Wie Digitalisierung in der Schule gelingt: Wenn Kinder Roboter programmieren

Ist der Informatikunterricht «up to date», wollte die CVP wissen. Insbesondere Lehrer sind als Medienpädagogen gefordert.

Diana Hagmann-Bula
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Junge Informatiker: Schüler lernen spielerisch zu programmieren.

Junge Informatiker: Schüler lernen spielerisch zu programmieren.

Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Was ein Lehrer denkt, was der Schüler mit dem Computer kann? Den Hauptrechner der NASA knacken und deren Quellcode verschlüsseln. Die Zuhörer, die am Donnerstagabend auf Einladung der CVP St. allen in der Aula des Schulhauses Rotmonten Medienpädagogin Bettina Wagner lauschen, schmunzeln. Was Schüler tatsächlich mit dem Computer können? «Mist, wie geht jetzt Internet schon wieder?», fragt sich das Kind aus der Powerpoint-Präsentation. Irgendwo dazwischen liegt die Realität.

Fest steht: In einer Welt, in der 66 Prozent der Schweizer Primarschüler täglich gamen und die Menschheit auf Instagram pro Tag 3,5 Milliarden Likes vergibt, kann auch die Schule nicht mehr ohne Digitalisierung. Sie will schliesslich kein Detox-Camp sein, sondern eine Institution, die Kinder auf das Leben vorbereitet. Handy und Co. gehören nun mal dazu.

«Wir wünschen uns medienkompetenten Nachwuchs. Der Weg dazu ist Medienbildung»

, sagt Wagner. Und schiebt nach, was sie von zeitgemässem Unterricht erwartet: Lernen trotz Medien, über Medien, mit Medien.

«Lehrer brauchen mehr Unterstützung als früher»

Bettina Wagner ist 31 Jahre alt und Medienpädagogin. Sie berät an ihrem Arbeitsort, der Primarschule Wittenbach, 110 Lehrerinnen und Lehrer, wie sie Medien und Informatik optimal in den Unterricht einbauen. Auch anderen Schulgemeinden steht sie für Weiterbildungen zur Verfügung.

«Ich könnte Tag und Nacht arbeiten»

, beschreibt sie das grosse Bedürfnis nach digitaler Unterstützung in der Branche. Ihr Leitsatz, den sie den Kollegen und dem Publikum mit auf den Weg gibt: Guten analogen Unterricht nicht gegen schlechten digitalen austauschen. «Wir schauen uns einen Baum noch immer draussen im Wald an und nicht am Computer.»

Kinder gehen hochmotiviert an eine Aufgabe heran, wenn sie diese am Computer lösen dürfen. Überträgt sich die Begeisterung auf die Lehrer, unter denen noch immer Informatikmuffel sind? In den letzten zwei Jahren habe sich viel getan, sagt Wagner. Auch digitalisierungskritische Lehrer hätten erkannt, dass sie die Entwicklung nicht bremsen können.

«Die Lehrer sind auf gutem Weg. Aber der Bereich ist so schnelllebig, dass sie Unterstützung brauchen. Mehr als in anderen Fächern.»

Wagner selber bildet sich pro Jahr rund einen Monat lang weiter.

Medienwissen (Wie funktioniert eine Suchmaschine?), Medienreflexion (Erkenne ich Fake News? Ist mein Freizeitverhalten ausgewogen?), Mediennutzung (Kann ich eine Suchmaschine bedienen und Medien gestalterisch nutzen?): Diese drei Pfeiler machen gemäss der Medienpädagogin guten Medienunterricht aus. Sie spielt einen Film ein, der zeigt, wie Kindergärtler im Klassenzimmer so tun, als würden sie schwimmen. Die Lehrerin filmt mit der Kamera, die sogenannte Green-Screen-Technik zaubert die Buben und Mädchen aus der Schule ins Meer. «Durch dieses Experiment lernen sie früh, dass sie nicht alles glauben dürfen, was sie im Internet sehen», sagt die Frau im Beitrag.

In der Aula erzählen eine Medienpädagogin und eine Lehrerin aus dem Schulhaus Rotmonten nun live von ihren Erfahrungen. Vom Kindergarten bis zur vierten Klasse wird im Unterricht zwar unter anderem mit Computer und an den Informatikkompetenzen gearbeitet, allerdings ist keine Lektion dafür reserviert. Ab der fünften Klasse sieht der Stundenplan eine Einheit vor. Gerät einschalten, Programm aufstarten, Passwort eingeben, in der Unterstufe würden sie «tiefe Basics» lernen, sagt Lehrerin Barbara Sidler. «Schon kleine Schritte brauchen viel Zeit.» Sie arbeitet auch mit Lernprogrammen. Die Schüler lesen etwa ein Buch, beantworten Fragen am PC, die Lehrerin kontrolliert online, lobt in einer Art Chat. Dann stellt Sidler Matata Lab vor, einen Roboter, der unter anderem zeichnen kann. Die Kinder programmieren ihn mit Symbolsteinen, mal soll er im 90-Grad-Winkel nach rechts fahren, dann im 120-Grad-Winkel nach links, alles viermal wiederholen. Ein Steuerungsturm liest die Befehle per Sensor. Von einem «banalen Einstieg ins logische Denken», spricht Sidler.

Den Tannenhäher auf Google suchen

Medien und Informatik, das kann aber auch so aussehen: Im Unterricht kommt der Tannenhäher vor. Wie er wohl aussieht? Ein Kind gibt den Begriff auf Google ein, eines trägt den gefundenen Beitrag vor, alle gucken sich das Bild vom Vogel an.

Mittelstufenlehrerin und Medienpädagogin Romina Durrer startet das Modul bei jeder Klasse mit einer Medienwerkstatt.

«Wir stellen uns Fragen wie: Wie gehe ich mit anderen im Internet um? Wie gehe ich mit meinen Daten um?»

, sagt sie. Solche Diskussionen sollen auch Cybermobbing und Shitstorms vorbeugen.

Die Digitalisierung des Unterrichts ist an diesem Abend kein bisschen umstritten. Es geht nicht um das Ob, es geht um das Wie. Der Wandel beschäftigt (und verunsichert) die 15 Zuhörenden trotzdem. Das zeigen die Fragen aus dem Publikum. «Wie viel Digitalkonsum ist für Jugendliche noch gut?», will ein Mann wissen. Kein Fernsehen vor drei Jahren, keine eigene Spielkonsole vor sechs Jahren, Internet nach neun Jahren und soziale Netzwerke nach zwölf Jahren, pflegen Experten zu raten.

«Es hängt immer davon ab, wofür die Geräte eingesetzt werden. Bildschirmzeiten sollten gemeinsam festgelegt und darauf geachtet werden, dass die Abmachungen eingehalten werden»

, sagt Wagner.

Es geht ohne Zehnfingersystem

Und was sei mit dem Zehnfingersystem?, fragt ein Zuhörer. Muss es nicht früher erlernt werden, wenn schon Kindergärtler Roboter programmieren? Das Zehnfingersystem wird weiterhin auf der Oberstufe unterrichtet, heisst es. Und plötzlich steht die These ihm Raum, dass es gar nicht mehr nötig sei. Auch Medienpädagogin Bettina Wagner beherrscht das klassische System nicht. Und kommt trotzdem mehr als gut zurecht mit PC und Internet. Wegen einer anderen wichtigen Fähigkeit: der Medienkompetenz. Sie ist es, die zählt in einer digitalisierten Zukunft. In einer Zukunft, in der gemäss Studien 65 Prozent der jetzigen Primarschüler wohl einen Job ausüben werden, den es heute noch nicht gibt.