Schöne Schellen in schöner Schür

Trychlen, Schellen und Glocken sind die Welt von Josef Brand aus Libingen, das Hebammenwesen ist die Welt seiner Frau Luzia. Für beides haben sie nun eine Heimat gefunden: Eine Schür im Herzen von Libingen. Brands haben diese gekauft und auf eigene Kosten sanft ausgebaut.

Matthias Giger
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LIBINGEN. Mitten im Dörfchen Libingen steht die Rösslischür, gegenüber des gleichnamigen Restaurants. Sie steht schon lange dort. Luzia und Josef Brand haben ihr aber neues Leben eingehaucht – sanft und auf äusserst liebevolle Art und Weise. Dort, wo bis vor kurzem der Zahn der Zeit an alten Autos und Ersatzteilen nagte und ein Durchkommen kaum möglich war, ist nun eine Dauerausstellung von Trychlen und Glocken aus dem Alpenraum zu sehen, liebevoll eingerichtet von Josef Brand. Seine Frau hat einen grossen Raum dem Hebammenwesen im Wandel der Zeit gewidmet.

Der Alpenraum in einer Schüür

Die Kulisse bilden weit über 500 Schellen aus der noch viel umfangreicheren Sammlung von Josef Brand. «Hauptsächlich sind es Schellen aus dem Alpenraum, hier drin sind aber einige Stiefkinder von mir», sagt der Sammler und zeigt auf eine Vitrine, mit Schellen, denen auch der Laie ansieht, dass sie exotischer anmuten als der grösste Teil der übrigen Schellen. Da liegen Glocken aus Holz mit Klöppeln aus Tierhorn neben Glocken, die der Stamm der Bakuba in Kongo (Afrika) seinen Tieren umgehängt hatte, und Glocken aus der Türkei oder Griechenland. Nicht wenige dieser Exoten hat Josef Brand von seinem Freund Peter Kuhn erhalten, einem weitgereisten Münchner Professor. Die Vitrine steht im ehemaligen Stall in der Schür. Auch dieser sei ein Exot, sagt Josef Brand. Denn der Jauchekanal verläuft unter dem Stallboden und nicht wie üblich direkt im Boden. Der Stall ist Stall geblieben, nur dass die Kühe ausgetauscht wurden gegen ihren Schmuck, die Schellen, und es daher keine Jauche im Stall mehr gibt. Dort, wo früher der Schweinestall war, haben Brands das WC eingerichtet. «Mir war es ein grosses Anliegen, dass der Charakter der Rösslischür erhalten bleibt», betont Josef Brand. Die urchigen Schellen und die Rösslischür passen gut zusammen. Er hat sie an Balken im Stall, im Tenn und im Dachgeschoss aufgehängt.

Josef Brand hat tausend Ideen, was er noch irgendwie anders machen möchte. Nichts in der Schür überlässt er dem Zufall, erst recht nicht seine Schellen. Als er einige Schellen nach dem Rundgang wieder zurechtrückt, fast mit derselben Sorgfalt, mit der Kuratoren Bilder vor einer Ausstellung ausrichten, beginnt seine Frau zu lachen und meint: «Es muss eben stimmen.»

Der geübte Blick

Er hat sie mit seiner Leidenschaft für die Schellen angesteckt. Nicht wenige der Ausstellungsstücke hat Josef Brand von seiner Frau zu Weihnachten geschenkt bekommen und auch sie hat ihre Lieblingsstücke in der Ausstellung. «Man kann sie auch Schellen kaufen schicken», lobt dieser seine Frau. Der Fachmann ist und bleibt aber Josef Brand. Nicht immer ist die Herkunft einer Schelle bekannt, vor allem, wenn mehrere Regionen Schellen mit derselben Form herstellen. Josef Brand blickt in eine Schelle hinein, in diesem Fall eine runde Bronzeglocke. «Sie wurde von unten gegossen. Die Bündner giessen sie von oben, die Tiroler von unten», sagt er. Auch die eingearbeiteten Sujets und die Form lassen auf die Geburtsstätte einer Schelle schliessen. Weniger aussagekräftig seien hingegen die Riemen. «Zu schnell hat man einen neuen Riemen angebracht», begründet Josef Brand.

Besonders schön zeigt sich die Vielfalt seiner Sammlung oben an der Treppe im zweiten Stock. Dort hat der gelernte Spengler-Sanitär, Landwirt und ehemalige Berufsschullehrer Schellen an drei Holzbretter gehängt, die als Absperrung zur Treppe hin dienen. Am Brett an der Wand über der Treppe hängen unterschiedliche Klöppel. «Einer war wohl zu dünn, so dass ein findiger Bauer eine Unterlagsscheibe geknüpft hat», lacht Josef Brand. An einer der Wände hat er aus Armierungseisen einen Baum geformt, in dem Schellen hängen. Überladen wollte Josef Brand die Rösslischür nicht. Deshalb sind noch einige Schellen bei Brands zu Hause. «Etwa hundert», meint er. «Das ist aber sehr vorsichtig geschätzt», lacht seine Frau.

Höchstens Absaugglocken

In einem Raum der Rösslischür herrscht striktes Schellenverbot. Höchstens die Absaugglocken für die Milchpumpen sind erlaubt. Es ist das Revier von Luzia Brand. In diesem Raum hat die gelernte Hebamme ihrem langjährigen Beruf eine Ausstellung gewidmet. Von 1961 bis 1963 absolvierte sie die Hebammenausbildung und ergriff somit denselben Beruf wie ihr «Mutti», die ihre Hebammenausbildung 1936 abschloss. Stolz zeigt Luzia Brand auf ein Döschen mit einem Schweizerkreuz drauf und Puder drin. «Die habe ich schon als Kind gesammelt», sagt sie. Am meisten freue sie sich über ein Geschenk ihres ehemaligen Chefs, Doktor Reinhard Fischer, in den Sechzigerjahren Chef der Chirurgie, Medizin und Geburtshilfe im Krankenhaus Wattwil. Er hat ihr zwei alte Hebammenbücher aus dem Jahre 1784 geschickt.

So unterschiedlich ihre Ausstellungen auch sein mögen, es gibt eine Verbindung. Wenn Josef Brand über seine Schellen und Luzia Brand über ihre Hebammen-Utensilien spricht, leuchten ihre Augen.

Luzia und Josef Brand öffnen ihre Rösslischür jeden zweiten Sonntag im Monat bis Oktober oder nach telefonischer Vereinbarung: 071 983 21 78