Verkehrslärm
Kopfschütteln über 1,2-Millionen-Lärmschutzwand in der Stadt St.Gallen: Linke Kreise fordern stattdessen Tempo 30

Am Rande der Stadt St.Gallen plant der Kanton eine 155 Meter lange und 3,5 Meter hohe Lärmschutzwand. Diese sei mit 1,2 Millionen Franken zu teuer, moniert die SP und schlägt Tempo 30 als Massnahme vor.

Marlen Hämmerli
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Diese Häuser an der St.Josefen-Strasse würden durch die Lärmschutzwand von Verkehrslärm geschützt.

Diese Häuser an der St.Josefen-Strasse würden durch die Lärmschutzwand von Verkehrslärm geschützt.

Bild: Belinda Schmid

Am Rand des Lachen-Quartiers ist eine Lärmschutzwand geplant. Die Wand soll die Bewohnerinnen und Bewohner von zwei Wohnblöcken vor dem Verkehrslärm auf der St.Josefen-Strasse schützen. 3,5 Meter hoch, 155 Meter lang und rund 1,2 Millionen Franken teuer. Das macht 7742 Franken pro Meter.

Auch die SP der Stadt St.Gallen hat gerechnet und kommt zum Schluss: Das ist zu viel. In einer Medienmitteilung fordert die Partei, der Kanton solle auf «teure bauliche Massnahmen» verzichten, wie das auch andere Städte täten. Stattdessen solle er auf dem Strassenabschnitt zwischen Stadtgrenze und Zürcher Strasse Tempo 30 einführen. Derzeit läuft das Online-Mitwirkungsverfahren zum Lärmschutzprojekt. Bis 7. Juli kann jede und jeder Ideen und Vorschläge einbringen.

Linksgrün: «Tempo 30 ist günstiger»

Das Projekt hat bei Linksgrün sowie im Umwelt- und Naturschutzlager Staub aufgewirbelt. Von verschiedenen Seiten ist zu hören, Tempo 30 sei doch die günstigere und verträglichere Lösung. Der Kanton hat diese Lärmschutzmassnahme jedoch verworfen. «Die Feldlistrasse ist eine wichtige Ein- und Ausfallstrasse an der Stadtperipherie», schreibt er im Technischen Bericht zum Projekt. Aufgrund ihrer Wichtigkeit und Funktion müsse sie verkehrsorientiert bleiben. Das geltende Temporegime müsse beibehalten werden.

Die SP der Stadt verweist ihrerseits auf Lausanne und Zürich. Diese Städte hätten mit Tempo 30 als Lärmschutzmassnahme «sehr gute Erfahrungen» gemacht. Tatsächlich erarbeiten Stadt und Kanton St.Gallen derzeit ein Konzept und prüfen, inwiefern auf Kantonsstrassen und Gemeindestrassen erster Klasse Tempo 30 möglich ist.

Für die SP wäre es zielführender, dieses Konzept abzuwarten und danach Massnahmen zur Lärmbekämpfung zu priorisieren und anzupacken, wie sie in der Mitteilung schreibt. «Neben der Staatskasse profitieren davon letztlich auch Anwohnerinnen und Anwohner, denen neben der Lärmreduktion auch der Anblick einer wuchtigen Lärmschutzmauer erspart bleibt.» Umgekehrt könne den Automobilistinnen und Automobilisten Tempo 30 problemlos zugemutet werden. Bei Tempo 30 müssten rund 7000 Personen vom Gaspedal. So viele Fahrzeuge passieren im Schnitt täglich die St.Josefen-Strasse.

Tempo 30 würde zu stockendem Verkehr führen

FDP-Kantonsrat Walter Locher sieht das anders. Wie es auch der Bericht des Kantons festhält, betont Locher, Feldli- und St.Josefen-Strasse seien als Kantonsstrassen «verkehrsorientierte Strassen». Sie dienen der Abwicklung des Verkehrs. «Tempo 30 würde hier zu einer Reduktion der Leistungsfähigkeit der Strasse führen. Das sehen wir ja derzeit auf der Zürcher Strasse.» Dort erschwert aktuell eine Baustelle das Durchkommen.

Sowieso: «Der Kantonsrat hat mit dem Strassenbauprogramm 2019 bis 2023 beschlossen, dass bei Lärmsanierungen auf 30er-Zonen auf Kantonsstrassen zu verzichten ist», sagt Locher, der unter anderem die IG Engpassbeseitigung präsidiert. Diese setzt sich ein für die dritte Röhre durch den Rosenberg und die Teilspange ins Riethüsli.

Zu teuer findet der bürgerliche Politiker die Lärmschutzwand nicht. «Lärmschutz dient dem Wohlbefinden und ist nie günstig», sagt Locher. «Wenn die Massnahme, allenfalls bei Bedarf ergänzt mit Flüsterbelägen einen Effekt erzielt, dann sind die Kosten zu akzeptieren.»

An der Zürcher Strasse wurde bereits vor Jahren eine Lärmschutzwand errichtet.

An der Zürcher Strasse wurde bereits vor Jahren eine Lärmschutzwand errichtet.

Bild: Urs Bucher

Lärm fiele bei drei Gebäuden unter Grenzwert

Die Lärmschutzwand soll stadtauswärts auf der linken Strassenseite angebracht werden, im Bereich der Bushaltestelle Sömmerli beginnen und bis zum Ende der Liegenschaft Zwyssigstrasse 12 reichen. Eben: 155 Meter. Mit ihrem Bau könnten drei Gebäude «entlastet» werden, wie es im Fachjargon heisst. Die Lärmbelastung fällt damit unter den Immissionsgrenzwert. Also unter den Wert, ab dem der Kanton handeln muss.

Geprüft wurde auch eine Verlängerung der Wand, um zusätzlich die Bewohnerinnen und Bewohner der drei zehnstöckigen Hochhäuser neben der Valida vor Strassenlärm zu schützen. Die gemeinsame Lärmschutzwand mit einer Länge von insgesamt 325 Metern wurde aber verworfen. Sie sei wirtschaftlich nicht tragbar und entsprechend unverhältnismässig, heisst es im Bericht.

Der Kanton hat bei der Prüfung für Lärmschutzmassnahmen die gesamte Strasse untersucht, ab der Kreuzung Zürcher Strasse bis zum Stadtrand in der Spisegg. Dies, weil hier gleich bei mehreren Liegenschaften der Immissionsgrenzwert überschritten wird: bei 28, Tendenz steigend. Bis 2036 dürften gemäss Prognose 34 Gebäude und eine Parzelle unter zu viel Verkehrslärm leiden.

Für 31 der 34 Gebäude sowie die unüberbaute Parzelle verzichtet der Kanton auf Massnahmen, weil diese unverhältnismässig seien. Er stellt daher Erleichterungsanträge. Damit würde er von der Pflicht der Lärmsanierung entbunden. Bei acht der Häuser ist an den exponierten Fassaden der Einbau von Schallschutzfenstern vorgesehen. Ein solches Fenster kostet je nach Grösse zwischen 1500 und 2000 Franken.

Insgesamt kostet das Projekt 1,5 Millionen Franken

Insgesamt beträgt der Kredit 1,5 Millionen Franken. Die Fenster sowie die Projektierungskosten kosten 0,3 Millionen Franken, wie Andreas Kästli erklärt. Der stellvertretende Kantonsingenieur ist zuständig für die Lärmschutzmassnahmen im Kanton. Eine Lärmschutzwand ist schlank und hoch. «Sie ist wahnsinnigen Windkräften ausgesetzt, da braucht es ein starkes Fundament.» Und dieses kostet.

Auch wenn auf der Feldli- und der St.Josefen-Strasse Tempo 30 gelten würde, die Wand wäre trotzdem nötig, sagt Kästli, da die lärmmindernde Wirkung von Tempo 30 klein ist. Eine Geschwindigkeitsreduktion kann den durchschnittlichen Schallpegel um rund drei Dezibel senken, wie das Bundesamt für Umwelt online schreibt. Eine Lärmschutzwand reduziert die Belastung um etwa fünf Dezibel. Überragt sie die Sichtlinie um einen Meter, beträgt die Reduktion rund zehn Dezibel.

Ausserdem sei die Wand in jedem Fall wirtschaftlich und damit verhältnismässig. «Entsprechend müssen wir sie erstellen.» Aus diesem Grund habe der Kanton auch das Konzept zu Tempo 30 nicht abgewartet.

Aber warum bringen linksgrüne Kreise Tempo 30 überhaupt ins Spiel? Eigentlich geht es beim Projekt um eine Lärmschutzwand. Ein langjähriger Beobachter von verkehrspolitischen Diskussionen vermutet: «Die Lärmschutzwand könnte zu einer Art Stellvertreterkrieg für das Thema werden. Zumal Tempo 30 auf der Feldlistrasse doch vorstellbar ist.»