Frauenstreik St.Gallen
«Ufe mit de Frauelöhn, abe mit de Boni»: 300 Personen setzen sich in der St.Galler Innenstadt für Gleichstellung ein

Schweizweit gehen Frauen auf die Strassen, um für ihre Anliegen zu demonstrieren. In St.Gallen treffen sich am frühen Abend mehrere Hundert Personen zur Kundgebung. Und starten danach zu einer spontanen Demonstration.

Julia Nehmiz
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In Sternmärschen ziehen die Teilnehmenden des St.Galler Frauenstreiks zur Kundgebung in die Marktgasse.

In Sternmärschen ziehen die Teilnehmenden des St.Galler Frauenstreiks zur Kundgebung in die Marktgasse.

Bild: Benjamin Manser

Statistisch gesehen, ist dieser Text unbezahlt geschrieben worden. Denn im Durchschnitt wird eine Frau in der Schweiz nur bis 15.19 Uhr bezahlt, wenn man die Frauenlöhne mit den Männerlöhnen verrechnet. Anschliessend verrichten Frauen unbezahlt ihre Arbeit.

Mit Beispielen wie diesen macht die feministische Performancegruppe Perfemmes*ance auf die Anliegen des Frauenstreiks aufmerksam. Vier Mal werden sie an diesem 14. Juni ihre Statements in die Marktgasse hineinrufen. Grossen Applaus, Buhrufe und Jubel gibt es aber erst am Abend. Der Frauenstreik 2021, er nimmt in St.Gallen am frühen Abend Fahrt auf. Am Mittag, als in der Marktgasse zum feministischen Picknick geladen wird, als mit Postkartenaktion und Performances die Forderungen und Wünsche hör- und sichtbar gemacht werden, ist fast niemand da um zu streiken oder um zu demonstrieren.

«In Sachen Gleichberechtigung nicht da, wo man sein müsste»

Die Sonne scheint auf die Frauen, die ihre Mittagspause bei den Transparenten und beim Infostand von SP und der Gewerkschaft VPOD verbringen. Schattenplätze sind rar und begehrt. Knapp zwei Dutzend Frauen sitzen auf mitgebrachten Picknickdecken oder auf den Bänken am Bärenplatz und in der Marktgasse. Die St.Galler Parlamentspräsidentin Alexandra Akeret verteilt lila Buttons an Passantinnen und Passanten. Nein, sie sei nicht enttäuscht ob des eher geringen Interesses. Sie freue sich auf die Kundgebung am Abend.

Auch SP-Co-Präsidentin Jenny Heeb hat sich unter die Picknickerinnen gemischt. Es sei wichtig, auf feministische Anliegen aufmerksam zu machen. Heeb sagt:

«Meine Kinder sollen in einer gleichberechtigten Gesellschaft aufwachsen.»

Zwei der drei Kinder der SP-Stadtparlamentarierin tollen um sie herum, der älteste ist wieder in der Schule. Und nein, Gleichberechtigung sei noch lange nicht erreicht, sagt Heeb. Auf die Frage, wo es am meisten fehlt in Sachen Gleichberechtigung, antwortet sie mit einer Gegenfrage: «Wo fehlt es nicht?» Vereinbarkeit von Beruf und Familie, teure Kinderbetreuung, unbezahlte Care-Arbeit, ungleicher Lohn für gleiche Arbeit, weniger Rente für Frauen – «nach 50 Jahren Frauenstimmrecht ist die Schweiz in Sachen Gleichberechtigung noch nicht dort, wo sie sein müsste».

In Sternmärschen ziehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Kundgebung am frühen Abend in die Marktgasse. Eine Gruppe ist extra aus Wil angereist.
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Als würde Vadian mitstreiken: In der Marktgasse ist das Zentrum des St.Galler Frauenstreiks 2021.
Mit Transparenten, Fahnen, Trillerpfeifen und Sprechchören machen die Frauen auf die Anliegen des Frauenstreiks aufmerksam.
Vier Mal zeigt die Performancegruppe Perfemmes*ance ihre Aktion in der Marktgasse.
Am Mittag laufen in der Marktgasse Vorbereitungen zur Kundgebung.
Am Mittag bekommt die Performance noch nicht so viel Aufmerksamkeit wie dann am Abend.
Feministische Literatur auf den Bänken am Bärenplatz lädt zum Schmökern.
Die Teilnehmerinnen des Sternmarsches versammeln sich am Bahnhof St.Gallen.
«Ufe mit de Fraulöhn, abe mit de Boni»: Mit Sprechchören wie diesen machen die Teilnehmerinnen auf ihre Anliegen lautstark aufmerksam.
Mit Fahnen und Maske zieht ein Sternmarsch Richtung Marktgasse. Manch eine Passantin schliesst sich spontan noch an, andere schauen lieber zu.
Jung und alt, flippig und bieder, Schülerin, Arbeiterin oder Pensionärin, alle machen mit.
Am Abend startet die Kundgebung in der Marktgasse.
Alexandra Akeret von der Gewerkschaft VPOD schätzt, dass sich rund 300 Menschen in der Marktgasse versammeln.
Mit Plakaten und Transparenten und pinken Fahnen: «My favourite season is the fall of the patriarchy».
Vadian ist ein Feminist – zumindest am 14. Juni 2021.
Auch einige Männer haben sich unter die Teilnehmerinnen gemischt.
Vielfältige Teilnehmende, vielfältige Anliegen.
Alexandra Akeret und ihre Tochter Leonie Schubiger begrüssen am frühen Abend die Teilnehmenden zur Kundgebung des Frauenstreiks in der Marktgasse.
«Vorwärts gegen den Rückschritt» lautet das Motto des Frauenstreiks 2021.
In der Marktgasse haben sich über 300 Personen versammelt.
Da geht's lang zum Frauenstreik: Eine Teilnehmerin verpasst den Schildern den passenden Look.
Nach der Kundgebung in der Marktgasse zieht eine kleine Gruppe von rund 50 Personen durch die Multergasse zum Hauptbahnhof.
Kritisch beäugt von Passanten.
Via Poststrasse ziehen die Demonstrantinnen und Demonstranten in die Engelgasse.
Cüpli oder Demo?
Der öffentliche Verkehr wird von den Teilnehmenden des spontanen Demonstrationszugs aufgehalten.

In Sternmärschen ziehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Kundgebung am frühen Abend in die Marktgasse. Eine Gruppe ist extra aus Wil angereist.

Bild: Benjamin Manser

Dann wird es laut. Zwei Dutzend Passantinnen und Passanten bleiben stehen und hören den Performerinnen zu. Aus einem geöffneten Fenster trötet jemand mit einer Hupe. Andere gehen einfach vorbei. Eine junge Frau im grauen Kleid streikt nicht, sie putzt die Schaufenster eines Ladens an der Marktgasse. Margrit Zürcher, in lila Kleid und mit lila Sonnenhut, hat direkt vor den Performerinnen Platz genommen. Sie ist aus Goldach zum Frauenstreik angereist. Schon 1991 habe sie mitgestreikt, sagt sie. Und ja, es seien eigentlich immer noch die gleichen Anliegen, wegen derer sie auch in diesem Jahr den Frauenstreik besucht, sagt die 66-Jährige. Schon 1991 hätten sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit gekämpft. Sie ist ein bisschen enttäuscht, dass am Mittag nicht mehr los ist in St.Gallen.

In der Marktgasse schwellen die Sprechchöre an

Der Frauenstreik kommt erst am frühen Abend richtig in Schwung. Um 18 Uhr starten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (ja, auch einige Männer machen mit) in Sternmärschen zur Marktgasse. In St.Georgen versammeln sich rund 20 Frauen, zwei Männer und zwei Kinder hinter Transparent und Fahne. «Alerta, alerta, Antisexista» skandieren sie. Oder «Ufe mit de Frauelöhn, abe mit de Boni». In der Marktgasse schwellen die Sprechchöre an, Stadionatmosphäre, jung, alt, bieder, flippig – alle sind willkommen, alle machen mit. Regierungsrätin Laura Bucher mischt sich unter die Teilnehmerinnen. Kurz vor Ende der Kundgebung stösst Stadtpräsidentin Maria Pappa dazu, ihre Sitzung dauerte länger.

Rund 300 Menschen versammeln sich zur Kundgebung in der Marktgasse.

Rund 300 Menschen versammeln sich zur Kundgebung in der Marktgasse.

Bild: Benjamin Manser

Die Kundgebung beginnt um 18.30 Uhr mit der vierten und letzten Performance, die jetzt endlich ein Echo erfährt, jedes Statement, jede Frage wird bejubelt, ausgebuht, beklatscht. Es gibt Dosenbier, Sprechchöre, alle tragen Maske, die Polizei hat nichts zu tun. Eine junge Polizistin und ihr Kollege schätzen die Teilnehmenden auf 150 Personen. Alexandra Akeret von der Gewerkschaft VPOD kommt auf mehr: Die Gruppen der Sternmärsche hätten die jeweilige Anzahl Teilnehmende durchgegeben, alle zusammengerechnet seien es etwa 250 bis 300.

Lohndiskriminierung, Gewalt gegen Frauen, leere Versprechungen

Um 19 Uhr begrüssen Alexandra Akeret und ihre Tochter Leonie Schubiger die Frauen und Männer des Frauenstreiks. Frauen verdienen weniger als Männer, werden strukturell benachteiligt, sagen sie.

«Wir haben genug von der Lohndiskriminierung in der Arbeitswelt.»

Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt simultan. Jana Menayo vom Frauenhaus St.Gallen fordert, dass ein Nein endlich als Nein akzeptiert werden müsse. 19 Frauen habe man abweisen müssen, weil das Frauenhaus voll war. Drei Mal pro Tag werde die Kantonspolizei St.Gallen wegen häuslicher Gewalt gerufen. Aktivistin Sonja Lacava macht auf die Anliegen gehörloser Frauen aufmerksam, diese würden doppelt diskriminiert. Poetry-Slamerin Mia Ackermann berührt und rüttelt auf mit einem starken, persönlichen Auftritt: in rhythmischer, poetischer Sprache schleudert sie ihre Wut hinaus.

Noch wütender ist Jasmina Wehrli, im zweiten Ausbildungsjahr zur Pflegefachfrau. Viel Applaus hätte es gegeben, ansonsten nur leere Versprechungen. «In der Pflege herrscht Notstand», ruft sie. Doch das Parlament kaufe lieber neue Kampfjets. Carmela Perroni (Juso) fordert alle auf, ihren Feminismus antirassistisch zu leben. Zum Abschluss singt Singer-Songwriterin «Mel»Melanie Danuser.

Die offizielle Kundgebung ist vorbei. Doch 50 Frauen wollen mehr, sie ziehen spontan in einem Demonstrationszug durch die Multergasse zum Bahnhof und wieder zurück. Ein Postautofahrer nimmt’s mit Humor. Friedlich bleibt es auch jetzt.

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