Über 40 Massnahmen für den Stiftsbezirk: So schützt St.Gallen sein Weltkulturerbe und nimmt dabei eine Pionierrolle ein

Für den St.Galler Stiftsbezirk gibt es seit vier Jahren einen Managementplan. Nun zieht der Verein Weltkulturerbe St.Gallen Bilanz – und setzt sich ein neues Ziel: Die Bevölkerung soll nicht nur Kultur konsumieren, sondern stärker daran teilhaben können.

Christina Weder
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Der St. Galler Stiftsbezirk trägt seit bald 40 Jahren das Label «Unesco-Kulturerbe».

Der St. Galler Stiftsbezirk trägt seit bald 40 Jahren das Label «Unesco-Kulturerbe».

Bild: Urs Bucher (1. April 2020)

Der Begriff Managementplan klingt trocken. Doch dahinter verbirgt sich eine Pioniertat. Die Gallusstadt war die erste von insgesamt zwölf Welterbestätten in der Schweiz, die vor vier Jahren einen solchen Plan für den Stiftsbezirk vorlegen konnte. Damit kamen Stadt, Kanton und Katholischer Konfessionsteil einer Forderung der Unesco nach.

Diese verlangt für ihre weltweit 1121 Kultur- und Naturdenkmäler entsprechende Pläne, in denen die Zuständigkeiten und Anstrengungen zum Erhalt und zur Pflege festgehalten sind. Ziel ist, das Welterbe besser zu schützen und ins richtige Licht zu rücken.

Jennifer Abderhalden, Präsidentin des Vereins Weltkulturerbe St. Gallen.

Jennifer Abderhalden, Präsidentin des Vereins Weltkulturerbe St. Gallen.

Bild: PD

In St. Gallen haben die drei Hauptträger des Stiftsbezirks – Stadt, Kanton und Katholischer Konfessionsteil – zu diesem Zweck den Verein Weltkulturerbe St. Gallen gegründet. Dieser hat 2016 den ersten Managementplan erarbeitet und darin 37 Massnahmen aufgelistet, die im Zeitraum zwischen 2017 und 2020 angepackt werden sollten. Für Vereinspräsidentin Jennifer Abderhalden ist es nun Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Und diese fällt sehr positiv aus.

«Der Managementplan hat sich bewährt», sagt Abderhalden und lobt die gute Zusammenarbeit zwischen Stadt, Kanton und Katholischem Konfessionsteil in den vergangenen vier Jahren. Der Plan habe ihre Aktivitäten aufeinander abgestimmt und die Zuständigkeiten festgelegt. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit wolle man auch in Zukunft weiterführen.

Rund die Hälfte der Massnahmen ist umgesetzt worden

Zugleich sei der Managementplan ein gutes Instrument, um festzustellen, welche Ziele erreicht worden seien. Bis zum heutigen Datum konnte rund die Hälfte der festgelegten Massnahmen erfolgreich umgesetzt werden – darunter finden sich einige grosse Würfe im Bereich der Vermittlung.

Bundesrat Alain Berset eröffnet den neuen Ausstellungssaal und die Dauerausstellung zum St. Galler Klosterplan.

Bundesrat Alain Berset eröffnet den neuen Ausstellungssaal und die Dauerausstellung zum St. Galler Klosterplan.

Bild: Benjamin Manser (12. April 2019)

So kann der Stiftsbezirk seit 2019 mit zwei neuen Ausstellungsangeboten auftrumpfen: Zu nennen ist die neue Dauerausstellung «Gallus und sein Kloster – 1400 Jahre Kulturgeschichte» im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek. Zudem ist seit Frühling 2019 der weltberühmte St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert für die Öffentlichkeit zugänglich. Besucherinnen und Besucher können ihn seither im Halbdunkel des Ausstellungssaals im Stiftsarchiv betrachten. Dort wird das empfindliche Dokument jeweils für 20 Sekunden pro Viertelstunde ins Licht gerückt.

Solch grosse Würfe seien natürlich nicht alltäglich, sagt Jennifer Abderhalden. Als weitere, nicht ganz so spektakuläre Erfolge nennt sie die Einführung einer neuen, einheitlichen Signalisation im Stiftsbezirk und das kantonale Kulturerbegesetz. Zudem wurden die Bestände der Stiftsbibliothek elektronisch katalogisiert und über 10'000 Urkunden des Stiftsarchivs in der Archivdatenbank erschlossen.

Neuer Managementplan mit neuem Schwerpunkt

Abderhalden zieht nicht nur Bilanz, sondern präsentiert gleichzeitig den neuen, überarbeiteten Managementplan für die Jahre 2021 bis 2024. Dieser umfasst über 80 Seiten, listet über 40 Massnahmen auf und schliesst nahtlos an das bestehende Papier an. Einen Unterschied gebe es allerdings, sagt die Präsidentin des Vereins Weltkulturerbe. Man habe diesmal bewusst einen Schwerpunkt gesetzt – und zwar bei der kulturellen Teilhabe der Bevölkerung.

Gemäss Christopher Rühle, dem Co-Projektleiter des neuen Managementplans, soll die Bevölkerung nicht nur Kultur konsumieren, sondern sich auch aktiv einbringen und beteiligen können.

«Wir werden uns in nächster Zeit Gedanken machen, wie das genau funktionieren könnte.»

Er denkt an die Wiedereinführung eines Klostergartens, in dem die Bevölkerung beim Gärtnern anpacken kann. Oder an Chöre, die Lieder einstudieren, die früher von Mönchen gesungen wurden. Mit dieser Zielsetzung knüpfe man an die Faro-Konvention an, die für die Schweiz dieses Jahr in Kraft getreten ist. Mit ihr bekräftigt der Bund seinen Willen, neue und innovative Zugänge zum Kulturerbe zu schaffen.

Neues Besucherzentrum soll geschaffen werden

Das Regierungsgebäude des Kantons St. Gallen.

Das Regierungsgebäude des Kantons St. Gallen.

Bild: Urs Bucher

Grössere Vorhaben sind zudem die Gesamterneuerung des Regierungsgebäudes, die Teilrenovation des Stiftsgebäudes oder die Schaffung eines neuen Besucherzentrums. Jennifer Abderhalden sagt dazu, ihr falle immer wieder auf, dass Besucherinnen und Besucher eine zentrale Anlaufstelle vermissten. Hier soll eine Lösung gesucht werden.

Zudem ist geplant, spezifische Angebote für bestimmte Besuchergruppen und Generationen zu schaffen. Es werden auch Ziele aus dem bisherigen Plan weiterverfolgt wie die Digitalisierung und Erfassung der Bestände von Stiftsarchiv und Stiftsbibliothek.

Das Hauptziel bleibt weiterhin, den Stiftsbezirk zu schützen und zu bewahren. Denn es handelt sich hierbei – so steht es in der Einleitung zum Managementplan – um eine «einzigartige Schatzkammer der europäischen Überlieferung und ein herausragendes Denkmal barocker Baukunst».