal». (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 20. Dezember 2017))

Heute regt sich niemand mehr auf: Antoni Tàpies’ «Gran Esquinçal». (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 20. Dezember 2017))

In diesen Wochen ist das Theater St. Gallen geschlossen. Einsam steht der Betonbau von Claude Paillard am Rande des Stadtparks. Niemand kauft Billette, niemand besucht eine Vorstellung. Niemand begegnet den vier roten, versehrt wirkenden Tüchern, die in luftiger Höhe, aber gut sichtbar am Aufgang zum Zuschauerraum an einem grob verknoteten Seil hängen. Niemand liest das Täfelchen, das gleich daneben hängt und darüber informiert, wer dieser Antoni Tàpies war und was er mit seinem Kunstwerk ausdrücken wollte.

Kulturelle Skandale und Skandälchen

Kunstschaffende, die Missstände anprangern oder provozieren, ecken an. In den vergangenen 50 Jahren gab es in der Stadt St.Gallen einige kulturelle Skandale und Skandälchen. Der Sturm im Wasserglas um den Nicht-Kulturpreis für Theatermacher Milo Rau in diesem Frühsommer hat Erinnerungen geweckt. Die «Tagblatt»-Stadtredaktion geht ihnen in den nächsten Wochen nach. (vre)

«Gran Esquin- çal» ist es betitelt, der Name bezieht sich auf ein Gedicht des katalanischen Dichters Josep Carner, der von der zerschlissenen Fahne spricht. «Tàpies ist Katalane», steht da zu lesen. «Die Bedeutung des Symbols ist aber ebenso wenig an die Region gebunden wie etwa Goyas ‹Los desastros de la guerra› oder Picassos ‹Guernica›. Alle drei Spanier sprechen für die Menschheit im gesamten; ihr Aufschrei gilt uns allen.»

«Im Stadttheater ist er für viele Besucher ein Ärgernis»

Gehört dieser Aufschrei in ein Theaterfoyer? Das haben sich 1970 viele gefragt, als «Gran Esquinçal» als ein Geschenk der Textilfirma Mettler an seinen Platz gekommen ist. In einem Brief an den Spender Ruedi Mettler fasst Bürgerratspräsident Kurt Buchmann damals sein Unbehagen in Worte. «Wäre dieser Tàpies im Kunstmuseum, würden sich dessen Besucher wohl kaum beschweren», schreibt er in einem Brief, den er in Kopie auch Stadtammann Alfred Hummler zukommen lässt. «Er wäre auch denkbar in einer bürgerkriegsversehrten katalanischen Ortschaft. Im Stadttheater aber ist er für viele Besucher ein Ärgernis, und ich verstehe den Ruf, er sollte dort beseitigt werden.» Er selber könne sich durchaus für die moderne Kunst erwärmen, die moderne Musik übe er auch selber aus. Aber: «Ich würde nie jemanden zwingen, sich damit zu befassen, wenn er innerlich den Zugang nicht oder noch nicht findet.»

Von der Kunstdebatte zur politischen Angelegenheit wird die Sache, als der konservativ-christlichsoziale Gemeinderat Josef Wirth eine von 26 Gemeinderäten aus allen Parteien mitunterzeichnete Motion einreicht mit dem Begehren, der Stadtrat möge Tàpies’ Werk «so rasch als möglich» entfernen. Denn es werde «vom grössten Teil unserer Bevölkerung mit Entrüstung kritisiert.»

Der Stadtrat hat in der Debatte einen schweren Stand

Zu den Unterzeichnern gehört auch der spätere FDP-Kantonsrat und HSG-Rektor Rolf Dubs, der sich noch heute sehr gut an die Auseinandersetzung erinnert. «Treibende Kraft war im Gemeinderat der Gewerbsschullehrer Lattmann», erzählt er. «Er hatte mit seinen Lehrlingen das Theater besucht und sie gefragt, wie sie reagierten. Und ihre Antwort lautete: mit Gewalt.» Die junge Generation lehne das Werk ab, sagt Lattmann denn auch in der Debatte, in der die Stadtregierung einen schweren Stand hat. Denn auch sie ist sich der breiten Ablehnung bewusst, die das Kunstwerk erfährt.

Andere Museen wären durchaus interessiert

Rat holt sich der Stadtrat beim Kunsthistoriker Hans Rudolf Hahnloser. Der attestiert Tàpies in seinem Gutachten, er habe «die ihm gestellte Aufgabe mit dem ihm nun einmal eigenen Mitteln in überzeugender Weise gelöst. Der farbige und materielle Schock setzt sich gegen die massive Dynamik des Raumes durch.» Solche Schockwirkungen gehörten seit etwa 1906 zu den wichtigsten Stilelementen der Kunst.

Die St. Galler Debatte erregt Aufsehen. Zahlreiche Angebote treffen ein für den Fall, dass der «Gran Equinçal» entfernt werden sollte. Die Kunstgesellschaft Hannover teilt per Telegramm mit, ihre Stadt wäre stolz, wenn man ihr das Werk anbieten würde. Ähnliches verlautet aus Stuttgart, Basel und Zürich. Wobei der Direktor des Kunsthauses Zürich auch anmerkt, «eine solche Bilderstürmerei wäre einer Stadt wie St. Gallen nicht würdig.» Handschriftlich meldet sich aus Altstätten Ferdinand Gehr, dessen Wandgemälde in der Kapelle Oberwil bei Zug während einiger Jahre verhüllt werden mussten. Er habe sich überzeugen können «von der kraftvollen Aussage dieses Bildwerkes» und könne dem Stadtrat zu diesem Geschenk gratulieren – wohl wissend, «welche Schwierigkeiten einer Behörde aus einem solchen Beschluss entstehen können».

Trotz der Fürsprecher bleibt der Ausgang offen. Knapp nur lehnt der Gemeinderat Wirths Vorstoss ab – auch dank der spektakulären Kehrtwendung, die Mitunterzeichner Rolf Dubs vollzieht. «Je länger ich darüber nachgedacht habe, umso stärker bin ich zur Auffassung gelangt, dass ich als liberaler Mensch einer Entfernung nicht zustimmen konnte. Weil dies gegen die Kunstfreiheit verstiesse. Nach der Debatte hat Stadtammann Alfred Hummler zu mir gesagt, dass es meine Stimme gewesen sei, welche die Wendung gebracht habe.»

Heute denkt niemand mehr daran, dieses Kunstwerk entfernen zu wollen. Denn, sagt Rolf Dubs noch: «Viele beachten den Tàpies gar nicht mehr.» Er hat mit anderen Worten seine schockierende Kraft eingebüsst.

Bürgerkrieg und Diktatur haben Antoni Tàpies geprägt

«Er wollte ein Maler der Wirklichkeit sein, und volksnah», hiess es in einem der Nachrufe auf Antoni Tàpies, als er vor sechs Jahren 89-jährig in Barcelona starb. In der katalanischen Hauptstadt war der Maler, Grafiker und Bildhauer auch als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Buchhändlerin 1923 zur Welt gekommen, hatte in seiner Jugend den spanischen Bürgerkrieg erlebt und danach die langen Jahrzehnte der Franco-Diktatur. Als diese sich in den späten Sechzigerjahren langsam dem Ende zuneigte, beteiligte er sich an der Gründung der ersten freien Studentenvereinigung, wurde verhaftet und zu einer Geldbusse verurteilt.

Immer wieder fand die Politik Eingang in seine Kunst. So malte er als Hommage an einen jungen Kämpfer, der zum Tode verurteilt worden war, ein Bild, in das er dessen zerrissenen Pullover einfügte. Demokratie, sagte Tàpies 1987 in einem Gespräch, «ist nicht etwas, das man von einem Tag auf den andern kaufen kann. Das ist etwas, das sich formt und wofür man kämpfen muss.»

Die Geburt der Kunst aus der Krankheit

Der Bürgerkrieg hat ihn, wie er weiter ausführte, «für alles übersensibilisiert, was um mich herum geschah. Als Folge dieses Bürgerkriegs, der damit verbundenen Hungersnot und des Elends wurde ich lungenkrank. Ich musste fast zwei Jahre im Bett zubringen.» Er habe viel Zeit zum Lesen, zum Überlegen, zum Meditieren gehabt. Die Krankheit aber habe seine geistige Aktivität nicht etwa geschmälert, «sondern mir vielmehr zu einer Art Erleuchtungserlebnis verholfen. Ich fühlte mich stärker als gesunde, normale Menschen, die Realität gründlicher zu erforschen.»

Die vier roten Streifen kehren immer wieder

Das tat Tàpies fortan in der Kunst. Zunächst orientierte er sich an den Surrealisten und ihren Traumwelten, dann experimentierte er mit einfacheren, alltäglichen Materialien, schuf Werke mit schroffen, erdigen, rauen Oberflächen, in die er Linien einritzte. Auch das Motiv der vier roten Streifen der katalanischen Fahne kehrt immer wieder. Ein Kunstwerk, erklärte Tapiès immer wieder, «sollte den Betrachter bestürzen, ihn veranlassen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Wir wissen alle, dass sich die Menschen durch Reklame, Werbung, Publizität und Konsum, wie es uns die Massenmedien ständig suggerieren, zunehmend in einem Zustand der Entfremdung sind.» Dieses Aufrütteln ist ihm mit dem «Gran Esquinçal» im Theater St. Gallen vollauf gelungen. Wobei Tàpies zum Zeitpunkt des Streits um die vier blutroten Tücher in St. Gallen keineswegs unbekannt war. An der HSG hatte er in der Bibliothek ein Wandbild geschaffen. (R.A.)

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