Uber macht einen Bogen um die Stadt St.Gallen: Der Fahrdienst erklärt erstmals warum

Der Fahrdienst Uber fasst in der Schweiz immer mehr Fuss, nicht aber in St.Gallen. Erstmals sagt das Unternehmen nun, wieso.

Sandro Büchler, Rafael Hug
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Je nach Zeit, Ort und Verfügbarkeit setzt ein Algorithmus von Uber den Fahrpreis fest.

Je nach Zeit, Ort und Verfügbarkeit setzt ein Algorithmus von Uber den Fahrpreis fest.

Bild: Urs Bucher

Die Zahl lässt aufhorchen: Rund 1000 Personen öffnen jede Woche die Uber-App, um zu prüfen, ob der Fahrdienst in St.Gallen verfügbar ist. Dies schreibt eine Sprecherin von Uber Schweiz auf Anfrage.

Der Vermittlungsdienst zur Personenbeförderung ist weltweit populär – auch hierzulande. 400'000 Nutzer und 3200 Fahrer verwenden die App in der Schweiz. In acht Schweizer Städten wird die Fahrt per Knopfdruck angeboten: In Zürich, Winterthur, Zug, Baden, Basel, Lausanne, Genf und – seit kurzem auch in Luzern. Dort ist der Fahrdienst im Dezember – nach langwierigen rechtlichen Abklärungen – erst gestartet.

Bei der Lancierung seines Angebots in Luzern schrieb das Unternehmen in einer Mitteilung an die Medien: «Mit dem Start in Luzern kommt Uber der grossen Nachfrage in der Stadt entgegen.» Im vergangenen Jahr hätten dort 60'000 Nutzerinnen und Nutzer versucht, eine Fahrt über die Uber-App zu bestellen. Gleichzeitig haben über 1000 unabhängige Fahrer versucht, Fahrten mit der App Fahrten anzubieten.

Nicht die Kunden fehlen, sondern die Fahrer

Das US-amerikanische Unternehmen mit Sitz in San Francisco hat in der Schweiz auch in diesem Jahr Expansionspläne. Die Uber-Sprecherin schreibt: «2019 haben wir unser Angebot in der Schweiz um vier neue Städte erweitert. Auch 2020 möchten wir mehr Menschen in Schweizer Städten neue Formen der Mobilität näher bringen. Welche Städte dies sein werden, ist noch nicht endgültig entschieden.»

Die Stadt St.Gallen gehört aber vorerst nicht dazu, teilt die Sprecherin mit. Die Nachfrage sei vorhanden, was die 1000 Zugriffe wöchentlich unterstreichen. Anhand der 52 Wochen eines Jahres auf 52'000 potenzielle St.Galler Nutzer jährlich zu schliessen – was annähernd der Nachfrage in Luzern entspräche –, sei aber nicht zulässig. Aufgrund von Mehrfachanfragen sei der Wert tiefer. Eine exakte Zahl der jährlichen Zugriffe will Uber nicht kommunizieren. Man sehe zwar ein starkes Interesse der St.Galler, teilt Uber Schweiz mit. «Bevor wir in einer neuen Stadt starten, möchten wir jedoch mit den lokalen Interessenvertretern in Kontakt treten und sicherstellen, dass wir einen zuverlässigen Service in der richtigen Grössenordnung anbieten können.»

Etwas verklausuliert heisst das: In St.Gallen mangelt es an Fahrern. Das Unternehmen arbeitet ausschliesslich mit selbstständigen Fahrern, die eine Bewilligung für den berufsmässigen Personentransport besitzen. Zur Erlangung der schweizweiten gültigen Fahrerlaubnis muss zudem ein Fahrtenschreiber installiert werden. Uber fordert darüber hinaus einen Strafregisterauszug.

Eine Prüfung über die Ortskenntnisse

St.Gallen verlangt aber mehr. Um eine Fahrbewilligung auf Stadtboden zu erlangen, listet das Taxireglement – aus dem Jahr 1995 – zusätzliche Anforderungen auf. So müssen ausreichende Deutschkenntnisse belegt werden. Zudem müssen künftige Taxifahrer in einer Prüfung gute Kenntnisse der Stadt und der Vorschriften im Taxiwesen, zum Beispiel bei den Ruhezeiten, nachweisen. Dieser zusätzliche Anforderungskatalog schrecke interessierte Fahrer ab, sagt Uber. Laut eigenen Marktanalysen gehe man davon aus, dass sich rund um St.Gallen zu wenig Fahrer finden würden, die diese Eintrittshürden meistern wollen.

In Zürich ermöglichen viele Taxiunternehmer den Fahrern, ihren Fahrdienst auch für Uber zur Verfügung zu stellen – als Ergänzung in frequenzarmen Zeiten. In St.Gallen sei die Bereitschaft der Taxiunternehmer diesbezüglich mässig. Hinter vorgehaltener Hand sagen nur wenige, vor allem kleine St.Galler Taxianbieter auch für Uber fahren zu wollen.

Uber bringt die Taxibranche durcheinander

«Wenn Uber nach St.Gallen gekommen wäre, hätten wir das nicht gutgeheissen und auch nicht kooperiert», sagt Hanspeter Feiss, Geschäftsführer des St.Galler Taxiunternehmens Sprenger.

«Für die Taxibranche ist es in meinen Augen ein Segen, dass Uber vorerst nicht nach St.Gallen kommt.»

Erfahrungen von anderen Orten würden zeigen, dass die Zusammenarbeit mit Uber schwierig sei. «Die Vermischung von Uber und der normalen Taxibranche bringt den Markt durcheinander», sagt Feiss. Zudem hätten Taxi- und Uber-Fahrer nicht die gleichen Standards und Voraussetzungen zu erfüllen.

Zusatzanforderungen an die Taxifahrer wie Orts- und Sprachkenntnisse kennen auch andere Schweizer Städte. Einige haben aber in der Vergangenheit die Bestimmungen gelockert. Nicht so St.Gallen. Hier ist immer noch das Taxireglement aus dem Jahr 1995 in Kraft. Die Stadt hat den Handlungsbedarf aber erkannt und will das Dokument im Verlauf dieses Jahres revidieren. Ob sich dadurch die Chancen erhöhen, dass Uber auch in St.Gallen Fuss fassen wird, steht aber noch in den Sternen.

Das St.Galler Taxireglement wird 2020 revidiert

«Das Taxireglement aus dem Jahr 1995 ist in die Jahre gekommen – dessen sind wir uns bewusst», sagt Roman Kohler, Sprecher der Stadtpolizei St.Gallen. Dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt: «Wir wollen den neuen Entwicklungen Rechnung tragen und diese in ein neues Taxireglement einfliessen lassen», sagt Kohler. Die Stadtpolizei habe die Überarbeitung auf ihrer Pendenzenliste für das Jahr 2020. Man stehe erst am Anfang der Arbeiten. «Die Taxiunternehmen werden wir für das neue Reglement natürlich einbeziehen», sagt der Stapo-Sprecher. «Wir schliessen uns auch mit anderen Schweizer Städten kurz, um von deren Erfahrungen im rechtlichen Bereich und im Zusammenhang mit neuen Möglichkeiten infolge der Digitalisierung zu profitieren.» (sab)