«Urban Heating»
«Mehr Grün und Blau statt Grau»: Mit diesem Massnahmen will die Stadt an Hitzetagen für Abkühlung sorgen

In St.Gallen wird es in den Sommermonaten immer heisser. Nun macht die Stadt Vorschläge, wie die Hitze künftig vermindert werden soll. Die Kurzform: Mit mehr Bäumen und Sträuchern, mehr verdunstendem Wasser, weniger Asphalt.

Sandro Büchler
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Asphalt ist nicht gleich Asphalt: Ein hellerer Belag heizt an einem Sommertag weniger auf als ein pechschwarzer Strassenbelag. Bauarbeiter machen den Belag an der St.Leonhardsstrasse neu. Im Hintergrund das «Leopard»-Gebäude.

Asphalt ist nicht gleich Asphalt: Ein hellerer Belag heizt an einem Sommertag weniger auf als ein pechschwarzer Strassenbelag. Bauarbeiter machen den Belag an der St.Leonhardsstrasse neu. Im Hintergrund das «Leopard»-Gebäude.

Bild: Urs Jaudas (11. Juli 2010)

So hat man die Stadt noch nie gesehen: Im Fachbericht zum Stadtklima präsentiert sich St.Gallen durch die Brille einer Wärmebildkamera. Zahlreiche Beispiele im am Mittwoch veröffentlichten Bericht zur Hitzeminderung zeigen, wie unterschiedlich sich in der Stadt die Temperaturen an einem Hitzetag entwickeln:

So heizt der Asphalt der Vadianstrasse bis um 16 Uhr auf bis zu 48 Grad auf. Der gelb bemalte Kreuzungsbereich vor dem Schulhaus St.Leonhard ist im gleichen Moment aber nur 38 Grad warm. Zehn Grad Unterschied.

Bilder: Stadt St.Gallen

Bis zu 32 Grad in der Innenstadt

Ein ähnlicher Effekt ist beim «Leopard»-Haus an der St.Leonhard-Strasse zu beobachten. Während sich die dunkelgrauen Fassadenelemente auf 50 Grad erhitzen, zeigt das Thermometer bei den gelben Fassadenstücken nur 39 Grad.

Die Wärmebildkamera zeigt: Beim «Leopard»-Gebäude werden die dunklen Fassadenelemente über 50 Grad heiss (rot), die hellen sind lediglich 39 Grad warm.

Die Wärmebildkamera zeigt: Beim «Leopard»-Gebäude werden die dunklen Fassadenelemente über 50 Grad heiss (rot), die hellen sind lediglich 39 Grad warm.

Bild: Stadt St.Gallen (11. August 2020)

Zudem zeigen Berechnungen für das ganze Stadtgebiet Unterschiede: An einem Hitzetag liegen die Temperaturen in der Innenstadt um 16 Uhr grossflächig um die 32 Grad.

Im Sittertobel und in den Wäldern herrschen jedoch angenehme 25 Grad. Noch keine bahnbrechende Erkenntnis. Spannend wird es um 5 Uhr morgens: Im Zentrum liegt die Lufttemperatur bei 18 bis 19 Grad. Schon deutlich über 20 Grad ist es frühmorgens allerdings auf dem Rosenberg.

Lufttemperaturkarte an einem Hitzetag in St.Gallen

Stadt St.Gallen

Anpassung an den Klimawandel rückt stärker in den Fokus

Trockene Sommer, intensivere Niederschläge, mehr Hitzetage sowie schneearme Winter sind absehbare Folgen des Klimawandels. Auch in St.Gallen werden Hitzewellen und Tropennächte häufiger. «In den vergangenen Jahren standen in St.Gallen Massnahmen zum Klimaschutz, zur Senkung des CO2-Ausstosses im Vordergrund», sagt Karin Hungerbühler, Leiterin der Dienststelle Umwelt und Energie.

Karin Hungerbühler, Leiterin der Dienststelle Umwelt und Energie.

Karin Hungerbühler, Leiterin der Dienststelle Umwelt und Energie.

Bild: PD

Doch nun rücke zunehmend auch die Frage in den Fokus, wie sich die Stadt an den Klimawandel anpassen könne.

«Bisher wurde ‹Urban Heating› meist nur punktuell angeschaut. Mit dem Bericht wollen wir dies nun ganzheitlich betrachten.»

Der Stadtklimabericht benennt fünf Handlungsfelder. Die Maxime darin: «Mehr Grün und Blau statt Grau». Mit Vegetation (Grün) und Verdunstung von Wasser (Blau) könne die Temperatur gesenkt werden. Zudem soll die Versiegelung reduziert und auf dunkle Baumaterialien (Grau) verzichtet werden, was den Anstieg der Temperaturen in Hitzeperioden abschwächen soll. Im Detail:

  • Klimaoptimiertes Bauen: Nachts fliesst kühlere Luft aus höheren Lagen an den Hängen entlang in die Stadt. Dieser Kaltluftzufluss soll nicht durch hangparallele Gebäude verhindert werden. Zudem soll beim Bau neuer Gebäude auf eine optimale, natürliche Beschattung achtgegeben werden.
Das Birnbäumen-Quartier: In den Nächten strömt aus höheren Lagen kühle Luft den Hang hinunter in die Stadt. Hangparallele Gebäude können den Kaltluftzufluss blockieren.

Das Birnbäumen-Quartier: In den Nächten strömt aus höheren Lagen kühle Luft den Hang hinunter in die Stadt. Hangparallele Gebäude können den Kaltluftzufluss blockieren.

Bild: Urs Jaudas (22. November 2012)
  • Wahl der Baumaterialien: Weisse oder holzige Fassaden sind zu bevorzugen, da sie die Temperaturen weniger stark ansteigen lassen. Besser Gras oder Kies statt Asphalt, da der Boden so weniger heiss wird und mehr Wasser speichern kann.
  • Gebäude begrünen: In der Stadt stehen rund 140 Hektaren Gebäude mit Flachdächern, nur eines von fünf Dächern ist jedoch begrünt. In der Bauordnung schreibt die Stadt für Flachdächer mit mehr als 100 Quadratmetern bereits heute Begrünung vor.
Die Stadt geht mit gutem Beispiel voran: Das Schrägdach des Werkhofs von Stadtgrün im Stephanshorn-Quartier ist begrünt.

Die Stadt geht mit gutem Beispiel voran: Das Schrägdach des Werkhofs von Stadtgrün im Stephanshorn-Quartier ist begrünt.

Bild: Stadt St.Gallen
  • Grünflächen und unversiegelte Flächen erhalten und schaffen: Zusätzliche Laubbäume sollen in Pärken gepflanzt, entlang von Strassen und Velowegen Baumalleen angelegt werden. Städtische Plätze können partiell entsiegelt und begrünt werden. Bei ungebundener Pflästerung kann Wasser verdunsten und erhitzt sich so weniger.
  • Wasserflächen fördern: Zudem sollen Bachfreilegungen gefördert, vermehrt Brunnen und Wasserspiele gebaut und nach Möglichkeit Weiher und Biotope angelegt werden.

Was bedeutet das 32-Seiten-Papier nun für St.Gallen? Stadtgrün-Leiter Adrian Stolz sagt:

Adrian Stolz, Leiter Dienststelle Stadtgrün.

Adrian Stolz, Leiter Dienststelle Stadtgrün.

Bild: Raphael Rohner
«Es zeigt aus fachlicher Sicht die Bandbreite auf, was möglich ist.»

Da es aber für viele Massnahmen keine gesetzliche Grundlage gebe, soll mit dem Bericht vor allem sensibilisiert werden. Man wolle Bauherren, Architektinnen und Raumplanende über die Thematik informieren. «Sodass jeder weiss, was wirkt und man das Mikroklima von Anfang an – schon in der Planungsphase – mitberücksichtigt», sagt Stolz.

Stadt kann häufig nur appellieren

Die Stadt gehe mit gutem Beispiel voran: «Wenn wir einen neuen Kindergarten oder ein neues Schulhaus bauen, können wir in der Ausschreibung des Projekts Vorgaben integrieren.» Bauen jedoch Private, kann die Stadt nur bei einem Sondernutzungsplan einen gewissen Einfluss nehmen. Bei allen anderen Bauprojekten könne die Stadt laut Stolz nur appellieren:

«Schaut darauf, damit in den kommenden Jahrzehnten die gute Lebensqualität der Stadt St.Gallen auch in den heissen Sommermonaten erhalten bleibt.»

Oft seien der Stadt jedoch die Hände gebunden: «Wir können nicht wahllos Bäume entlang einer Strasse pflanzen, denn viele Normen und Gesetze müssen eingehalten werden, beispielsweise für die Verkehrssicherheit.» Auch als extremes Forderungspapier will Stolz den Bericht nicht verstanden haben. «Pflanzen und Bäume sollen an den richtigen Ort. Aber wir werden jetzt nicht Häuser abbrechen, um Pärke zu bauen, oder die Kathedrale begrünen.»

Hinweis: Den ganzen Bericht gibt es hier.