WATTWIL: «Man muss kommen und sehen»

Die türkische Politologin Emel Topçu hielt einen aufrüttelnden Vortrag über die Lebensbedingungen syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Dort gibt es Städte, deren Bevölkerungszahl sich durch den Flüchtlingsstrom verdoppelt hat.

Peter Küpfer
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Emel Topçu berührte die Zuhörenden mit Fakten, hinter denen Schicksale stehen. (Bild: Peter Küpfer)

Emel Topçu berührte die Zuhörenden mit Fakten, hinter denen Schicksale stehen. (Bild: Peter Küpfer)

Peter Küpfer

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Sie wirkt in ihrer auf den ersten Blick etwas streng anmutenden Kleidung –Tunika und Kopftuch mit Schal – alles andere als streng. In entspannter Haltung stellt sie sich dicht vor das Publikum, bewegt sich sprechend von rechts nach links und wieder zurück, in permanentem Augenkontakt mit den Zuhörern. Hin und wieder, trotz des ernsten Themas, herzlich lachend. Die Soziologin aus Ankara, Emel Topçu, folgte der Einladung der Vortrags- und Lesegesellschaft Toggenburg und brachte die Realität der syrischen Flüchtlinge in die Aula des Berufs- und Weiterbildungszentrums in Wattwil.

Nach Studienaufenthalten in Indien und den USA wirkte die Referentin während 15 Jahren in EU-Forschungsprojekten in Deutschland. Auch nach ihrer Rückkehr in die Türkei arbeitet sie als wissenschaftliche Expertin mit internationalen Organisationen zusammen. Sie ist Hochschullehrerin und Forscherin an der Hassan-Kalyoncu-Universität in Gaziantep, einer südlichen Stadt in der Nähe der Grenze, die von der Flüchtlingswelle aus Syrien besonders stark betroffen ist. Ein Blick auf die Karte, insbesondere auf die an Syrien angrenzende Südtürkei, ist erhellend. Überraschend nah: Aleppo. Obwohl der Flüchtlingsstrom seit Anfang des Syrienkrieges anhielt, wurden die südtürkischen Städte in Grenznähe zeitweise überschwemmt. Die Zahlen sind erdrückend. Inzwischen sind die in der Türkei registrierten Flüchtlinge aus Syrien auf drei Millionen angewachsen. Die Referentin wies darauf hin, dass eine ­erhebliche Zahl von nicht registrierten Flüchtlingen dazukomme, so dass sie von real vier Millionen Flüchtlingen ausgehe. Die Städte in der Nähe der Grenze seien alle von Flüchtlingen überschwemmt, in einigen erreiche ihre Zahl die Hälfte und mehr der ansässigen Bevölkerung, andere stünden vor der Verdoppelung ihrer Einwohnerzahl. Es liege auf der Hand, dass dies schwere Probleme verursache, materielle und soziale.

Hoffnungsvolle Solidarität

Die Referentin erwähnte dabei vor allem die Unterkunft und die Lebenssicherung. Die Realität sei, dass Frauen, oft mit traumatisierter Vergangenheit, mit ihren zahlreichen Kindern allein auf der Flucht seien, da viele Väter Opfer des Krieges geworden sind. Zwar erleichtere der Grad der Industrialisierung gerade im südlichen Landesteil die Möglichkeit zu Gelegenheitsarbeit. Sie biete sich aber kaum an für Frauen, sondern für ältere Kinder und Jugendliche, zum Teil in Form von schlecht bezahlter Schwarzarbeit. Hier entstünden neue und unerwünschte Formen der Ausbeutung. Immerhin trage sie dazu bei, dass die Familien überleben. Der Preis dafür sei, dass die arbeitenden Kinder und Jugendlichen dadurch der Schule fernblieben. Registrierte Flüchtlinge hätten Anrecht auf Unterstützung, auch auf kostenlose Spitalpflege und Beschulung der Kinder, allerdings nur in türkischen Schulen. Warum dann so viele nicht registrierte Flüchtlinge? Registrierte Flüchtlinge müssten in der Türkei bleiben oder in ihr Heimatland zurückkehren. Dabei bestehe bei vielen Flüchtlingen der Traum, nach Europa, insbesondere nach Deutschland zu gelangen. Zahlen der Migrationsforschung zeigten aber, dass mehr als die Hälfte der Flüchtlinge im Gastland bleiben.

Als hoffnungsvoll beleuchtete die Referentin die vielfältigen Formen tätiger Solidarität. Sie erwähnte dabei Freiwilligenarbeit unter Mitwirkung der Flüchtlinge, insbesondere im Bereich der Nachbarschaftshilfe und der Beschulung der Kinder, auch mit syrischen Lehrkräften und Lehrmitteln. Es bestünden seit Alters enge Beziehungen der Menschen in Nordsyrien mit der südlichen Türkei. Auch erleichtere die kulturelle Ähnlichkeit der beiden Regionen den Kontakt. In beiden Ländern überwiege die schiitische Tradition des Islam.

Eine rege benützte Diskussion bezeugte das grosse Interesse, das die Referentin mit ihren Ausführungen weckte. Dabei rückte sie auch feste Klischeevorstellungen in ein anderes Licht. Betreffend die Persönlichkeit des Präsidenten, die Bedingungen der Frauen und die Lebensqualität im Lande: «Man muss eben kommen und sehen!», sagte die Referentin. Sie lächelte.

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