Traum von der Diplomatinnen-Karriere und Wohnen im Hotel Mama: Noch nie gab es an der HSG so viele neue Studierende

1927 Studentinnen und Studenten haben sich für das Assessmentjahr an der HSG eingeschrieben. So viele wie noch nie. Das hat auch mit Corona zu tun. Nach einer speziellen Startwoche geht es heute mit dem Studium los.

Jürg Ackermann
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Drei von 1927 neuen Studierenden an der HSG: Zamira Studer, Arthur Zimmermann und Fabio Da Ros (rechts)

Drei von 1927 neuen Studierenden an der HSG: Zamira Studer, Arthur Zimmermann und Fabio Da Ros (rechts)

Bild: Hannah Streif

Die HSG ist nicht allein. Auch andere Hochschulen in der Schweiz verzeichnen deutlich mehr Studierende als in anderen Jahren. An der Uni Zürich beispielsweise beträgt der Anstieg gegenüber dem Vorjahr 13 Prozent, an der HSG sind es zehn Prozent mehr als im Herbst 2019.

Dieser Anstieg hat auch mit Corona zu tun: Viele haben wegen der beschränkten Reisemöglichkeiten auf ein Zwischenjahr verzichtet und sich nach der Matura direkt an einer Hochschule eingeschrieben. Dank den 1927 Anmeldungen fürs Assessmentjahr sind nun 9221 Studierende an der HSG eingeschrieben. Auch das ist ein Rekord. Erstmals wurde die 9000er- Grenze geknackt.

Bis zu 40 Prozent fallen durch

Gruppenarbeiten, Vorträge, Einführung ins Studium: Keine Hochschule in der Schweiz betreibt einen derart grossen Aufwand für die Frischlinge wie die Uni St. Gallen. Und das seit 20 Jahren. Die diesjährige Jubiläums-Startwoche zum Thema «Künstliche Intelligenz» stand jedoch wegen Corona unter speziellen Vorzeichen.

Um grössere Personenansammlungen zu vermeiden, waren immer nur wenige Gruppen auf dem Campus präsent, viele Inhalte wurden rein digital angeboten. Ein Vorgeschmack auf das hybride Studium, das wegen Corona an vielen Unis in diesem Herbst Alltag sein wird.

Sie wollen Diplomatin werden, Jus studieren oder sich im internationalen Umfeld bewähren. In einem persönlichen Beitrag schreiben drei neue Studierende, warum sie - trotz negativer Schlagzeilen in den letzten Jahren - die Uni St. Gallen gewählt haben und was sie vom Studium in der Ostschweiz erwarten. Sie stehen vor einem herausfordernden ersten Studienjahr auf dem Rosenberg. Die Durchfall- und Abbrecherquote im Assessmentjahr beträgt zwischen 30 und 40 Prozent.

«In St. Gallen finde ich sicher immer ein Schüga»

Fabio Da Ros.

Fabio Da Ros.

Bild: Hannah Streif

Für mich, der hier in St. Gallen geboren ist, gab es keine sehr lange Entscheidungsfindung. Als ich vor der Frage stand, an welcher Uni ich mich immatrikulieren werde, fiel die Wahl schnell auf die HSG. Rechts- und Wirtschaftswissenschaften haben mich schon interessiert, als ich in der Kantonsschule am Burggraben zur Schule ging.

Da habe ich allerdings noch einen anderen Schwerpunkt belegt. Latein bilingual – ja das gibt es noch und ja es gibt auch Leute, die das auch machen. Doch als ich mich bei einigen Unis umgeschaut habe, sprang mir ein Studiengang, welcher an der HSG vorgestellt wurde, besonders ins Auge. «Law and Eco» war genau nach meinem Gusto. Da es sich nicht auf Recht oder Wirtschaft beschränkt, sondern beides verbindet. Diese Verbindung gefällt mir sehr, weil ich mich noch nie auf einen einzelnen Themenbereich fokussieren wollte.

Wohnen im Hotel Mama

Für einen frischen Studienanfänger macht es die Dinge um einiges einfacher, wenn er finanziell abgesichert ist. Das Wohnen im Hotel Mama ist sehr kostengünstig. Obwohl man an der HSG dank der Startwoche schnell Freunde und Gleichgesinnte findet, bin ich trotzdem froh, dass ich noch ein zweites Umfeld in St. Gallen habe. Ausserdem spiele ich intensiv Curling. Hier zu studieren, macht es mir einfacher das Training und die Uni unter einen Hut zu bringen.

Ein weiterer Bonus ist sicherlich auch, dass ich immer «Schüga» finden werde und mich nicht mit einer anderen Biersorte abfinden muss. Der gute Ruf der Universität St. Gallen war ein weiterer Grund, weshalb ich mich für sie entschieden habe. Man hört ja immer wieder viel darüber, was für Vorteile es hat, wenn man bei einer Bewerbung einen HSG-Abschluss vorweisen kann. Auch in Deutschland.

«Ich würde gerne im Ausland die Schweiz vertreten»

Zamira Studer.

Zamira Studer.

Bild: Hannah Streif

Ich komme aus Schwyz, bin aber in St.Gallen geboren, was vielleicht auch dazu beigetragen hat, dass ich mich dazu entschieden habe, mich an der HSG einzuschreiben. Die Leute aus St.Gallen sind hoffentlich immer noch so offen, wie ich sie Erinnerung habe.

Im Sommer 2020 habe ich meine etwas spezielle Matura abgeschlossen. Etwas speziell wegen Corona. In Schwyz hatten wir eine mehr oder weniger normale schriftliche Prüfung, die mündliche Prüfung wurde jedoch komplett abgesagt. Der Lockdown hat zudem bewirkt, dass ich nur am Online-Infotag für Studierende an der HSG teilnehmen konnte.

Etwas Gutes hatte diese ganze Zeit dennoch, denn die Entscheidung, ob ich ein Zwischenjahr machen will oder nicht, wurde mir so abgenommen. Dass ich mich für die HSG entschied, hat damit zu tun, dass ich mich für die Diplomatie interessiere. Im Ausland die Schweiz vertreten, neue Kulturen kennenlernen und Probleme lösen: Als SRF vor einiger Zeit die Serie «Die jungen Diplomaten» sendete, hat sich dieses Interesse bei mir noch verstärkt.

Man spricht Hochdeutsch – und Englisch

Ich konnte mir nun gut vorstellen, internationale Beziehungen zu studieren und da mein Französisch noch nicht so gut ist und ich mit St.Gallen im Gegensatz zu Genf auch als Stadt etwas anfangen konnte, stand die Uni St. Gallen für mich im Vordergrund. Da es dieses Jahr sehr schwierig war ein WG-Zimmer zu finden, habe ich mich dazu entschieden eine neue WG zu gründen und habe es bis jetzt noch nicht bereut.

Bereits in der Startwoche konnte ich einiges über die Uni und mich selbst lernen. Eine meiner Erwartungen war, dass ich Studierende aus verschiedenen Länder kennenlernen würde, was dank der internationalen Atmosphäre hier definitiv der Fall ist. Das hat zur Folge, dass man sehr oft Hochdeutsch und Englisch spricht.

Da ich meine Matura auf Englisch gemacht habe, musste ich feststellen, dass mein Hochdeutsch ein bisschen eingerostet ist und auch mein Englisch hat noch Potenzial gegen oben. Das sind wohl zwei Bereiche, die ein wenig Anlaufzeit benötigen.

Vom Assessmentjahr erwarte ich, dass es mir einen Einblick gewährt in die verschiedenen Studienrichtungen und mir auch bei meinem weiteren Werdegang hilft. Natürlich hoffe ich zudem, dass mir ein spannendes, herausforderndes Studium bevorsteht und ich auf dem Campus eine tolle Gemeinschaft finde.

«Die HSG hat in Deutschland einen exzellenten Ruf»

Arthur Zimmermann.

Arthur Zimmermann.

Bild: Hannah Streif

In meiner Heimatstadt Köln habe ich eine britische Schule besucht und wollte nach Abschluss des International Baccalaureates (IB) meinen Bildungsweg auf Deutsch fortsetzen. Es wäre zwar möglich gewesen daheim zu studieren, allerdings erhielt ich den Eindruck, dass das IB längst nicht so gerne gesehen wird wie das Abitur. An manchen Universitäten hätte ich beispielsweise einen zusätzlich Deutschtest absolvieren müssen, obwohl ich deutscher Staatsbürger bin.

Die Schweiz ist in dieser Hinsicht etwas aufgeklärter und geht wesentlich flexibler mit internationalen Schulabschlüssen um. Da ich mich für die Rechtswissenschaft interessiere, kam ich relativ schnell auf die Uni St.Gallen. Sie geniesst in Deutschland einen exzellenten Ruf und nachdem ich den Zulassungstest im Februar bestanden hatte, war für mich der Fall klar.

Das Leben in St.Gallen gefällt mir ausgesprochen gut. Es ist zwar eine Umstellung, dass die gesamte Stadt weniger Einwohner hat als der Stadtteil in Köln, wo ich herkomme, aber sie bietet alles, was man sich als Student wünscht.

Das Velofahren in St. Gallen ist ein Kraftakt

Mir gefällt die grosse Vielfalt auf kleinem Raum: Ob es nun die abenteuerlichen Wanderwege durch Täler und Wälder sind, die belebte Multergasse oder die schöne Rasenfläche im Stiftsbezirk - vieles erscheint farbiger und lebenswerter im Vergleich zu den kühlen Nachkriegsbauten, dem düsteren Dom und dem permanenten Nieselregen in Köln.

Mühsam ist jedoch das Radfahren im hügeligen St. Gallen. Während in Köln weite Distanzen mit Leichtigkeit mit dem Velo zurückgelegt werden können, ist die kurze Distanz vom Coop am Marktplatz bis zur Wohnungstür in Rotmonten im Alltag ein regelrechter Kraftakt. Hier dient eine Velofahrt nicht wie gewohnt der Entspannung, sondern ist eher eine sportliche Aktivität.

Insgesamt muss ich jedoch sagen, dass ich es sehr schätze, die Möglichkeit erhalten zu haben in St.Gallen zu studieren. Zwar werde ich den derben Kölschen Dialekt, den wilden Karneval oder die etwas lockerere Stimmung der Rheinländer irgendwann bestimmt vermissen, aber das Heimweh wird sicherlich von dem grossen Berg an Arbeit, der vor mir liegt, verdrängt.

Um im Heimatland Deutschland nach dem Studium arbeiten zu können, müsste ich eine Gleichwertigkeitsprüfung beantragen, damit die in der Schweiz erworbenen Jus-Diplome offiziell anerkannt werden. Eine Ausnahme ist das Auswärtige Amt - ein Arbeitsplatz, den ich mir gut vorstellen könnte. Falls ich mich jedoch umentscheiden sollte, ist es sicher auch eine Option, in der Schweiz zu bleiben.

Denn ich habe schnell gemerkt: Die Lebensqualität hier ist hoch, die Menschen sind höflich und sowohl die Städte als auch die Landschaften sind malerisch. Aber ich werde mir Mühe geben müssen, mich dem St.Galler-Dialekt zu nähern. In den ersten Tagen hier musste ich immer wieder entschuldigend nachfragen, was das Gegenüber denn nun gesagt hatte.