«Unsere ersten Erfahrungen sind sehr positiv»: Diese St.Galler Primarschule hat die Hausaufgaben abgeschafft

Die Primarschule Feldli-Schoren hat die Hausaufgaben versuchsweise für ein halbes Jahr abgeschafft. Jetzt wird das Experiment verlängert.

Christina Weder
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Die Hausaufgaben wurden nicht ersatzlos gestrichen. Neu findet viermal pro Woche eine Lernzeit statt, die von der Lehrperson betreut wird.

Die Hausaufgaben wurden nicht ersatzlos gestrichen. Neu findet viermal pro Woche eine Lernzeit statt, die von der Lehrperson betreut wird.

Bild: Lisa Jenny

Für die einen sind sie ein notwendiges Übel, für die anderen ein Reizthema: die Hausaufgaben. Kinder aus den Primarschulhäusern Feldli und Schoren müssen sich seit den Sommerferien nicht mehr damit herumschlagen. Dort wurden die Hausaufgaben von der ersten bis zur sechsten Klasse für ein halbes Jahr abgeschafft.

Ralf Schäpper, Schulleiter  Primarschule Feldli-Schoren

Ralf Schäpper, Schulleiter
Primarschule Feldli-Schoren

Bild: Lisa Jenny

Nun wird das Experiment um ein weiteres halbes Jahr verlängert, da die Zeitspanne für die Evaluation zu kurz gewesen sei, wie Schulleiter Ralf Schäpper bestätigt.

«Unsere ersten Erfahrungen sind sehr positiv.»

Das Experiment wurde aufgegleist, bevor Schäpper vor einem halben Jahr die Stelle als Schulleiter angetreten hat. Er sei aber sofort bereit gewesen, es umzusetzen. «Für viele Kinder sind die Hausaufgaben ein Stress», begründet er.

«Schülerinnen und Schüler, deren Eltern arbeiten oder aus bildungsfernen Schichten stammen, können niemanden um Hilfe fragen.»

Das Hauptargument für die Abschaffung der Hausaufgaben sei denn auch die Chancengleichheit gewesen (siehe Interview unten). Doch es gebe weitere Gründe: So ist der Nutzen der Hausaufgaben unter Bildungsforschern umstritten. Einer der Kritiker ist der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo, der seit Jahren für die Abschaffung der Ufzgi plädiert. Lehrer und Kinder würden damit nur schikaniert.

Lernzeit im Klassenzimmer statt Hausaufgaben: Die Fünft- und Sechstklässler im Schulhaus Feldli wählen selbstständig, woran sie arbeiten wollen.

Lernzeit im Klassenzimmer statt Hausaufgaben: Die Fünft- und Sechstklässler im Schulhaus Feldli wählen selbstständig, woran sie arbeiten wollen.

Bild: Lisa Jenny

Primarschüler sieht Abschaffung auch kritisch

Bei den Sechstklässlern aus dem Schulhaus Feldli kommt die Neuerung jedenfalls gut an. «Ich habe die Hausaufgaben nicht gehasst, aber auch nicht geliebt», sagt etwa der 11-jährige Jamal. Doch manchmal hätten sie ihn gestresst. Vor allem bei schönem Wetter, wenn er lieber draussen gespielt hätte, aber zuerst drinnen die Hausaufgaben erledigen musste. Für ihn ist klar:

«Ohne Ufzgi ist es viel entspannter.»

Und dennoch sieht er den Versuch auch kritisch: «Wenn man in die Sek kommt, hat man mega viele Hausaufgaben.» Darauf müsse man vorbereitet sein.

Die 12-jährige Ina findet es positiv, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr ermahnen müssen: «Jetzt mach mal die Ufzgi! Zeig mal das Aufgabenheft!» Das sei für viele ihrer Mitschüler eine Belastung gewesen. Schön sei auch, dass sie jetzt Zuhause mehr Zeit zum Bücherlesen und für ihre anderen Hobbys habe, denen sie an drei Nachmittagen pro Woche nachgeht. Zwischen Schule und Hobby sei die Zeit jeweils knapp gewesen, um auch noch Hausaufgaben zu lösen.

«Jetzt kann ich etwas für die Schule tun, wenn ich Lust dazu habe. Ich muss aber nicht.»

Die Lehrerin fühlt sich nicht mehr als Polizistin

Lehrerin Liridona Fetahu sagt, von der Abschaffung der Hausaufgaben könnten jene Kinder profitieren, die viele Hobbys hätten, aber auch jene, die teils überfordert seien. Es sei eine Entlastung für alle – nicht zuletzt für sie als Lehrerin. «Ich muss nicht mehr jeden Morgen die Polizistin spielen und als erstes die Hausaufgaben kontrollieren.»

Meist hatten ein paar Kinder die Ufzgi nicht gemacht, andere hatten sie nicht verstanden. Und wieder andere die Hefte zu Hause vergessen. «Da lag immer schon etwas Negatives in der Luft.» Nun könne die Klasse anders in den Tag starten. Die Zeit, die sie früher brauchte, um die Hausaufgaben einzusammeln und zu kontrollieren, werde nun fürs Lernen genutzt.

Die Hausaufgaben wurden in den beiden Schulhäusern nicht ersatzlos gestrichen. Neu findet viermal pro Woche eine 20- bis 30-minütige Lernzeit statt, die von der Lehrperson betreut wird. Die Fünft- und Sechstklässler von Liridona Fetahu kommen morgens um 7.50Uhr ins Klassenzimmer und finden an der Tafel eine Reihe von Aufgaben vor. Sie setzen sich an ihre Pulte und entscheiden selbstständig, in welchem Fach sie weiterarbeiten wollen.

Zwei Schülerinnen lernen Englisch zusammen.

Zwei Schülerinnen lernen Englisch zusammen.

Bild: Lisa Jenny

Während die einen Kinder Englischwörtli büffeln, schreiben die anderen einen Französischtext ins Reine oder lösen Matheaufgaben. Die Lehrerin betreut jene Schüler, die Unterstützung brauchen oder eine Frage haben. Liridona Fetahu ist überzeugt, dass die Schüler von der Lernzeit mehr profitieren als von den Hausaufgaben.

Sechstklässlerin Esma ist jedenfalls froh, dass sie in der betreuten Aufgabenstunde die Lehrerin fragen kann, wenn sie unsicher ist oder nicht weiter weiss. Als sie noch Zuhause Hausaufgaben machen musste, half ihr manchmal die ältere Schwester, doch die hatte immer weniger Zeit.

«Wenn ich die Ufzgi nicht verstanden habe, musste ich sie ungelöst in die Schule mitbringen und dann die Lehrerin fragen.»

Das sei ein blödes Gefühl gewesen, sagt die 11-Jährige, die zu Hause Albanisch spricht. «Ausserdem hat es Striche gegeben, wenn man die Aufgaben vergessen hat.»

Das weiss auch der 12-jährige Ayuub, dessen Eltern aus Somalia stammen. Einmal habe er eine Strafaufgabe lösen müssen, weil er fünf Striche hatte. Auf Tests kann sich Ayuub nur mit seiner jüngeren Schwester vorbereiten. Die neu eingeführte Lernzeit findet er «cool». Manchmal komme er nun früher in die Schule, um noch etwas fertig zu machen.

Viele Schüler werden dank der Lernzeit entlastet.

Viele Schüler werden dank der Lernzeit entlastet.

Bild: Lisa Jenny

Kritikpunkt: Eltern erhalten weniger Einblick

Seit es keine Hausaufgaben mehr gibt, sei mehr Ruhe im Schulhaus eingekehrt, beobachtet Heilpädagogin Ursula Hartz. «Die Atmosphäre hat sich verbessert.» Viele Kinder seien entlastet. Man müsse sie weniger ermahnen und weniger schimpfen.

«Unser Ziel ist es, die Lernfreude und die Selbstverantwortung zu fördern.»

Da sei man auf gutem Weg, sagt Hartz.

Rückmeldungen von Elternseite seien mehrheitlich positiv, sagt Schulleiter Ralf Schäpper. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Manche Eltern finden es schade, dass sie weniger Einblick erhalten, was ihre Kinder in der Schule überhaupt machen. Dank der Hausaufgaben waren sie früher informiert. «Diesen Einblick müssen wir weiterhin gewährleisten», sagt Schäpper.

Er plant deshalb, dass Eltern wöchentlich Rückmeldungen der Lehrpersonen erhalten. «Wir entwickeln das Projekt laufend weiter», sagt er. Vor den Sommerferien soll es evaluiert werden. Ob es danach mit oder ohne Hausaufgaben weitergeht, ist noch offen.

Das sagt der Schulleiter dazu: «Nach sieben Schulstunden sollen die Kinder nicht zu Hause ans Pult sitzen»


Die Schule entwickelt sich, der Lehrplan ist neu, die Lehrmittel wechseln. Nur an den Hausaufgaben darf man nicht rütteln. Das müsse nicht sein, findet Ralf Schäpper, Schulleiter der Primarschule Feldli-Schoren.

Warum haben Sie in der Primarschule Feldli-Schoren die Hausaufgaben abgeschafft?

Ralf Schäpper: Es geht uns in erster Linie um die Chancengleichheit. Zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Familien gibt es grosse Unterschiede. Für Kinder, die ihre Eltern nicht um Rat oder Hilfe fragen können, sind die Hausaufgaben ein Stress. Wir wollen aber auch die Familien allgemein entlasten. Wenn die Kinder nach sieben Lektionen aus der Schule kommen, sollen sie sich zu Hause nicht nochmals ans Pult setzen müssen.

Welche Erfahrungen haben Sie in diesem halben Jahr ohne Hausaufgaben gemacht?

Mehrheitlich positive. Ich habe immer wieder den Unterricht besucht und mir einen Einblick in die Lernzeit am Morgen verschafft. Es herrscht eine gute Lernatmosphäre. Das Belastende, wenn die Lehrperson am Morgen die Hausaufgaben kontrolliert, fällt weg.

Hausaufgaben fördern Eigenschaften wie Selbstständigkeit oder Pflichtbewusstsein, die im Berufsleben wichtig sind, sagen die Befürworter. Was halten Sie davon?

Wir sind überzeugt, dass wir diese Selbstständigkeit auch anders erreichen können. Dafür müssen wir den Kindern nicht ein Arbeitsblatt nach Hause mitgeben, das die einen überfordert, während es die anderen schon längst lösen können. Hausaufgaben müssten viel individualisierter gegeben werden, damit sie einen Nutzen haben. In der Lernzeit, die wir eingeführt haben, entscheiden die Kinder selber, woran sie arbeiten. Damit fördern wir das eigenständige Lernen.

Welche Reaktionen haben Sie von Eltern erhalten?

Ich habe einige positive Mails von Müttern und Vätern erhalten, die jetzt mehr Zeit für die Familie, den Sport und die Musik haben. Sie schreiben, dass sich der Stress, den die Hausaufgaben verursacht haben, verringert hat. Es gibt aber auch Stimmen, die am liebsten alles beim Alten lassen wollen.

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