Untereggen
Mehr Hühner, mehr Sozialfälle und einige Wegzüge aus dem Dorf: «Wenn es so weiter geht, müssen wir über den Steuerfuss reden»

Untereggen spart beim öffentlichen Verkehr: Die Postautohaltestelle Martinsbrücke wird aufgehoben und auf Gemeinde-GAs wird verzichtet. Grund für den Sparhammer ist das Budget 2021, das alles andere als rosig ist.

Melissa Müller
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Über das Goldachtobel ist eine Velobrücke geplant. Beim ÖV spart die Gemeinde Untereggen hingegen.

Über das Goldachtobel ist eine Velobrücke geplant. Beim ÖV spart die Gemeinde Untereggen hingegen.

Bild: Jolanda Riedener

Untereggen schrumpft. Die Bevölkerungszahl ist 2020 gegenüber dem Vorjahr um 11 Personen auf 1029 Einwohnerinnen und Einwohner gesunken. Es gab 40 Zuzüge und 50 Wegzüge. Gewachsen ist die Population nur beim Federvieh: von 163 auf 280 Hühner. «Wir sind ein landwirtschaftliches Dorf», sagt Gemeindepräsident Norbert Rüttimann. Hat es an Attraktivität eingebüsst? «Wir haben viele Junge, die von zu Hause ausziehen. Auch Mietwohnungen haben wir nicht allzu viele», sagt Rüttimann, der Land umzonen will, um die Gemeinde zu entwickeln. 2020 waren auf vier Baustellen im Dorf 12 zusätzliche Wohnungen im Bau, Baugesuche für 16 weitere Wohnungen wurden eingereicht.

Besser gewirtschaftet als budgetiert

Insgesamt hat die Gemeinde 3,56 Millionen Franken an Steuern eingenommen. Budgetiert waren 3,55 Millionen Franken. Wie die Erfolgsrechnung zeigt, hat die Gemeinde besser gewirtschaftet als budgetiert: Sie schliesst mit einem Aufwandüberschuss von 88’166 Franken (Vorjahr: 49’842 Franken) ab. Gegenüber dem budgetierten Aufwandüberschuss von 220’830 Franken ergibt dies eine Besserstellung von 132’663 Franken. Verschiedene Mehreinnahmen und Minderausgaben hätten zu diesem Ergebnis geführt.

«Das Budget 2021 ist jedoch nicht rosig», sagt der Gemeindepräsident. «Ein, zwei Mal können wir ein solch negatives Ergebnis mit unserem Eigenkapital ausbügeln, weil wir keine Schulden haben. Aber wenn es so weiter geht, müssen wir über den Steuerfuss diskutieren.» Dieser liegt in Untereggen mit 119 Prozent höher als in umliegenden Gemeinden wie etwa Thal, wo er 89 Prozent beträgt.

«Das liegt daran, dass Thal Industrie hat und wir kaum.»
Norbert Rüttimann, Gemeindepräsident von Untereggen, hofft auf Besserung bei den Gemeindefinanzen.

Norbert Rüttimann, Gemeindepräsident von Untereggen, hofft auf Besserung bei den Gemeindefinanzen.

Bild: Ralph Ribi

22'000 Franken mehr für die Sozialhilfe ausgegeben

Rüttimann hofft auf Besserung. Doch der Geschäftsbericht der Gemeinde sorgt nicht für Champagnerstimmung: «Es werden coronabedingt tiefere Steuererträge erwartet», heisst es darin. Dazu kommt, dass 2020 die Zahl der Sozialhilfefälle zugenommen hat. Betrug die Nettobelastung 2019 noch 36’146 Franken, so belaufen sich diese Ausgaben 2020 auf 58’116 Franken. «Wir haben ein paar Fälle, die sich im Budget niederschlagen», sagt Rüttimann. Wesentlich mehr ältere Untereggerinnen und Unteregger müssen ausserdem Pflegefinanzierung beanspruchen.

Haltestelle Martinsbrücke wird ab Dezember nicht mehr bedient

Der Gemeinderat hat angeordnet, dass im Alltag und vor allem im Budget 2021 jede Ausgabe kritisch hinterfragt wird. So wurde beim Kanton zusammen mit den Nachbargemeinden St.Gallen und Eggersriet beantragt, dass die mit nur zwei bis vier Ein- oder Aussteiger pro Tag frequentierte Haltestelle Martinsbrücke aufgehoben wird. Auf der Linie St.Gallen-Rheineck wird diese bereits ab diesem Fahrplanwechsel nicht mehr bedient, auf der Linie St.Gallen-Heiden ab Dezember 2021. Die Einsparung für die Gemeinde Untereggen betrage über 40’000 Franken im Jahr.

Schluss mit den Gemeinde-GAs

Der Gemeinderat hat auch beschlossen, künftig keine Generalabonnemente mehr anzubieten. Der Anteil der verkauften Tageskarten an die Unteregger Bevölkerung habe nur knapp 25 Prozent betragen. «Auch so können wir einige tausend Franken einsparen», sagt Rüttimann.

Ein Schüler kostet die Gemeinde 20'000 Franken pro Jahr

Ein Jahrgang mit wenigen Schülern verlässt die Oberstufe, eine geburtenstarke Klasse folgt. Jeder Schüler kostet die Gemeinde rund 20'000 Franken pro Jahr. «Zehn Schüler mehr, das ergibt für so eine kleine Gemeinde wie Untereggen Mehrkosten von 200'000 Franken pro Jahr», gibt Norbert Rüttimann zu Bedenken.

In der Primarschule wurden überdurchschnittlich viele Abklärungen und Beratungsgespräche durchgeführt. Die Kosten für sonderpädagogische Massnahmen würden wohl auch in den nächsten Jahren steigen, mutmasst die Bildungskommission.

Weiterhin müssen aufgrund der höheren Anzahl an Kindern wiederum zwei Kindergartenklassen geführt werden. Die Zahlen sind allerdings sinkend, sodass ab dem Schuljahr 2022/2023 nur noch eine Klasse geführt wird. Dies hat Auswirkungen auf die Primarschule. Auch dort werden die Schülerzahlen voraussichtlich sinken.

Der Gemeinderat sagt die für den 29. März angesetzte Bürgerversammlung ab. Für die Versammlungsgeschäfte wird am Sonntag, 11. April, eine Urnenabstimmung durchgeführt. Norbert Rüttimann bedauert die Absage der Versammlung mit dem direkten Kontakt zur Bevölkerung. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger könnten sich mit ihren Anliegen jederzeit an ihn oder die Gemeindeverwaltung richten. «Wir haben ein offenes Ohr.»