Über Fleisch, Ferienflüge und Friedhöfe: Vielfältiges öffentliches Programm an der Uni St.Gallen

Im Frühjahrssemester bietet die Universität St.Gallen wieder knapp 40 öffentliche Vorlesungen. Eine davon führt an Orte des Abschieds.

Christina Weder
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Die Uni St.Gallen öffnet ihre Hörsäle nicht nur für Studenten, sondern auch für die Öffentlichkeit.

Die Uni St.Gallen öffnet ihre Hörsäle nicht nur für Studenten, sondern auch für die Öffentlichkeit.

Bild: Gaetan Bally/KEY

An der Universität St.Gallen steht das Frühjahrssemester vor der Tür. Am kommenden Montag öffnen sich die Hörsäle nicht nur für Studentinnen und Studenten, sondern auch für die Öffentlichkeit. Insgesamt 38 öffentliche Vorlesungen stehen zur Auswahl. Wie ein Blick ins soeben erschienene Programmheft zeigt, ist die Themenpalette gewohnt vielfältig. Sie reicht von der Multioptionsgesellschaft über Männergesundheit bis zum Märchen für jedes Lebensalter; von Bachkantaten über Baudenkmäler bis zu den Herausforderungen des schweizerischen Berufsbildungssystems.

«Dürfen wir noch in die Ferien fliegen?»

Schwerpunktmässig bietet das Programm in diesem Semester sowohl Geschichtsträchtiges als auch Zukunftsweisendes, wie der Programmverantwortliche Florian Wettstein in seiner Einleitung im Programmheft schreibt:

«Ob Vor- oder Rückschau – wer sich heute nicht mit den drängenden Fragen von morgen auseinandersetzt, wird früher oder später von der Vergangenheit eingeholt.»

In diesem Sinne befasst sich Privatdozent Dominique Künzle in seiner Philosophievorlesung mit den Auswirkungen unseres Lebensstils. Er fragt nach den moralischen Verpflichtungen gegenüber künftigen Generationen: «Dürfen wir noch Fleisch essen? In die Ferien fliegen? Grosse Autos fahren?» In seiner Vorlesung diskutiert Künzle diese Fragen anhand wichtiger Positionen der philosophischen Ethik.

Blicke in den Osten und in den Westen

Eine Reihe von Vorlesungen richtet den Fokus auf die Vergangenheit und setzt sich mit Geschichtsträchtigem auseinander: Themen sind die Eroberung Sibiriens oder die Gewalt in Osteuropa während der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Auch der Blick in Richtung Westen fehlt nicht. Die Lehrbeauftragte Claudia Franziska Brühwiler bietet eine Vorbereitung auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Sie stellt unter dem Titel «Heilige und Halunken» die prägendsten Präsidenten der amerikanischen Geschichte vor. Auch die Schweizer Geschichte hat einen Platz im Programm. Caspar Hirschi beleuchtet die komplizierte Beziehung zwischen der Schweiz und Europa und stellt die Diskussionen ums Rahmenabkommen mit der EU in einen historischen Kontext.

Einen Blick in die Zukunft wagt eine Vorlesung zur Kulturgeschichte, die sich dem wachsenden globalen Einfluss Chinas widmet und der Frage nachgeht, wie Megaprojekte wie die neue Seidenstrasse die Welt verändern werden. Zukunftsgerichtet sind auch die Vorlesungen über künstliche Intelligenz in der Ökonomie oder zur Frage, wie sich Unternehmen für eine immer unberechenbarere Zukunft rüsten. In einer Vorlesungsreihe zur Wirtschaftsinformatik berichten schliesslich Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region, wie sie mit der Digitalisierung umgehen.

Die schaurige Schönheit des Untergrunds

Wie gewohnt greifen mehrere Vorlesungen regionale und lokale Aspekte auf. Der Historiker Max Lemmenmeier spricht über Umweltprobleme und ihre Lösungsansätze in der Region in den letzten zweihundert Jahren. Architekt Martin Schregenberger stellt die historische Baukultur des südlichen Kantonsteils vor.

Und Stadtbaumeister Hans­ueli Rechsteiner berichtet in einer dreiteiligen Reihe von Orten des Abschieds und Untergrunds in der Stadt St.Gallen. Er besichtigt mit Interessierten den neu eröffneten Abschiedsraum auf dem Friedhof Feldli, spaziert über den Ostfriedhof und führt in den Grabentunnel unter dem Unteren Graben und in den Hermannstollen in der Mülenenschlucht. Wie das Programmheft verspricht, geben die beiden fast vergessenen Orte für einen Abend «ihre schaurige Schönheit preis».

Semesterpass für 20 Franken

Die Universität St.Gallen richtet sich mit dem Programm der öffentlichen Vorlesungen an «alle Personen, deren intellektueller Hunger über den Tellerrand des eigenen Berufs- und Lebensalltags hinausreicht». Das Angebot umfasst Sprachen, Geschichte, Politik, Informatik, Wirtschaft, Kultur, Psychologie, Theologie und Sport. Die jeweils erste Veranstaltung einer Reihe kann gratis besucht werden. Anschliessend berechtigt der Semesterpass für 20 Franken zum Besuch aller Vorlesungen im Frühjahrssemester. Er kann an der Kasse beim Infodesk im Hauptgebäude bezogen werden. Die meisten der 38 Vorlesungen finden auf dem Campus der Universität statt. Einige wenige werden im Stadtzentrum angeboten: im Festsaal St. Katharinen, im Postgebäude am Bahnhof oder im Musiksaal im Konventsgebäude des Klosterhofs.