Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Nach dem predigtfreien Monat: Trotz Kritik zieht die Kirchgemeinde Straubenzell eine positive Bilanz

In der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell stand im Mai kein Pfarrer auf der Kanzel. Alternativen zur Predigt sind zwar nichts Neues – das Pfarrteam inszenierte sie aber medienwirksam. Auf volle Bankreihen hoffte man dennoch vergebens.
Seraina Hess
Kirche ohne Predigt, dafür mit verschiedenen Stationen zu einem Thema: So sah es an einem Sonntag im Mai in der Evangelisch-reformierten Kirche Bruggen aus. (Bild: Michel Canonica - 19. Mai 2019)

Kirche ohne Predigt, dafür mit verschiedenen Stationen zu einem Thema: So sah es an einem Sonntag im Mai in der Evangelisch-reformierten Kirche Bruggen aus. (Bild: Michel Canonica - 19. Mai 2019)

Hanna Jacobs hat dem Pfarrteam den Floh ins Ohr gesetzt. Die junge deutsche Pfarrerin veröffentlichte im «Zeit-Magazin» ein Essay, in dem sie sich gegen die Predigt im Gottesdienst und für neue Formen der Auseinandersetzung mit dem Glauben ausspricht. Zugespitzt zwar, aber dennoch dezidiert: «Die Zeit der Predigt ist vorbei», schreibt die Theologin, die am Montagabend in der Evangelisch-reformierten Kirche Bruggen vor knapp zwanzig Straubenzeller Kirchbürgern stand. Stolz darauf, dass ihr Text bis über die Landesgrenzen hinaus Wellen geschlagen hat.

Jacobs ist aus Essen in Nordrhein-Westfalen angereist, um sich die Auswertungen der einmonatigen Aktion anzuhören, die der St. Galler Kirchgemeinde im Mai zu zahlreichen Beiträgen in Zeitung, TV und Radio verholfen hatte: ein Monat ohne Sonntagspredigt, dafür mit Impro-Theater, Chorgesang oder Workshops im Gottesdienst. Die Bilanz fällt trotz kritischer Einwürfe positiv aus – auch wenn die Aktion in einem zentralen Punkt nichts bewirken konnte.

98 Prozent drehen sich noch einmal im Bett um

Die Zahlen sprechen für sich: Gerade einmal zwei Prozent der gesamten Kirchbürgerschaft stattet dem Gotteshaus am Sonntagmorgen einen Besuch ab. Der Rest dreht sich wohl noch einmal im Bett um, wenn die Kirchgänger das erste Lied anstimmen.

Die Frage, ob die Predigt dem Zeitgeist entspricht, ist also keine rein theologische: «Die Kommunikationsgewohnheiten sind heute anders. Man holt sich nicht mehr nur beim Arzt eine zweite Meinung», hielt Pfarrer Uwe Habenicht fest. Der Monolog weicht dem Dialog, der Pfarrer oder die Pfarrerin ist nicht mehr die einzige massgebende Instanz. Erschwerend komme hinzu, dass die Predigt als traditionell ermahnendes Instrument einen schlechten Ruf geniesse.

Ob gerade wegen der Predigt so viele lieber zu Hause bleiben, dürfte schwierig zu beantworten sein. Einerseits, weil ohnehin fast nur regelmässige Kirchgänger den Aktionsmonat miterlebt haben, andererseits, weil trotz medialer Verbreitung kaum neue Besucher den Weg in die Kirche gefunden haben. Autorin und Theologin Hanna Jacobs, die als Pfarrerin für junge Erwachsene arbeitet, vertritt denn auch in dieser Angelegenheit eine klare Haltung:

«Egal, wie sehr wir uns bemühen: Ganz voll wird die Kirche am Sonntagmorgen nicht mehr.»

Die Gesellschaft habe sich verändert, und mit ihr der Berufsalltag und die Freizeitgestaltung. Entmutigen will die 31-jährige Theologin dennoch nicht: Es gehe darum, neue Räume und Formen für den Gottesdienst zu finden, die auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten seien und einen flexiblen Lebensstil ermöglichten. Dem einen genüge ein Gebet auf Twitter, der andere möchte eben seine Predigt in der Kirche.

Kritik an den neu gestalteten Gottesdiensten übte denn auch kaum jemand – wohl aber an der Tatsache, die Predigt ganz ausfallen zu lassen. Ein Besucher brachte es auf den Punkt:

«Die Predigt ist im Gottesdienst zentral, und sie ist Knochenarbeit. Wenn sich also Kirchenleute davon distanzieren und sich nicht mehr auf diese Weise mit dem Glauben auseinandersetzen wollen, ist das eine Kapitulation.»

Ähnlich sieht es die Banknachbarin, die sich aus der sonntäglichen Predigt jeweils etwas für die kommende Woche herausziehen möchte. «Eine Auflockerung ist gut, aber ganz auf die Predigt verzichten möchte ich nicht.»

Das eine tun und das andere nicht lassen

Die per Mail, Telefon und schriftlich abgegebenen Rückmeldungen zeigen aber: Das Impro-Theater regte zum Denken an, das Singen mit dem Chor förderte ein besonderes Gemeinschaftsgefühl und damit Emotionen, die eine Predigt kaum freizusetzen vermag. Gefallen hat den Kirchgängern auch, dass die Gemeinde von sich reden machte – ganz gleich ob in den Medien oder im Internet, im Altersheim oder in der Mütterrunde.

Ein aufmerksamer Kirchbürger hielt am Montagabend schliesslich fest: Was im Mai in der Kirche Bruggen stattgefunden habe, gebe es genau genommen schon lange. Neue Formen würden im Gottesdienst immer wieder eingesetzt, ohne die Predigt komplett zu verdrängen. Warum also nicht das eine tun und das andere nicht lassen?

Uwe Habenicht bestätigte: «Was wir einen Monat lang publik gemacht haben, praktizierten wir schon einige Zeit. Wir haben im Mai einzig ein Schild an die Kanzel gehängt – und alle redeten darüber.» Das war wohl auch das eigentliche Ziel des predigtfreien Monats: Die Kirche war für kurze Zeit in aller Munde.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.