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«Wenn einer nach 11.30 Uhr kommt, soll er die Waren mit dem Rolli liefern»: Nachmittags soll die St.Galler Altstadt weitgehend autofrei werden

Die Verkehrsregimes in der St.Galler Altstadt sind heute ein Flickwerk. Der Stadtrat möchte das ändern. Die Pläne könnten jedoch auf Kritik stossen.

Marlen Hämmerli
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Auf dem Gallusplatz ist heute der Zubringerdienst gestattet, das soll sich ändern.

Auf dem Gallusplatz ist heute der Zubringerdienst gestattet, das soll sich ändern.

Hanspeter Schiess

Lieferanten, Handwerker oder Private, die heute mit dem Lieferwagen oder Auto in die St.Galler Altstadt müssen, brauchen einen wachen Geist. Denn in der Altstadt gelten vier verschiedene Verkehrsregimes mit unterschiedlichen Zufahrtsregelungen und -zeiten.

Das soll sich jetzt aber ändern. Der Stadtrat möchte für die nördliche, die mittlere und die südliche Altstadt sowie Marktplatz und Bohl eine einheitliche Regelung. Von der Augustinergasse über Metzgergasse, Marktgasse und Multergasse bis zur Gallusstrasse soll also dieselbe Regel gelten, was die Zufahrt betrifft. Auslöser für die Analyse ist die Neugestaltung von Marktplatz und Bohl. Die Stadt hat eine Auslegeordnung gemacht und auch geschaut, wie der Verkehr in anderen Städten geregelt ist. Am Donnerstagabend hat nun der Stadtrat seine Überlegungen der Bevölkerung vorgestellt.

Verkehrsanordnungen lösen oft Kritik aus

Rund 20 Personen folgten den Ausführungen von Stadträtin Sonja Lüthi, Stadtrat Markus Buschor und Stadtpolizist Berny Schnyder von der Fachstelle Verkehrsprojekte. Im Publikum sassen vorwiegend Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gewerbe, der Politik und von Verkehrsverbänden. Kritische Fragen gab es kaum, was aber nicht heisst, dass die Umsetzung einfach wird.

Die Neuregelung der Fahrt durch die Goliathgasse, die Sperrung des Gallusplatzes oder die Aufhebung von Parkplätzen rund um den Marktplatz: Verkehrsanordnungen stiessen in der Vergangenheit immer wieder auf Kritik.

Entsprechend geht der Stadtrat dieses Mal vor. Mit einem öffentlichen Infoanlass und einer Vernehmlassung sollen mögliche Einsprecher frühzeitig eingebunden werden.

Eine Lücke soll geschlossen werden

Die Stadt hat mit dem neuen Verkehrsregime zwei Ziele. Aus den drei Begegnungszonen soll erstens eine einzige werden und die Lücke am Marktplatz und Bohl geschlossen werden. Die Altstadt selbst soll zweitens nachmittags durch das einheitliche Verkehrsregime weitgehend autofrei werden.

Der Güterumschlag wird noch werktags zwischen 6 und 11.30 Uhr erlaubt sein. Ausserhalb dieser Zeit ist eine Bewilligung nötig, egal, ob ein Lieferant in die Metzgergasse, Neugasse oder Gallusstrasse muss. Gewisse Gruppen erhalten eine Ausnahmebewilligung, wenn sie in die Altstadt müssen: Anwohnerinnen, Inhaber von Parkplätzen, Betreuungsdienste wie die Spitex oder soziale Fahrdienste, Lieferantinnen und Handwerker, wenn es sich um Notfälle handelt, zum Beispiel ein kaputtes WC. Taxifahrerinnen und -fahrer mit einem Auftrag dürfen jederzeit in die Altstadt. Die blosse Durchfahrt zur Kundensuche ist aber verboten.

Was gilt für die Kundin, die ein Klavier abholen muss?

Im Bereich zwischen Augustinergasse, Goliathgasse und Schwertgasse, sprich in der nördlichen Altstadt, gilt heute ein Nachtfahrverbot. Tagsüber ist Privatverkehr noch gestattet. Kundinnen und Kunden eines der dortigen Musikgeschäfte zum Beispiel können das neue Klavier mit dem Auto abholen. Was bedeutet also die Einführung von Güterumschlagszeiten für die Gewerbler in diesen Gassen?

Die ausnahmsweise Zufahrt ausserhalb der Güterumschlagzeiten werde restriktiv gehandhabt, hiess es am Donnerstagabend, Ausnahmebewilligungen nur in Notfällen erteilt. Mit Güterumschlag ist das Verladen oder Ausladen von Gegenständen gemeint, die aufgrund ihrer Grösse oder des Gewichts mit einem Fahrzeug befördert werden müssen. Wenn eine Kundin also ein Klavier abholt, darf sie das mit dem Auto tun, muss aber am Vormittag vorfahren. Was genau unter Güterumschlag falle, werde nach sachlichen, zeitlichen, räumlichen und persönlichen Gesichtspunkten bestimmt.

Für den Güterumschlag ausserhalb der erlaubten Zeiten möchte die Stadt am Rand der Altstadt Zonen einrichten. Schnyder:

«Wenn einer nach 11.30 Uhr kommt, soll er die Waren mit dem Rolli in die Altstadt liefern.»

In der mittleren Altstadt, also im Gebiet zwischen Brühlgasse, Spisergasse und Neugasse, Multergasse, ist die Durchfahrt heute je nach Gasse verboten, es gelten Sperrzeiten und Nachtfahrverbote. Anlieferungen müssen unter der Woche zwischen 6 und 13 Uhr erfolgen. Schnyder: «Das System funktioniert hier, dann können wir es auch ausweiten.» In der mittleren Altstadt ändert sich also wenig. Nur: Lieferanten müssen ihre Ware schon vor dem Mittag abgeladen haben.

Am wenigsten streng ist die Regelung in der südlichen Altstadt, rund ums Kloster. Die Durchfahrt ist verboten, Zubringerdienst erlaubt. «Das löst immer wieder Diskussionen aus, was unter Zubringer fällt», sagte Schnyder.

Alle Gewerbetreibende gleich behandeln

Das neue, einheitliche Verkehrsregime soll einerseits das Verständnis vereinfachen, andererseits werden dadurch alle Gewerblerinnen und Gewerbler in der ganzen Altstadt gleich behandelt. Gleichzeitig biete die Sperrung am Nachmittag neue Möglichkeiten, sagte Schnyder. «Gastronominnen und Gastronomen können schon ab 11.30 Uhr, auf den Zmittag hin, rausstuhlen.»

Heute ist die Fahrt in die Multergasse bis 13 Uhr gestattet. Ändert sich das, können Gastronomen schon zum Zmittag draussen Gäste bewirten.

Heute ist die Fahrt in die Multergasse bis 13 Uhr gestattet. Ändert sich das, können Gastronomen schon zum Zmittag draussen Gäste bewirten.

Bild: Ralph Ribi (2. Juli 2021)

Nächste Woche schickt der Stadtrat sein Vorhaben in die Vernehmlassung. Alle Betroffenen können dann Stellung nehmen. Aber auch die Bevölkerung kann sich einbringen: Seit Freitag läuft unter partizipieren.stadt.sg.ch eine E-Partizipation.

Nachdem alle Meinungen eingeholt und ausgewertet sind, wird die Stadtregierung einen Beschluss erlassen, laut Sonja Lüthi dürfte dieser im ersten Quartal 2022 erfolgen. Die Verkehrsanordnungen werden wie üblich öffentlich aufgelegt. Mit Einsprachen ist zu rechnen. Die Stadt hat entsprechend Zeit eingeplant für die Rechtsmittelverfahren.

Ziel ist es laut Lüthi, das neue Verkehrsregime mit der Eröffnung des neugestalteten Marktplatzes und Bohl in Kraft zu setzen. Anvisierter Baubeginn für die Umgestaltung des Platzes ist 2023, Ende 2024 soll das Vorhaben grösstenteils abgeschlossen sein. Den Betroffenen bleiben also noch ein paar Jahre, um sich auf die neue Verkehrssituation einzustimmen.

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