Umwelt- und Familienpolitik
Ungewöhnlicher Vorstoss im St.Galler Stadtparlament: Grüner Politiker will Subventionen für Babywindeln prüfen

Die jährliche Abfalllawine um 800 Tonnen «Nassmüll» entlasten und gleichzeitig junge Eltern unterstützen: In einem am Dienstag eingereichten Postulat fordert ein grüner Stadtparlamentarier einen Bericht darüber, wie man in St.Gallen die Verwendung von Mehrwegwindeln fördern könnte.

Reto Voneschen
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Jährlich landen schätzungsweise 800 Tonnen Wegwerfwindeln alleine in der Stadt St.Gallen als «Nassmüll» in der Kehrichtverbrennung.

Jährlich landen schätzungsweise 800 Tonnen Wegwerfwindeln alleine in der Stadt St.Gallen als «Nassmüll» in der Kehrichtverbrennung.

Bild: Hannes Thalmann

Da soll mal einer sagen, das Stadtparlament sei nicht nahe am Alltag von St.Gallerinnen und St.Gallern. Ende September 2020 hat es – Jungsozialistin Andrea Scheck sei Dank - über Menstruationsartikel diskutiert. Und an einer seiner nächsten Sitzungen wird es um Windeln gehen. Der Grüne Daniel Bosshard hat nämlich an der Parlamentssitzung vom Dienstag ein Postulat eingereicht, mit dem er die Stadtregierung beauftragen will, einen Bericht zu schreiben über Möglichkeiten zur Förderung von Mehrwegwindeln.

Davon, dass mehr junge Eltern ihren Kindern Mehrwegwindeln aus Stoff anstelle der heute meist gängigen Wegwerfwindeln aus Papier und Kunststoff anziehen, erhofft sich Bosshard einen namhaften Beitrag zur Abfallvermeidung. Und wenn die Stadt dies durch Beiträge an die Beschaffung der Stoffwindeln fördern würde, könnte sie gleichzeitig junge Eltern finanziell entlasten. Das wäre wohl auf Neudeutsch eine Win-Win-Situation. Mindestens für die Umweltbilanz der Stadt und die Eltern.

Jährlich werden rund 800 Tonnen Windeln als «Nassmüll» entsorgt

Zur Begründung seiner Idee legt Daniel Bosshard Zahlen vor, die man so wohl noch nie gelesen hat: Wegwerfwindeln machen rund zehn Prozent der Gesamtmenge des Kehrichts aus Stadtsanktgaller Haushaltungen aus. Ein Kind benötigt bis zum «trocken» werden rund 5'500 Windeln. Mit Wegwerfwindeln produziert es in diesem Lebensabschnitt über eine Tonne «Nassmüll». In St.Gallen gelangen pro Jahr rund 800 Tonnen dreckige Wegwerfwindeln in die Kehrichtverbrennung, rechnet Bosshard vor.

Der grüne Stadtparlamentarier Daniel Bosshard.

Der grüne Stadtparlamentarier Daniel Bosshard.

Bild: PD/Christian Widmer

Wegwerfwindeln landen nach einmaligem Gebrauch im Kehrichtsack, Mehrwegwindeln in der Waschmaschine. Letztere wären damit ein wirksames Mittel zur Abfallverminderung. Und sie wären, wie Daniel Bosshard in seinem Vorstoss schreibt, erst noch gesünder: Weil sie atmungsaktiv sind, ist «die Temperatur in einer Mehrwegwindel immer niedriger als in einer Wegwerfwindel». Und das vermindert das Risiko von Allergien oder Windeldermatitis beim Säugling… Mehrwegwindeln haben auch eine bessere Ökobilanz; dies allerdings nur, wenn man sie nicht zum Trocknen in den Tumbler steckt.

Die Stadt St.Gallen als Schweizer Windelpionier?

Einer der grossen Nachteile der Mehrwegwindeln ist, dass man eine hohe «Anfangsinvestition» von 500 bis 700 Franken tätigen muss, weil man die Windeln bei der Geburt des Kindes alle auf einen Schlag anschafft. Hier, so meint Bosshard, könne die Stadt junge Eltern finanziell unterstützen. So wie dies Städte in Deutschland und Österreich bereits tun; der Fall ist dies etwa in Konstanz, Lindau, Bregenz oder Lustenau. In der Schweiz gibt es noch keine Mehrwegwindel-Subventionen. Wenn St.Gallen das ändere, könne sie zum nationalen (Windel-)Pionier werden, schreibt Bosshard.

Das Postulat «Förderung von Mehrwegwindeln zur Abfallvermeidung und zur finanziellen Entlastung junger Eltern» liegt jetzt beim Stadtrat. Er muss im nächsten Schritt zum Anliegen des grünen Parlamentariers Stellung nehmen und erklären, ob er bereit ist, einen Bericht zum Windelthema vorzulegen. Danach entscheidet das Parlament darüber, ob es dem Stadtrat diesen Auftrag – mit seinem Einverständnis oder gegen seinen Willen - erteilen will oder nicht.

Da ist im Parlament eine spezielle Diskussion programmiert

Die Diskussion über die Erheblicherklärung des Postulats wird das Parlament wohl im Herbst führen. Angesichts des Themas zeichnet sich ab, dass sie sich von anderen, eher trockenen Debatten unterscheiden wird. Insiderinnen und Insider frotzelten am Rand der Sitzung vom Dienstag schon darüber, dass das ein Thema sei, zu dem jede und jeder eine Meinung haben werde. Und dass man vom einen oder anderen Parlamentsmitglied sicher mit eigenen Babyerfahrungen beglückt werde.

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