Tibeter finden Heimat im Toggenburg

Tausende Tibeter wurden in den 50er-Jahren aus ihrem Heimatland vertrieben und flüchteten in eine ungewisse Zukunft. 1963 veranlasste der Bundesrat, dass bis zu 1000 tibetische Flüchtlinge in der Schweiz aufgenommen werden. Auch im Toggenburg fanden viele ein neues Zuhause.

Christiana Sutter
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Tibeter im Toggenburg.indd (Bild: CHRISTIANA SUTTER)

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TOGGENBURG. Bereits in vierter Generation leben heute Tibeter im Toggenburg. 50 Jahre ist es her, dass sie respektive ihre Vorfahren, hier eine neue Heimat gefunden haben. Ausschlaggebend dafür, dass die Tibeter in der Schweiz Fuss fassten, war ein bundesrätlicher Entscheid im März 1963, der die Einreise von insgesamt 1000 Tibetern ermöglichte. Für das Anliegen, tibetische Flüchtlinge in der Schweiz aufzunehmen, setzte sich Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen stark ein. Das Schweizerische Rote Kreuz wurde für die Betreuung der Flüchtlinge verpflichtet. Speziell für die Unterbringung der Tibeter, wurde der Verein für tibetische Heimstätten in der Schweiz gegründet.

Flucht nach Dharamsala

Grund für die Flucht der Tibeter aus ihrem gewohnten Lebensraum war die Invasion der chinesischen Volksbefreiungsarmee Maos im September 1951. Damit begann eine langjährige Unterdrückung der Tibeter durch die Chinesen. In den Wirren eines Volksaufstandes in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, flüchtete das geistige Oberhaupt, der 14. Dalai Lama, im März 1959 ins indische Exil nach Dharamsala. Ihm folgten Tausende Tibeter. Bei dieser Revolte kamen über 12 000 Tibeter ums Leben. Gleichzeitig zerstörten die Chinesen rund 6000 Klöster und ermordeten Tausende tibetische Mönche. Auf diese Missstände aufmerksam wurde auch Toni Hagen, ein Schweizer Geologe, der von der nepalesischen Regierung als Regierungs-Geologe angestellt wurde.

Im Auftrag der Vereinten Nationen erforschte er geologische Bedingungen im Himalaja und bereiste so geheime Gebiete. Durch seine Arbeit lernte er die Völker im Himalaja kennen und schätzen. Toni Hagen war auch Pionier der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit und setzte sich stark für die Aufnahme tibetischer Flüchtlinge beim Bundesrat ein. Nachdem der Bundesrat die Einreise der tibetischen Flüchtlinge bewilligt hatte, reisten gruppenweise Kinder, Mönche und Familien aus indischen Auffanglagern in die Schweiz ein. Die Idee des Schweizerischen Roten Kreuzes war, Tibeter in Bergregionen der Schweiz anzusiedeln, um ihnen in diesen Regionen einen neuen Lebensraum zu schaffen. Nach der gewaltsamen Unterwerfung Tibets durch die Volksrepublik Chinas, machte Toni Hagen seinen Einfluss beim nepalesischen König geltend, um die Rettung und Aufnahme tibetischer Flüchtlinge zu ermöglichen. Sie wurden in Auffanglagern in Indien aufgenommen. Anfangs der 60er-Jahre war Toni Hagen als Chefdelegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz für die Ansiedlung der tibetischen Flüchtlinge in Nepal und anderen Ländern zuständig. Während dieser Zeit gewann er auch das Vertrauen des 14. Dalai Lama.

Deutsch und Schreiben

Ins Toggenburg war bereits Ende Oktober 1961 eine Gruppe von tibetischen Flüchtlingen gekommen. Eine Gruppe wurde für einige Monate im Ferienheim Säntisthur in Unterwasser untergebracht. Dort lernten sie Deutsch und Schreiben. Im Zuge der offiziellen Aufnahmen kamen am 1. Mai 1963, 36 Personen, vor allem Familien, Waisenkinder und Geistliche nach Unterwasser. Dort fanden die Flüchtlinge ein neues Zuhause im Ferienheim Säntisthur. Ebnat-Kappel nahm am 7. Oktober 1963 23 Personen in der Heimstätte Winterau in Ebnat-Kappel auf. Heute leben in der Schweiz, vor allem im deutschsprachigen Raum, rund 4000 Tibeter. Einige immer noch im Toggenburg.