Kommentar

Trudy Cozzio will Stadträtin werden – und bricht damit die Vereinbarung mit der FDP: Für eine christliche Partei müsste Ehrlichkeit ein Gebot sein

Die CVP der Stadt St. Gallen hat die Vereinbarung mit der FDP und der SVP gebrochen. Obschon Papier geduldig ist und Wahlkampf herrscht, steht das den Christlichdemokraten nicht gut an, schreibt Daniel Wirth, Leiter der «Tagblatt»-Stadtredaktion.

Daniel Wirth
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Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Ralph Ribi

Die CVP, die FDP und die SVP der Stadt St.Gallen haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Genauer formuliert: Nicht mehr. Denn vor dem ersten Wahlgang in den St.Galler Stadtrat vom 27. September schlossen die drei Parteien nach langen und zähen Verhandlungen ein bürgerliches Bündnis mit dem gemeinsamen Ziel, im Minimum den einzigen Sitz im Stadtrat zu retten und bestenfalls das Stadtpräsidium zu verteidigen.

Es schien für einen kurzen Augenblick, als würden partikulare Parteiinteressen hinten angestellt, das Grosse und Ganze in den Vordergrund gerückt und als zögen die Bürgerlichen zusammen am gleichen Strick und erst noch in die gleiche Richtung. Die Parteispitzen selbst sprachen sogar von einem «historischen Ereignis».

Das änderte sich schlagartig. Nach dem ersten Wahlgang verkam eine Absichtserklärung, die von den Parteipräsidenten und den Kandidierenden Trudy Cozzio, Mathias Gabathuler und Karin Winter-Dubs unterzeichnet worden war, zur Makulatur: Die CVP zog sich nicht wie die SVP zu Gunsten des FDP-Kandidaten zurück, sondern trat mit Cozzio erneut an. Zur Erinnerung: Gabathuler machte im ersten Wahlgang das beste Ergebnis.

Auf den Bruch in der Allianz angesprochen, begannen CVP-Präsident Raphael Widmer und Kandidatin Trudy Cozzio sich zu winden und herauszureden, auch gegenüber den Medien. Die Bedeutung der Vereinbarung, die anfangs wie erwähnt gross angekündigt worden war, wurde heruntergespielt, mit deren Inhalt nahmen es die CVP-Exponenten in der Folge nicht mehr ganz genau. Eine stille Wahl des FDP-Manns habe die CVP nicht gewollt, auch eine Kandidatur der Grünen habe sie verhindern wollen. Ganz ehrlich war das nicht.

Wahrscheinlich ist: Die CVP sah ganz einfach die Chance, die Rückkehr in den Stadtrat zu schaffen, weil der Rückstand Cozzios auf Gabathuler aufholbar ist und die CVP im zweiten Wahlgang mit Stimmen aus dem linksgrünen Lager rechnen darf. Fakt ist: Die CVP hielt sich nicht an eine Abmachung; sie stiess die SVP und insbesondere die FDP vor den Kopf und machte sich selbst zur Steigbügelhalterin der SP-Stadtpräsidiumskandidatin Maria Pappa. Papier ist geduldig. Und es ist Wahlkampf. Dennoch: Für eine Partei, die im Moment noch das C in ihrem Parteikürzel trägt, müsste Ehrlichkeit ein Gebot sein.