Umstrittenes E-Bike: Muskelkraft oder Antriebshilfe?

Bergen E-Bikes Gefahren und Unsicherheiten oder sind sie die wahre ökologische Alternative zum Auto? Die Meinung über Sinn und Unsinn des unterstützenden Velos gehen auseinander. 

Ines Biedenkapp/Vivien Huber
Drucken
Teilen
Fluch oder Segen? Verantwortung ist bei den E-Bikern gefragt. (Bild: Ralph Ribi)

Fluch oder Segen? Verantwortung ist bei den E-Bikern gefragt. (Bild: Ralph Ribi)

Im vergangenen Jahr wurden knapp 90000 Pedelecs und über 248000 Sport- und Freizeitvelos verkauft. Gerade bei den Pedelecs, auch bekannt als E-Bikes, verzeichnen die Verkäufer einen neuen Verkaufsrekord. In der Schweiz wird seit Ende der 80er-Jahre an der Entwicklung von E-Bikes getüftelt. Richtiger Beliebtheit erfreuen sich diese vor allem seit der Finanzkrise 2008. Durch den Einbruch der Autoverkäufe begannen die Hersteller, intensiv an E-Bikes zu forschen. Doch die steigende Nachfrage bringt Probleme mit sich. Immer mehr E-Biker verunfallen, da sie die Geschwindigkeit falsch einschätzen.

Pro: «E-Biker fahren mit maximaler Grazie den Hang hinauf»

Vivien Huber, Praktikantin.

Vivien Huber, Praktikantin.

E-Bikes bringen den Lenker schnell und ohne Anstrengung von A nach B. Während die Velofahrer sich mühselig abstrampeln, fährt der E-Biker gemütlich umher. In Sachen Sicherheit hat das E-Bike Vorkehrungen wie einen Seitenspiegel, und auch die Handhabung ist unkompliziert.

Der Wind pfeift um die Ohren und schlägt eine frische Brise ins Gesicht. Wenn man mit 45 km/h auf dem E-Bike davonbraust, fühlt man sich fast wie Batman auf dem Batmobil. Das Gefühl eines Superhelden ist die Bilanz nach der ersten Fahrt. Mit maximaler Unsportlichkeit und minimalem Vertrauen in das gewöhnliche Velo, das einem wegen des schweren Korbs auf der Lenkerstange ungelenkig durch die Strassen schwanken liess, war die Testfahrt mit einem E-Bike von «Bischi Bikes» in Rorschach ein wahrer Lichtblick. Kompliziert ist die Handhabung eines E-Bikes nicht. Man kann schalten und bremsen. Den mehr oder weniger starken «Schupf», den uns die Eltern von hinten gegeben haben, als wir als Kinder das Velofahren gelernt haben, gibt uns heute das E-Bike. Ausserdem schnurrt der Motor ganz leise bei jeder Geschwindigkeit.

Freie Fahrt, auch mit Gepäck

Man ist mit dem E-Bike nicht nur fast so schnell wie mit dem Auto, man muss sich dafür nicht einmal anstrengen und kann dort durchfahren, wo Fahrverbot für Autos besteht. Bergauf kommt man bei entspanntem Treten im Turbo-Modus auf 20 km/h trotz Gepäck, während sich Velofahrer auf manchmal groteske Weise den Hang hochbefördern und sich in den Gesichtern pure Verzweiflung widerspiegelt. Dieses Schauspiel katapultiert den E-Bike-Besitzer wiederum in Höchststimmung. Wenn die normalen Velofahrer aufgegeben haben und ihr Velo schieben, trumpfen die E-Biker auch dort: Im Walk-Modus übernimmt das Bike die Schiebarbeit und kompensiert so sein Gewicht.

Als E-Biker muss man einen Helm tragen. Das wird aber allen Velofahrern empfohlen und ist daher kein Nachteil. Auch was die allgemeine Sicherheit betrifft: Ob man ein E-Bike, ein normales Velo oder ein Auto fährt, es ist immer wichtig, die Geschwindigkeit anzupassen und vorausschauend zu fahren. Einen Rückspiegel hat man auch. Deshalb gibt es keinen guten Grund, das E-Bike gefährlicher einzustufen als andere Verkehrsmittel. Wer also freiwillig auf ein E-Bike verzichtet, hat schlicht und einfach etwas Tolles verpasst.

Contra: «Das Vertrauen in die eigene Kraft bring einen voran»

Ines Biedenkapp, Volontärin.

Ines Biedenkapp, Volontärin.

Seit es Velos gibt, versuchen geistreiche Tüftler das Fahren bequemer zu machen. Doch sind wir einmal ehrlich, sie hätten es getrost bleiben lassen können. Denn je mehr E-Bikes auf den Strassen unterwegs sind, desto grösser wird der Unmut und die Gefahr für die Mitmenschen.

Bereits in der Schule bekommt man die ersten Strassenregeln mit dem Velo beigebracht. Man muss sich dem Verkehr anpassen und Rücksicht auf andere nehmen. Dabei werden nicht nur Handzeichen geübt, sondern auch Radwege und Situationen durchgenommen. Aber man hat das Gefühl, dass alle Regeln, Bussen und Verbote zwar für jeden gelten, nur eben nicht für die E-Bike-Fahrer. Doch wo genau gehören die E-Bikes, abgesehen vom Elektroschrott, nun eigentlich hin?

Fussgänger haben das Nachsehen

Denn das Zwischending aus Fahrrad und Roller gehört weder auf die Strasse noch auf die Velowege. Vor allem die Geschwindigkeit stellt dabei ein Problem dar. Gerne in der Gegend schauend, unterschätzen die E-Bike-Fahrer ihr Tempo. Oft hat der langsamere Fussgänger das Nachsehen. Häufig kann man daher entlang der Rad- und Fusswege die neue Sportart «weiche-dem-E-Bike-aus» beobachten. Die andere Situation ist, dass der Fahrer das Tempo überschätzt und damit gut gelaunte Autofahrer zur Weissglut bringt, denn ein Auto ist und bleibt schneller als ein E-Bike. Durch fehlende Schutzkleidung hat bei einem Kräftemessen vor allem der moderne E-Bike-Fahrer das Nachsehen. Aber anscheinend geht Style vor Schutz.

Das Schöne am Velofahren ist doch zudem, dass man sich aus eigener Kraft vorwärtsbewegt. Es erfüllt einen mit ungeheurem Stolz, wenn man aus eigener Kraft einen Berg erklommen hat. Sei es noch so ein kleiner. Einen Akku hinzuzufügen verfälscht das Gefühl. Wo bleibt da der Spass? Wird der Velofahrer von einem süffisant grinsenden E-Biker überholt, stachelt es einen nur umso mehr zu sportlichen Höchstleistungen an.

Während ein E-Bike irgendwann an eine Ladesäule muss, schwer ist und von vornherein ein befristetes Dasein in der Garage verbringt, ist ein Velo umweltfreundlich, langlebig und auf jeder Tour dabei. Gerade alte Velos erleben derzeit ein Comeback. Für eine tolle Fahrt braucht man keine Route von Steckdose zu Steckdose.

E-Bike-Fahren soll gelernt sein

FRAUENFELD. Die Zahl der E-Bike-Fahrer ist in den letzten Jahren explosionsartig angestiegen. Die Unfallgefahr ist höher als bei herkömmlichen Velos. Thurgauer Motorrad-Fahrlehrer bieten deshalb neu auch Kurse für das E-Bike an.
Marina Winder