Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Viele meiner alten Freunde hatten kein Verständnis»: Wie sich eine St.Gallerin nach zwei Suizidversuchen zurück ins Leben tastet

Lena erkrankte erst an Krebs und versuchte dann zwei Mal Suizid zu begehen. Nun geht es Schritt für Schritt aufwärts in ihrem Leben.
Marlen Hämmerli
Lena begann während ihrer Therapie in Wil intensiv zu zeichnen. (Bild: Urs Bucher - St.Gallen, 20.August 2019)

Lena begann während ihrer Therapie in Wil intensiv zu zeichnen. (Bild: Urs Bucher - St.Gallen, 20.August 2019)

Als es zu viel wurde, beschloss Lena (Name der Redaktion bekannt) sich umzubringen. Als Fachfrau Betreuung wusste sie genau, was zu tun war, welche Mischung an Medikamenten tödlich ist. Lena legte sich ins Bett, schloss die Augen – und wachte auf der Intensivstation wieder auf. Lenas Ehemann hatte gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass etwas nicht stimmte.

So lag Lena im Spitalbett, frustriert und voller Scham.

«Ich wusste, dass es nun nicht einfacher wird. Ich hatte Angst vor dem, was vor mir lag.»

Eine Woche später versuchte sie das zweite Mal sich umzubringen. Zu einem dritten Versuch sollte es nicht kommen.

Aus Wut redete und ass sie zwei Tage lang nicht

Als Lena dieses Mal aufwachte, lag sie in Wil in einem Bett der Psychiatrie St.Gallen Nord. Mit Stoffgurten ans Bett fixiert, zu ihrem Schutz und dem der Pflegerinnen und Pfleger. Denn im Spital hatte sich Lena heftig gegen die Behandlung gewehrt. «Daran konnte ich mich nicht erinnern, aber ich war extrem hässig.» Zwei Tage redete Lena nicht, ass nicht, war eingesperrt in ein Einzelzimmer. Dann kam sie auf die offene Station der Psychiatrie St.Gallen Nord, traf Patienten, die sich in einer ähnlichen Notsituation befanden.

«Viele meiner alten Freunde hatten kein Verständnis. In der Klinik lernte ich dann Leute kennen, die wussten, wie ich mich fühlte.»

Nach 20 Wochen ist Lena seit kurzem wieder zu Hause in der Nähe von Wil. «Mir geht es relativ gut. Ich weiss jetzt, was ich machen muss, um eine Krise zu überwinden, habe meine Leute und Bewältigungsstrategien.» In zwei Wochen tritt Lena eine neue Stelle in St.Gallen an. Eine Erleichterung nach den vielen Jahren als Hausfrau.

Über die Suizidversuche spricht Lena ruhig und sachlich. «So kann ich es verarbeiten. Es tut gut, darüber zu reden.» Darüber, wie sie irgendwann nur noch einen Gedanken im Kopf hatte. «Ich will sterben.»

Ganze Tage verbrachte sie mit der Mutter in der Bahnhofshalle

Tatsächlich traf Lena ein Schicksalsschlag nach dem andern. Es begann bereits in ihrer Kindheit: Als Lena klein war, erkrankte ihre Mutter an Schizophrenie. Ein Vater war nicht da, Geschwister gab es keine. So wuchs Lena alleine in St.Gallen auf. «Meine Mutter hat mich schon versorgt. Aber ich musste mich oft alleine beschäftigen.» Lenas Mutter rauchte, lag im Bett. Oft verbrachte sie mit Lena den ganzen Tag im Restaurant in der Bahnhofshalle.

Als Lena zehn Jahre alt wurde, ging es nicht mehr.

«Sie ist ausgerastet, hat mich nicht mehr als ihre Tochter erkannt und mit nicht realen Leuten gesprochen.»

Lena kam in ein Heim. Zur Mutter hat Lena seither keinen Kontakt mehr. Und der Umzug ins Heim? «Das war befreiend. Ich hatte ein sicheres Umfeld und andere Kinder zum Spielen.» Einzig in der Schule wurde Lena als Heimkind gemobbt.

Mit 17 zog sie mit einer Freundin zurück nach St.Gallen, begann ihre Ausbildung in Rorschach. Vor dreieinhalb Jahren gebar die heute 28-Jährige das erste Kind, vor zwei Jahren das zweite. Schon zuvor konnte Lena nicht mehr arbeiten, sie war an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. «Es ist ein Wunder, dass ich meine Kinder überhaupt austragen konnte.»

Überfordert, alleine und todkrank

Alleine zu Hause. Zwei Babys. Ein Ehemann, der nicht einsah, wie viel Arbeit das mit sich bringt. Dazu der Kampf gegen den Krebs, eine Operation und die Angst, dass nicht alle Krebszellen entfernt worden sind. «Ich fühlte mich alleine. Sah den Sinn nicht mehr und dachte, wenn es mir so schlecht geht, schade ich den Kindern.» Lena besuchte einen Therapeuten, der einen stationären Aufenthalt empfahl.

«Aber wie sollte das gehen, mit den Kleinen und einem Mann, der arbeitet?»

Es kam zum Knall.

Nun geht es Schritt für Schritt aufwärts. Lena ist in ambulanter Therapie. Die Kinder besuchen eine Kita. «Ich achte auf meine Bedürfnisse und habe neue Freunde, die mich verstehen und nicht ausnützen.» Und Lena ist bereit zu reden. «Ich weiss, da draussen gibt es andere, die an denselben Punkt kommen werden. Und wenn es soweit ist, sollen sie sich Hilfe holen.» Anders als Lena, die sich schämte, jemandem ihre Not anzuvertrauen. «Dabei ist es eine Stärke, darüber zu reden. Es ist keine Schwäche, schwach zu sein.»

Anlaufstelle in St.Gallen

Hilfe in der Not bietet das Kriseninterventions­zentrum der Psychiatrie St.Gallen Nord, 071 914 44 44, www.psgn.ch/krisenintervention.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.