Die öffentliche Volksschule im Wandel

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Zu Gast in Mosnang» hatte die FDP Mosnang den Bildungsfachmann Thomas Rüegg eingeladen. Er präsidiert den Verband St. Galler Schulträger, SGV, welcher mehr als 90 Schulorganisationen im Kanton repräsentiert. Thema des Abends war die künftige Rolle der Volksschule.

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FDP-Präsident Urs Stillhard (links) bedankt sich bei Referent Thomas Rüegg mit Mosliger Spezialitäten. (Bild: pd)

FDP-Präsident Urs Stillhard (links) bedankt sich bei Referent Thomas Rüegg mit Mosliger Spezialitäten. (Bild: pd)

MOSNANG. An die öffentliche Schule werden sehr viele Ansprüche gestellt, ohne jedoch einheitliche Ziele zu verfolgen. Die Schule gilt immer noch als die staatliche Institution, welche zunehmend einer verstärkten Politisierung ausgesetzt wird. Die finanziellen Rahmenbedingungen in den Gemeinden sind angespannt und beeinflussen die Möglichkeiten. Zudem stellt Thomas Rüegg, ein ausgewiesener Bildungsfachmann, einen Trend zur «Retropädagogik» fest: Viele wissen, wie es früher war, und wünschen sich den alten Zustand herbei. Heute ist aber die Schulrealität eine deutlich anspruchsvollere.

Unter starkem Einfluss

Das Thema des Anlasses, «Die Entwicklung der Volksschule», interessierte. Thomas Rüegg, konnte auch die vielen Fragen der Anwesenden kompetent und sachlich beantworten. Als Schulpräsident von Rapperswil-Jona, Psychologe und Stadtrat für Bildung und Familie, steht er in seiner Arbeit komplett im Wandlungsprozess der Schule. Grundsätzlich waren sich alle Anwesenden einig: Die Schule ist das Abbild unserer Gesellschaft, die aktuell von verschiedenen Themen stark beeinflusst wird: Medialisierung, demographische Veränderungen, Sprachendiskussion, Lehrerbild der Zukunft, Finanzen, Integration, Betreuungsangebote, Lehrplan 21 – um nur die aktuellsten darzulegen.

Die Organisation der Schule ist kein einfaches Unterfangen. Das zeigen die eindrücklichen Zahlen und Strukturen im Kanton St. Gallen: 5600 Lehrpersonen, 53 961 Schülerinnen und Schüler, 2981 Klassen, 273 Schulleitungen und 93 Schulträger führen die Volksschule im Kanton.

Keine vorschnelle Entscheidung

Rüegg plädierte dafür, in der aktuellen Sprachendiskussion keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Die Umsetzung sei noch gar nicht abgeschlossen, und schon wollen einige Kantone Veränderungen. Es sei eine Tatsache, dass rund 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit der Sprachenvielfalt überfordert seien, das heisse aber auch, dass 75 Prozent diesen Weg problemlos gehen. Es müssen noch mehr Erfahrungen gesammelt werden. Schnellschüsse sind im Bildungswesen der falsche Weg, erklärte Thomas Rüegg. Ein Anwesender ergänzte vehement, dass er für seine Kinder kein Interesse habe, dass sich das Bildungssystem zunehmend am Niveau der Schwächeren orientiere. Thomas Rüegg war der Meinung, dass zukünftig vermehrt verschiedene Niveaus möglich sein müssen, so wie das in Englisch und Mathematik bereits in der Oberstufe eingeführt worden sei.

Welcher Lehrplan macht Sinn?

Der aktuelle Lehrplan wurde 1994 erarbeitet und 1997 eingeführt. Bis der neue Lehrplan 21 eingeführt werden wird, sind also 20 Jahre vergangen. Dieser heisse übrigens so, weil 21 Deutschschweizer Kantone diesen Lehrplan gemeinsam erarbeitet haben. Endlich komme eine Vereinheitlichung und löse die 21 verschiedenen Lehrpläne mit verschiedenen Lehrmitteln ab. Die Schweizer Bevölkerung wollte mit der Annahme von Harmos (Harmonisierung der Schulsysteme) eine mögliche Vereinheitlichung der Schulsysteme in der Deutschschweiz, so die Aussage von Thomas Rüegg. Die heutigen Gegner des Lehrplans 21 sind im Kern die gleichen wie damals vor der Harmos-Abstimmung. Diese wünschen sich am liebsten den Lehrplan von 1980 zurück. Eine Schule wie früher ist aber unrealistisch. Nach 20 Jahren ist es an der Zeit, ein neues Planungsinstrument einzuführen. Der neue Lehrplan soll sich am aktuellen Wissen und an den aktuellen Erkenntnissen orientieren. Der Kern der Veränderung liegt darin, dass die Schüler nicht mehr einfach etwas wissen müssen, sondern entsprechend auch anwenden können. Dieser Kompetenzaufbau orientiert sich an den Anforderungen der Wirtschaft und an den Berufslehren.

Fragen zu Verschwörungstheorien und Instrumentalisierung der Lehrkräfte für ein anderes, gesteuertes Lebensbild erteilte Thomas Rüegg eine klare Absage. Interessant auch die Aussage von zwei anwesenden angehenden Lehrerinnen, welche den Anwesenden bestätigten, dass sie in ihrer Ausbildung weder in den Methoden noch in der Gesinnung in eine Richtung beeinflusst würden. (pd)