«Übertriebener Bürokratismus» – Graffiti-Entscheid stösst St.Galler Politikern sauer auf

Das Gesicht auf der Fassade der Offenen Kirche soll übermalt werden. Dies hat die kantonale Denkmalpflege verfügt. «Tagblatt»-Leser und Stadtparlamentarier irritiert das Vorgehen.

Sandro Büchler
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Für Viele ist das Frauengesicht an der Offenen Kirche ein willkommener Farbtupfer am Unteren Graben. (Bild: Sabrina Stübi, 29. März 2018)

Für Viele ist das Frauengesicht an der Offenen Kirche ein willkommener Farbtupfer am Unteren Graben. (Bild: Sabrina Stübi, 29. März 2018)

Die meisten schütteln den Kopf über den Entscheid des Kantons: Gestern wurde bekannt, dass das aufgemalte Gesicht an der Fassade der Offenen Kirche weg muss. Laut Denkmalpflege zeige das Graffiti «keinerlei Respekt gegenüber dem historischen Gebäude». Deshalb muss das haushohe Kunstwerk bis Ende Mai übermalt werden.

In den sozialen Medien stösst der Entscheid des Kantons auf Unverständnis. «Bünzlig», «lächerlich» oder einfach nur «schade» kommentieren «Tagblatt»-Leser. Ein Leser schreibt:

«Das Graffiti auf der Offenen Kirche war endlich einmal ein mutiger künstlerischer Schritt, der die unansehnliche Kreuzung zu einem Blickfang gemacht hat.»

Nur wenige äussern Verständnis für das Vorgehen des Kantons: «Kirche ist Kirche und keine Leinwand», schreibt etwa eine Leserin.

SP vermisst Fingerspitzengefühl

Dabei sind die Tage des bekanntesten Gesichts St.Gallens wohl ohnehin gezählt. Denn auf dem Areal hinter der Kirche plant der Kanton einen neuen HSG-Campus. Ende Juni stimmt die St.Galler Bevölkerung über den Neubau ab. Ob dabei die Offene Kirche in den Plänen noch Platz hat, ist offen. Am wahrscheinlichsten ist der Abbruch des Gebäudes.

Das Vorgehen des Kantons, das Graffiti zu übermalen, obwohl das Haus in absehbarer Zeit abgerissen werden könnte, stösst bei Stadtparlamentariern auf Kritik. Peter Olibet, Präsident der städtischen SP, ärgert sich:

«Die Denkmalpflege hätte sich durchaus kulant zeigen können, wenn die Kirche sowieso nicht mehr lange steht.»

Er vermisst das Fingerspitzengefühl beim Kanton.

Grüne erstaunt über unflexible Haltung

Verwundert ist auch Clemens Müller, Präsident der Fraktion der Grünen/Jungen Grünen. Das Kunstwerk zum jetzigen Zeitpunkt entfernen zu müssen, im Bewusstsein um den möglichen Abriss, zeuge von einer «sehr unflexiblen» Haltung des Kantons.

So sah die Fassade der Offenen Kirche übrigens vor der Bemalung aus. (Bild: Urs Bucher, 30. März 2014)

So sah die Fassade der Offenen Kirche übrigens vor der Bemalung aus. (Bild: Urs Bucher, 30. März 2014)

Ins gleiche Horn stösst CVP/EVP-Fraktionspräsident Patrik Angehrn. Er bezeichnet den Entscheid der Denkmalpflege gar als «übertriebenen Bürokratismus». Statt jetzt das Übermalen durchzuzwängen, könne man die Fassade «so sein lassen», bis die Bagger auffahren. Das Vorgehen des Kantons hält Angehrn deshalb für «unverhältnismässig».

Auswirkungen auf Abstimmung befürchtet

Irritiert ist auch die Fraktionspräsidentin der SVP, Karin Winter-Dubs. Für sie kommt der Entscheid der Denkmalpflege «verfrüht». Erst müsse man über den Campus abstimmen.

«Wird das Projekt angenommen und sobald die definitiven Baupläne vorliegen, dann ist die Diskussion über die Offene Kirche und deren Fassade angebracht.»

Winter-Dubs’ Hinweis kommt nicht von ungefähr. Denn in den Kommentarspalten rufen gleich mehrere Nutzer dazu auf, bei der Abstimmung am 30.Juni ein «Nein» in die Urne zu werfen. Ein Leser schreibt etwa: «Der Kanton hat sich vermutlich gerade wieder ein paar Frust-Stimmen gegen den Uni-Campus gesichert.» Für das Ansinnen der Kritiker hat CVP-Stadtparlamentarier Patrik Angehrn jedoch wenig Verständnis:

«Jetzt die Fassadenbemalung mit einem kantonalen – und zudem notwendigen – Bauprojekt zu vermischen, ist nicht objektiv.»

Einzig bei FDP-Fraktionspräsident Felix Keller hinterlässt der Wirbel um das Kunstwerk wenig Emotionen: «Das Graffiti muss früher oder später weg.» Viel wichtiger als das Äussere der Kirche sei weiterhin der Inhalt, also was im Gotteshaus stattfinde.