Wohnungen
Verband will die Stadt «wachküssen»: Der Hauseigentümerverband kritisiert in einer Studie die Stadt St.Gallen

Der Hauseigentümerverband der Stadt hat eine Studie zum Wohnstandort St.Gallen erarbeitet und spart nicht mit Kritik am Stadtrat.

Sandro Büchler
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Am Stadtrand, wie hier im Riethüsli, entsteht neuer Wohnraum.

Am Stadtrand, wie hier im Riethüsli, entsteht neuer Wohnraum.

Bild: Sandro Büchler

Die Stadt habe mehrere Jahre getrödelt, «darum legen wir jetzt den Finger auf die Wunden», sagt Christoph Solenthaler, Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) der Stadt St.Gallen. Am Mittwoch präsentierte der Verband eine Studie zum Wohnstandort St.Gallen. Es ist schon die zweite derartige Studie, die von der Zürcher Fahrländer Partner AG erarbeitet wurde: Bereits 2018 stellte der HEV eine Studie vor, um der städtischen Politik und insbesondere dem Stadtrat die Leviten zu lesen. Die Kritik damals: Steuerzahler wanderten in die Agglomeration ab, die Bevölkerungsentwicklung stagniere, der Steuerfuss sei zu hoch und zu viele Wohnungen stünden leer.

Nun, drei Jahre später, seien zwar erste zaghafte Verbesserungen erkennbar, der Steuerfuss wurde beispielsweise 2019 gesenkt. Das sei aber alles noch zu wenig, wenn es nach Solenthaler geht.

Christoph Solenthaler, Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) der Stadt St.Gallen.

Christoph Solenthaler, Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) der Stadt St.Gallen.

Bild: PD
«Denn die Probleme der Stadt sind vielschichtig.»

Den Dialog zwischen Verband, Wirtschaft und Stadt müsse man konstruktiv weiterführen. «Zusammen Gas geben, mit Fokus aufs Wesentliche», so die Devise des Präsidenten. Obwohl der HEV «die Hand ausstreckt für die Zusammenarbeit», mit Kritik am Stadtrat spart er nicht.

Drei Prozent aller Wohnungen stehen leer

Wie steht es also um die Stadt und deren Wohnqualität? Das weiss Dominik Matter, bei der Fahrländer Partner AG verantwortlich für die St.Galler Wohnstandort-Studie. Er sagt, dass die Bevölkerungszahl nur zögerlich zunehme. «Das Wachstum könnte höher sein.» Doch Stagnation sei immer noch besser als Abwanderung. Zuletzt nahm die Bevölkerungszahl von 2015 bis 2017 minim ab, seither wächst sie leicht, vergangenes Jahr auf knapp über 80000 Einwohnerinnen und Einwohner. Bis 2035 rechnet Matter mit einem Bevölkerungswachstum von 11 Prozent. Mit ähnlichen Zahlen rechnen der Kanton St.Gallen und das Bundesamt für Statistik. Damit ist man aber immer noch weit entfernt vom stadträtlichen Ziel von 100'000 Menschen in St.Gallen.

Dabei stünde genug Wohnraum zur Verfügung. Die zuletzt eher geringe Bautätigkeit ist ein Kapitel der Vergangenheit. 2019 kamen in der Stadt mehr Wohnungen auf den Markt als in den Jahren zuvor (siehe Grafik unten). Doch nicht alle werden gleich vermietet. Drei Prozent aller Wohnungen standen 2020 leer – das sind doppelt so viele wie im Schweizer Durchschnitt. Nur in Lugano stehen mehr Wohnung leer. Hier sind überdurchschnittlich viele Altbauten ungenützt. Doch offenbar gebe es zu wenig Anreize, diese zu renovieren. «Alte Wohnung sind jedoch meist auch günstig.» Fraglich sei deshalb, so Matter, ob es zusätzlichen politischen Druck brauche für günstigen Wohnraum, wenn dieser laut den Ergebnissen vorhanden sei.

Neu gebaute Wohnungen seien hingegen oftmals zu gross und zu teuer, so der Befund der Studie. Insbesondere für Familien sei zu wenig passender Wohnraum in der Stadt zu finden, weshalb Eltern mit Kindern ihr Glück verstärkt in den Agglomerationsgemeinden finden und abwandern. Punkto Wohneigentum seien im Vergleich zu 2018 keine grossen Veränderungen auszumachen. Ein Einfamilienhaus ist auf Stadtgebiet für rund 1,3 Millionen Franken zu haben. Innerhalb der Ostschweiz ist das zwar ein vergleichsweise hoher Preis, im gesamtschweizerischen Mittel aber relativ günstig.

Matter hat auch die Arbeitsmarktsituation analysiert. Auffällig: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus dem Sektor der Unternehmensdienstleistungen wandern ab. Das sind Jobs im Bereich Entwicklung, Konstruktion und Technik, aber auch in der Personalrekrutierung etwa.

«Die Abwanderung ist beunruhigend, denn gerade diese Jobs sind besonders wichtig für die Leistungsfähigkeit der Industrie.»

Langfristig rechnet der Studienautor aber mit 330 neuen Arbeitsplätzen in der Stadt pro Jahr. Die Lage von St.Gallen sei zwar nicht rosig, aber auch nicht hoffnungslos, so Matters Fazit.

Hauseigentümerverband gegen «überdimensioniertes» Busdepot

Die Stadt sei zum Wohnen zu wenig attraktiv, bilanziert der HEV-Präsident. Die mangelnde Standortattraktivität mache ihm «brutal Sorgen».

Um dem Minus der Arbeitskräfte entgegenzuwirken, plädiert Solenthaler für die Einführung von technischen Studiengängen, so etwa neben Architektur auch Systemtechnik oder Maschinenbau. Einer der Hauptgründe für die mangelnde Attraktivität: Die Mobilität. «Die Fahrzeiten auf Strasse und Schiene müssen verringert werden.» Wichtigstes Instrument soll in Zukunft eine Hubstrategie sein. Statt dass alle Busse zum Hauptbahnhof fahren, sollen sie Hubs – etwa in Bruggen, St.Fiden oder Wittenbach – ansteuern. Pendlerinnen und Pendler sollen dort vom Auto und den Bussen auf die S-Bahn umsteigen und schnell ins Stadtzentrum gelangen. Wird die Vision Realität, seien so auch weniger Busse nötig und demzufolge das geplante neue Busdepot im Lerchenfeld unnötig. Solenthaler bezeichnet es als «überdimensionierten Verwaltungskoloss».

Kein gutes Haar lässt er am städtischen Liegenschaftsportfolio. Die Stadt müsse keine zusätzlichen Liegenschaften kaufen, wie sie das unlängst angekündigt hatte, sondern die teils desolaten Immobilien abgeben. «Jeder private Investor hätte längst eingegriffen», sagt Solenthaler. Das Portfolio der Stadt umfasse viele Altliegenschaften, die sie entwickeln, in Kooperation mit Dritten sanieren oder abstossen soll. Privaten Liegenschaftsbesitzern solle die Stadt nicht allzu sehr dreinreden. Ganz generell regle der Markt vieles selbstständig, sagt der ehemalige FDP-Politiker. Die Stadt solle beim Wohnraum Anreize und Spielräume schaffen, anstatt kleinkarierte Regelungen aufzustellen.

Brachliegendes Bahnhofsareal sei ein «Supergau»

Remo Daguati, Geschäftsführer des HEV.

Remo Daguati, Geschäftsführer des HEV.

Bild: PD

Seit 2018 habe man hinter den Kulissen einiges erreicht, sagt Remo Daguati, Geschäftsführer des HEV. Gespräche mit der Stadt, aber auch Investoren, seien erbaulich. Insbesondere die Verkehrsfrage thematisiert Daguati aggressiv.

«Wir weisen auf Systemfehler hin und hoffen, nun das S-Bahn-System rasch heilen zu können.»

Dazu müsse die Stadt zusammen mit dem Kanton bei den SBB und in Bundesbern entschieden Druck ausüben, im Gegenzug aber auch das überdimensionierte Busnetz abbauen. Beim Areal nördlich des Hauptbahnhofs tue sich die Stadt jedoch schwer. «Dass eine solch grosse Fläche mitten im Stadtzentrum brach liegt, ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ein Supergau.»

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