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«Als nächstes stellen sie die Domglocken ab, weil die zu laut sind»: Wer im St.Galler Zentrum parkiert, zahlt bald auch nachts und am Sonntag – TCS und Gewerbe üben Kritik

Die Stadt St.Gallen weitet die Gebührenpflicht für oberirdische Parkplätze im Zentrum aus. Wer das Auto etwa auf dem Spelteriniplatz oder am Oberen Graben abstellt, zahlt ab 1. Januar 2022 nachts und am Sonntag 1,50 Franken pro Stunde. Das kommt nicht überall gut an.

Luca Ghiselli, Marlen Hämmerli und Sabrina Manser
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Wer sein Auto etwa in der Davidstrasse abstellt, muss ab kommendem Jahr auch nachts und am Sonntag zahlen.

Wer sein Auto etwa in der Davidstrasse abstellt, muss ab kommendem Jahr auch nachts und am Sonntag zahlen.

Bild: Benjamin Manser

Rund 600 oberirdische Parkplätze gibt es noch im St.Galler Stadtzentrum. Die meisten von ihnen sollen in den kommenden Jahren aufgehoben und mit Plätzen in Tiefgaragen kompensiert werden. Vor allem das Parkhaus UG25 am Unteren Graben soll Platz dafür bieten. Noch bevor die neue Parkgarage mit insgesamt 741 Parkplätzen Ende 2023 eröffnet wird, tut sich in der oberirdischen Parkplatzlandschaft im Zentrum aber einiges. Anfang 2021 hob die Stadt die Parkplätze entlang der Bahnhofstrasse auf, bis Ende 2023 sollen auch jene an der Hinteren Bahnhofstrasse und der Hinteren Poststrasse weichen.

Und nun folgt ein nächster Schritt: Die oberirdischen Parkplätze in der Innenstadt (im Perimeter von der St.Leonhard-Brücke bis zum Singenberg), die von der Stadt bewirtschaftet werden, kosten ab Anfang 2022 neu auch in der Nacht und am Sonntag. Die Erweiterte Blaue Zone (EBZ) ist davon ausgenommen.

Wer sein Auto nachts oder sonntags im Zentrum abstellt, zahlt 1,50 Franken pro Stunde. Bisher war das Parkieren zu diesen Randzeiten gratis. Der Stadtrat stellt sich in einer Mitteilung auf den Standpunkt, mit den Schritt einerseits die Kosten für den gesteigerten Gemeingebrauch des öffentlichen Grundes besser zu decken, andererseits seien die Kosten verglichen mit anderen Städten tief. Mit der neuen Regelung könne auch Parkplatzsuchverkehr und Fahrzeuglärm im Stadtzentrum reduziert werden, heisst es in einer Mitteilung.

Der Entscheid freut erwartungsgemäss nicht alle, wie eine Umfrage zeigt.

Stadträtin Sonja Lüthi: «Auf Freizeitgestaltung der Bevölkerung reagiert»

Sonja Lüthi, Direktorin Soziales und Sicherheit Stadt St.Gallen

Sonja Lüthi, Direktorin Soziales und Sicherheit Stadt St.Gallen

Bild: Tobias Garcia

Sonja Lüthi, Direktorin Soziales und Sicherheit, begründet den Schritt mit dem veränderten Freizeitverhalten der Bevölkerung. Früher hätten viel mehr Autos tagsüber während der Arbeitszeiten in der Stadt parkiert, heute verschiebe sich das in den Abend und die Nacht. «Und wir wollen keine Anreize setzen, die oberirdisches Parkieren attraktiver machen als das Abstellen der Fahrzeuge in einer Tiefgarage.» Gerade nachts und am Sonntag sei das bisher aber der Fall gewesen.

Von Salamitaktik will Lüthi nichts wissen. Politik sowie Anwohnerinnen und Anwohner hätten die Ausweitung der Parkplatzbewirtschaftung schon seit Jahren immer wieder gefordert. Mit den Plänen für eine autofreie Altstadt habe das nur sehr begrenzt zu tun. Selbstverständlich wolle der Stadtrat begünstigen, dass man sich eher mit dem ÖV, zu Fuss oder auf dem Velo in und durch die Stadt bewege. «Das Parkplatzangebot bleibt aber auch nach der Aufhebung oberirdischer Parkplätze in der Innenstadt gross», sagt Lüthi mit Verweis auf die diversen Parkhäuser.

TCS Stadt St.Gallen: «Mühsam und unattraktiv»

Marcel Aebischer, Präsident der TCS Sektion St.Gallen Appenzell Innerrhoden.

Marcel Aebischer, Präsident der TCS Sektion St.Gallen Appenzell Innerrhoden.

Bild: PD

«Die Erreichbarkeit des Stadtzentrums wird immer mühsamer», sagt Marcel Aebischer, Präsident der TCS Sektion St.Gallen Appenzell Innerrhoden. Dies mit dem Tempo 30, der Parkplatzreduktion, nun mit der Verteuerung. «Es wird noch unattraktiver, mit dem Auto ins Zentrum zu fahren.» Die Leute würden jetzt schon von der Stadt fernbleiben, dieser Effekt werde sich mit dem neuen Regime vermutlich verstärken. Ausserdem seien die Parkplatzgebühren jetzt schon hoch, sagt Aebischer. «Und nun wird es noch teurer, zudem soll man auf die teuren Tiefgaragen ausweichen.» Er finde es grundsätzlich falsch, das Verhalten der Leute über monetäre Anreize zu steuern.

Dass man sich anderen Städten anpassen wolle, sei für Aebischer nur ein Vorwand, um vom wahren Grund abzulenken.

«Letztlich geht es darum, möglichst viele davon abzuhalten, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Das ist zumindest mein Eindruck.»

Multergass-Gesellschaft: «Salamitaktik»

Rico Baettig, Präsident der Multergass-Gesellschaft.

Rico Baettig, Präsident der Multergass-Gesellschaft.

Bild: Urs Bucher

Rico Baettig, Präsident der Multergass-Gesellschaft, ist gar nicht erfreut über die Ankündigung. Erst hiess es, die Parkplätze würden aufgelöst, wenn das Parkhaus UG25 fertig ist.

«Jetzt kommen die Massnahmen immer früher. Das ist eine Salamitaktik.»

Die Baettig Intercoiffure Parfumerie Beauty habe immer noch viele Kundinnen und Kunden, die nicht in eine Parkgarage möchten. «Die wollen schnell was erledigen, nicht erst durch die halbe Tiefgarage fahren, den Lift rauf nehmen und dann zu Fuss in die Altstadt laufen.» Jede Einschränkung wirkt sich laut Baettig auf die Passanten- und Kundenfrequenzen aus.

Für die Lädeler sei die Ausweitung der Parkplatzbewirtschaftung schlimm, aber auch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt. «Wer stört sich schon an einem Auto, das nachts rumsteht?», fragt Baettig rhetorisch. «Dann ziehen sie halt nach Teufen oder Goldach, wo sie gratis parkieren können.» Der Fahrzeuglärm sei ebenfalls kein Problem. «St.Gallen ist in der Nacht so ruhig. Als nächstes stellen sie die Domglocken ab, weil die zu laut sind.»

Gesellschaft Altstadt Nord-West: «Ideologie, keine Politik»

Uwe Albers, Präsident der Gassengesellschaft Altstadt Nord-West.

Uwe Albers, Präsident der Gassengesellschaft Altstadt Nord-West.

Bild: PD

«Damit werden noch mehr Besucher aus der Stadt vertrieben», sagt Uwe Albers, Präsident der Gassengesellschaft Altstadt Nord-West. Neues Verkehrsregime, höhere Parkgebühren, die Verlegung der Parkplätze unter die Erde: In der Summe würden es die Massnahmen dem Gewerbe immer schwerer machen.

«Das ist keine Politik mehr, das ist Ideologie.»

Wenn es zu kompliziert wird, in der Innenstadt zu parkieren, bleiben die Leute laut Albers weg.

VCS St.Gallen/Appenzell: «Beruhigt die Innenstadt»

Doris Königer, VCS-Vertreterin und Stadtparlamentarierin SP.

Doris Königer, VCS-Vertreterin und Stadtparlamentarierin SP.

Bild: PD

Doris Königer, Vorstandsmitglied der VCS-Sektion St.Gallen/Appenzell, sagt auf Anfrage, die Massnahme trage sicher zur Verkehrsberuhigung der Innenstadt bei. Es sei lobenswert, dass die Stadt so Anreize schaffe, sich eher zu Fuss, mit dem Velo oder dem ÖV im Zentrum zu bewegen.

Königer ortet aber auch in den Aussenquartieren noch Potenzial. Noch immer sei es so, dass in vereinzelten Quartierstrassen das Parkieren immer noch gratis sei, während es in anderen koste. «Das führt zu einer Ungleichbehandlung und müsste dringend vereinheitlicht werden.»

ACS St.Gallen/Appenzell: «Ein hilfloses Getue»

«‹Bitte kommt uns nicht besuchen.› So lautet eigentlich die neue Aufforderung der Stadt», sagt Manfred Trütsch, Präsident des ACS Sektion St.Gallen-Appenzell. Die Ausdehnung der Gebührenpflicht sei alles andere als standortfreundlich. «Erst werden Parkplätze reduziert, dann verteuert – Autofahrerinnen und Autofahrer sind doppelt gestraft.»

Sich preislich anderen Städten anzupassen, sei keine Rechtfertigung. «Eigentlich müssten wir billiger sein als zum Beispiel Luzern, um attraktiv zu sein», sagt Trütsch. Zudem müsste man eher das Konzept von anderen Städten übernehmen: Keine Oberflächenparkplätze, dafür rund um die Innenstadt Tiefgaragen mit genügend Kapazität.

«Das neue Regime ist ein hilfloses Getue.»

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