Velofahren im Winter: Mit Schaffell und korrektem Neigungswinkel

Stadt und Verkehrsorganisationen machen sich Sorgen um Velofahrer. Deshalb haben sie eine Wintervelobroschüre veröffentlicht - mit überraschenden Tipps.

Reto Voneschen
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Guter Rat aus der Wintervelobroschüre: Auf Schnee nicht mehr als mit zehn Grad Neigungswinkel in die Kurve liegen.(Bild:PD)

Guter Rat aus der Wintervelobroschüre: Auf Schnee nicht mehr als mit zehn Grad Neigungswinkel in die Kurve liegen.(Bild:PD)

Die Stadt St. Gallen ist besorgt. Und mit ihr TCS, ACS, VCS und Pro Velo. Diese Sorgenfront überrascht. Normalerweise haben bürgerliche und linke Verkehrsorganisationen ihre eigenen getrennten Betroffenheits- und Empörungsfelder. Und die Stadt ist für beide ein beliebtes Feindbild. Für die eine Seite, weil St. Gallen bekanntlich zu wenig für motorisierte Zeitgenossen tut. Für die andere Seite, weil St. Gallen bekanntlich motorisierte Zeitgenossen immer noch verwöhnt.

Bei einem Thema schliessen sich Stadt und Verkehrsorganisationen nun zusammen: Sie machen sich allesamt Sorgen um jene, die auch bei Schnee und Eis mit dem Velo unterwegs sind. Das belegt ein Prospekt, der dieser Tage fleissig unter die Leute gebracht wird. «Velofahren im Winter – Heisse Tipps für die kalte Jahreszeit» heisst er – und zeigt, wie man auf zwei Rädern auf Schnee und Eis richtig unterwegs ist.

Die richtige Kleidung

Die Gedanken ums Velofahren im Winter sind sicher nicht verkehrt. Gerade in St. Gallen, das gemäss Wintervelobroschüre vom Galgentobel auf 500 bis zum Birt auf 1075 Meter über Meer reicht. Zwar fragt man sich, was jemand mit dem Velo bei Tiefschnee im Galgentobel oder auf dem Birt will, aber schliesslich liegt auch der Hauptbahnhof auf 669 Meter über Meer. Dort kann, wenn es Frau Holle wieder einmal ernst meinen sollte, tatsächlich etwas Schnee auf dem Veloweg liegen bleiben. Also wenn das Strasseninspektorat ein Einsehen hat und ihn nicht sofort wieder abräumt.

Wir Velofahrerinnen und Velofahrer, mit und ohne Batteriezusatz, erlauben uns, ob der Fürsorge von Stadt und Verbänden doch etwas gerührt zu sein. Gut, zeitweise erinnert die Broschüre an Grossmutter und glückliche Kindertage: «Bub, bei dem Hudelwetter gehst Du mir nicht ohne Pullover raus!» Aber bei der heutigen Spassgesellschaft weiss man wirklich nie. Drum ist das Kapitel «Die richtige Kleidung» sicher angebracht. Damit jeder weiss, dass man hierzulande im tiefen Winter nicht nur zu Fuss, sondern auch auf dem Velo währschafte Winterkleider, aber sicher nicht Bikini und Badelatschen trägt…

Fahrtipps für die kalte Jahreszeit

Die technischen Tipps sind natürlich auch nicht falsch. Wer ab und zu dem Stadtverkehr zuschaut, weiss beispielsweise, dass vielen Radlern nicht bewusst ist, dass man auch den Drahtesel bei Dunkelheit besser sieht, wenn er beleuchtet ist. Wer dem Stadtverkehr schon länger zuschaut, fragt sich allerdings, ob so eine Erinnerung in Broschürenform bei Uneinsichtigen wirklich nützt. Nachhilfe in Form einer kleinen Velokontrolle beim Ein­dunkeln wäre wohl nachhaltiger.

Und natürlich auch nichts gegen Fahrtipps für die kalte Jahreszeit. Vor allem jener beeindruckt, dass man auf schneebedeckter Fahrbahn nicht zu stark in die Kurve liegen soll. Auf trockener Strasse soll der Neigungswinkel des Velofahrers in der Kurve maximal 42 Grad betragen, auf «vereisten Wegen» sollte er zehn Grad nicht übersteigen. Kein Witz, so steht’s in der Wintervelobroschüre. Womit der geneigte Velofahrer das nächste Mal, wenn er sich zu frech in die Kurve gelegt hat, endlich weiss, wieso er auf die Schnauze gefallen ist: Da war dann einfach der Neigungswinkel wieder einmal zu gross!

Velowege als Zwischenlager für Schnee und Eis

Auch einen alten Kritikpunkt der Unverdrossenen, die noch im wildesten Schneesturm auf dem Velo hocken, nimmt die Wintervelobroschüre von Stadt und Verbänden zum Glück auf: Bei nicht vollständig geräumten «Radwegen oder Radstreifen» darf das Velo auf die Strasse ausweichen.

Der Schneeräumung dienen Velowege immer wieder gerne als Zwischenlager für Schnee und Eis, das auf Fahrbahnen die Autos stört. Wobei es Stellen gibt, an denen das Zwischen- regelmässig zum Endlager wird. Damit ist sichergestellt, dass auch jene, die im Frühling zu früh aufs Velo sitzen, noch mit eisigen Überresten des Winters konfrontiert werden.

Wenn sie die ständigen Klagen der Wintervelofahrer darüber hören, werden Stadtverwaltung und Verkehrsverbände mit Sicherheit sofort Abhilfe schaffen. Vermutlich ist eine zweite Broschüre schon in Vorbereitung. Ein wirklich schöner Titel für sie wäre: «Schneeräumung und Velowege – Heisse Tipps für die kalte Jahreszeit».