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«Urban-Heating-Effekt»: Zu viele ungesunde Sommernächte in der St.Galler Innenstadt

Ein langer und heisser Sommer liegt hinter uns. Trotz seiner Höhenlage spürte auch St.Gallen den Urban-Heating-Effekt: Beton und Asphalt speichern Wärme, und die Stadt kühlt auch in der Nacht kaum ab. Das kann die Gesundheit gefährden.
Daniel Wirth
Temperatur-Zonen in St.Gallen und Umgebung um 16 Uhr. (Grafiken: Stefan Bogner)

Temperatur-Zonen in St.Gallen und Umgebung um 16 Uhr. (Grafiken: Stefan Bogner)

«Wir machen uns Sorge um das Klima weltweit und das städtische im Speziellen»: Das schreiben die Grünen-Stadtparlamentarier Andreas Hobi, Clemens Müller und Veronika Meyer in einer Einfachen Anfrage, die sie dem Stadtrat am 19. August eingereicht haben.

Der Titel ihres Vorstosses: «Wie agiert die Stadt St. Gallen in Sachen Klimawandel konkret?» Die Antwort des Stadtrates steht noch aus. Wegen des Erstinformationsrechts des Parlamentes gibt es von den Leitern der zuständigen Dienststellen «Stadtplanung» und «Umwelt und Energie» keine Auskunft zu diesem Thema. Fakt ist: Beide Dienststellen erarbeiten gegenwärtig gemeinsam ein Umweltkonzept. Dieses soll Handlungsfelder aufzeigen zu Themen des Klimawandels wie Biodiversität, Boden, Klima, Lärm, Luft, Suffizienz, Strahlung und Wasser.

Die geografische Lage der Stadt St.Gallen ist eine spezielle: Ein Grossteil des Siedlungsgebietes liegt in einem Hochtal. Die auf Wetterdaten spezialisierte St.Galler Firma Meteomatics AG hat in diesem Sommer während rund zehn Wochen für das «St.Galler Tagblatt» die Temperaturen von einer Station von Meteo Schweiz und rund 150 Netatmo-Wetterstationen von Privatpersonen untersucht.

Die Temperatur-Zonen um 18 Uhr.

Die Temperatur-Zonen um 18 Uhr.

Netatmo ist eine Firma mit Sitz in Frankreich, die smarte Wetterstationen in 170 Ländern verkauft und deren Daten auf einer Weathermap im Internet öffentlich zugänglich sind. Die Erkenntnis: In der Stadt St.Gallen gab es in diesem Sommer grosse Temperaturunterschiede: Die Innenstadt zwischen Spisertor und Kirche St.Leonhard, St.Fiden und das Industriegebiet St.Gallen-West sind sogenannte Wärmeinseln. «Wegen des Betons und der grossen Flächen Asphalts auf Strassen und Parkplätzen kühlen diese Gebiete auch nachts nur sehr langsam ab», sagt Nadja Omanovic, Umweltnaturwissenschafterin bei der Meteomatics AG. Unter Meteorologen spreche man hier vom Urban-Heating-Effekt. Dieser sei in St.Gallen nicht so ausgeprägt wie in Megacitys wie etwa London oder Los Angeles, aber spürbar.

Spätabends oft noch über 25 Grad

Am 22. August beispielsweise, drei Tage nach der Eingabe der Grünen-Anfrage zum Klimawandel, wurden in der Innenstadt und in St.Fiden um 22 Uhr noch Temperaturen von deutlich über 25 Grad Celsius gemessen. «Solche Tage gab es in diesem Sommer relativ oft», sagt Nadja Omanovic. In Wohngebieten, die weniger dicht überbaut sind als die Innenstadt, war es zum gleichen Zeitpunkt rund drei bis vier Grad kühler, und am Rand der besiedelten Gebiete, etwa auf Drei Weieren oder auf Peter und Paul, war es bis zu fünf Grad kühler als in der Innenstadt. Das hat gemäss Omanovic zum einen mit den grösseren Grünflächen und Freiräumen an der Peripherie zu tun, zum anderen mit den unterschiedlichen Höhenlagen der Stadt.

Deutlich zu sehen: Abends um 20 Uhr bleibt es in der Innenstadt warm.

Deutlich zu sehen: Abends um 20 Uhr bleibt es in der Innenstadt warm.

SP-Stadtparlamentarierin Doris Königer hatte bereits im August 2017 eine Einfache Anfrage zum Thema «Wärmeinseln» eingereicht. In seiner Antwort auf den Vorstoss der Sozialdemokratin schrieb der Stadtrat: «Untersuchungen der ETH Zürich während der Hitzewelle im Juni 2017 in Zürich zeigten, dass der Stadt-Land-Unterschied bei bis zu sechs Grad lag.» Solch grosse Differenzen habe es im Sommer dieses Jahres auch in der Stadt St.Gallen gegeben, sagt Omanovic. «Und zwar regelmässig.»

Klimaforscher gehen davon aus, dass Hitzewellen und lange Trockenperioden sich häufen werden und die Durchschnittstemperatur auch in unseren Breitengraden ansteigen wird. In Städten kann die Wirkung hoher Temperaturen verstärkt werden durch eingeschränkte Windzirkulation, mangelnde Beschattung, weniger Grünflächen, Apsorption und Speicherung der Sonnenstrahlung durch versiegelte Flächen, Abwärme von industriellen Anlagen und durch den Verkehr, sagt Omanovic. Und genau das schreibt der Stadtrat in seiner Antwort auf Königers Einfache Anfrage.

Auch um 22 Uhr ist es in der Stadt wärmer als im Umland.

Auch um 22 Uhr ist es in der Stadt wärmer als im Umland.

Und weiter: Im sich in Arbeit befindlichen Umweltkonzept würden Strategien und Massnahmen zur Klimaanpassung definiert, wovon eine die genauere Abklärung der Wärminseln auf Stadtgebiet sei. Bei den wichtigen Entwicklungsgebieten Platztor, St.Fiden und Güterbahnhof werde dem Wärmeinsel-Effekt von Anfang an die nötige Beachtung geschenkt. In St.Fiden beispielsweise betrage das Verhältnis versiegelter Flächen zu Grünflächen heute nahezu 100 Prozent. Es sei unbedingt anzustreben, dieses Verhältnis bei der künftigen Überbauung zu reduzieren, schreibt der Stadtrat. Das zeigt: Der Urban-Heating-Effekt bei den Stadtplanern ein Thema. Das müsse es auch sein, sagt Umweltnaturwissenschafterin Nadja Omanovic.

«Nächte mit Temperaturen von über 25 Grad können gesundheitsgefährdend sein, weil sie bei Kleinkindern und betagten Menschen körperlichen Stress auslösen.»

Leute mit Lungenkrankheiten sind besonders anfällig

Robert Sieber, Chefarzt der Notaufnahme am Kantonsspital St.Gallen, stützt die Aussage der Wetterfachfrau, relativiert sie aber auch. Es sei eine Tatsache, dass im extrem heissen und langen Sommer im Jahr 2003 in den Städten überdurchschnittlich viele und deutlich mehr Leute gestorben seien als auf dem Land. Hitzewellen hätten zur Folge, dass in den Städten mit Häuserschluchten die Luft nicht mehr zirkuliere und sich Ozon und Feinstaub ansammelten. Leute mit Lungenkrankheiten mache das zu schaffen.

«Anhaltende Hitze und Windstille können zu Unwohlsein führen», sagt Sieber. Und Unwohlsein könne Gesamtkörperstress auslösen. Allerdings räumt der Mediziner ein, blase im Hochtal, in dem St.Gallen liege, relativ häufig eine Bise oder der Föhn. Darum zirkuliere hier die Luft stärker als in grossen Städten in der Ebene.

Die Aussagen der Umweltnaturwissenschafterin und des Chefarztes machen deutlich: Ein städtisches Umweltkonzept sollte kein Papiertiger werden.

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