Unaufmerksam oder übermüdet? Autofahrer verurteilt, weil er beim Kybunpark in eine Leitplanke gefahren ist

Ein 35-Jähriger touchierte auf der Stadtautobahn eine Leitplanke. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, übermüdet und daher fahrunfähig gewesen zu sein. Gegen den Strafbefehl erhob er Einsprache – allerdings ohne Erfolg.

Claudia Schmid
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Das Auto des Angeschuldigten touchierte auf Höhe des Kybunparks die Leitplanke.

Das Auto des Angeschuldigten touchierte auf Höhe des Kybunparks die Leitplanke.

Ralph Ribi (4. September 2019)

Dem 35-jährigen Autolenker wurde per Strafbefehl vorgeworfen, er habe auf der A1 in fahrunfähigem Zustand einen Unfall verursacht. Er sei an einem Sonntagabend im November 2019 derart unaufmerksam gefahren, dass er über den Überholstreifen in den begrünten Mittelstreifen gefahren und dadurch seitlich mit der Leitplanke kollidiert sei. Die Staatsanwaltschaft sprach eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 210 Franken aus und eine Busse von 840 Franken.

Der Autolenker erhob Einsprache. Er machte vor Kreisgericht geltend, die Staatsanwaltschaft werfe ihm vor, übermüdet gefahren zu sein. Dies sei aber nicht der Fall gewesen, da er sich mit seiner Frau auf der Fahrt vom Saarland nach St. Gallen abgewechselt habe.

Autofahrer war kurz unaufmerksam

Die Fahrbahn sei trocken gewesen, jedoch in der Dunkelheit wenig beleuchtet, schilderte er die Wetterverhältnisse. Es habe an jenem Abend kurz nach 20 Uhr nur sehr wenig Verkehr gehabt. So sei er mit dem Tempomat auf der Normalspur 100 Stundenkilometer gefahren. Auf der Höhe des Kybunparks habe er in einer leichten Rechtskurve keine Lenkbewegung gemacht und sei geradeaus gefahren.

Dadurch touchierte das Auto schliesslich leicht die Leitplanke. Er sei ganz kurz gedanklich abgelenkt gewesen, weil er mit seiner Frau gesprochen habe, begründete der Beschuldigte die kurze Unaufmerksamkeit. Er habe aber nie die Kontrolle über das Auto verloren. Kurze Zeit nach dem Touchieren der Leitplanke meldete er den Vorfall ordnungsgemäss bei der Polizei.

Für den Verteidiger ist die Fahrtüchtigkeit erwiesen

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch von Schuld und Strafe. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, sein Mandant sei wegen Übermüdung in fahrunfähigem Zustand gefahren, sei nicht haltbar. Seine Reaktionsfähigkeit habe er damit bewiesen, dass er sein Auto nach dem Touchieren der Leitplanke sofort wieder unter Kontrolle gebracht habe.

Aufgrund seiner Ehrlichkeit habe er der Polizei von seiner sehr kurzen Unaufmerksamkeit erzählt. Das dürfe ihm nicht zur Last gelegt werden. In seinem Plädoyer machte der Verteidiger auch die Verletzung des Anklageprinzips geltend. Im Strafbefehl werde nicht explizit gesagt, ob dem Beschuldigten fahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten vorgeworfen werde. So sei es ihm als Verteidiger unmöglich, auf konkrete Vorhaltungen einzugehen.

Auch sei seinem Mandanten das rechtliche Gehör nicht vollumfänglich gewährt worden. Für den Beschuldigten gehe es um viel. Eine Verurteilung wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand bedeute eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln und damit einen Eintrag ins Strafregister. Zudem drohe ihm ein mehrmonatiger Ausweisentzug. Hier aber handle es sich allerhöchstens um eine einfache Verkehrsregelverletzung.

Grobe Verletzung der Verkehrsregeln

Das Kreisgericht St.Gallen widersprach den Argumenten des Verteidigers. Der Beschuldigte habe zugegeben, dass er für einen Moment gedanklich abgelenkt und damit unaufmerksam gewesen sei. Wer ein Auto lenke sei aber zu Aufmerksamkeit verpflichtet. Und da Unaufmerksamkeit immer ein Fahrlässigkeitsdelikt sei, müsse dies nicht explizit im Strafbefehl vermerkt sein.

Da der Beschuldigte geständig gewesen sei und sofort eine Selbstanzeige bei der Polizei gemacht habe, sei sein Verschulden eher als leicht zu bezeichnen. Dennoch handle es sich um eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln. Die Pflicht zur Aufmerksamkeit sei eine elementare Bestimmung für die Sicherheit auf den Strassen. Nur mit viel Glück sei gerade kein Nachfolgeverkehr gekommen, als das Auto über die Überholspur in die Leitplanke geriet.

Das Gericht verurteilte den Deutschen zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 190 Franken und einer Busse von 400 Franken. Die Verfahrenskosten von 1450 Franken gehen zu seinen Lasten.